»Der weiße Mann ist am Ende«, verkündete unser Blatt in der vorigen Woche. Das wäre wirklich schade, hat doch dieser von Platon bis Planck so ziemlich alles erfunden, was unsere Welt ausmacht, sei sie schwarz, weiß oder gelb. Kitsch und Kathedralen, Fast Food und Haute Cuisine, Tragödie und Comics, Fuge und Rock’n’Roll, Insulin und Internet, Christentum und Säkularismus. Entscheidend: die Trennung von Glauben und Vernunft, Kirche und Staat. Auf diesem Boden sprossen Renaissance und Aufklärung, Liberalismus und Marxismus.

Die Chinesen haben Papier und Porzellan erfunden; die »weißen Männer« die Chemie und Physik – die Wissenschaft als systematische Erkenntnissuche, die Tausende von Erfindungen gezeugt hat. Der weiße Mann hat auch den Gulag, die Gaskammer und den mechanisierten Krieg erfunden. Man täte ihm allerdings zu viel »Ehre« an, schriebe man ihm allein Imperialismus, Kolonialismus und Sklaverei zu. Erfunden haben diese Geißeln die Ägypter, Perser, Babylonier und Chinesen; der Westen hat sie bloß über die ganze Welt verbreitet.

Warum hat dann der »weiße Mann« eine so schlechte Presse? Weil er sich schuldig gemacht hat und Schuld fühlt – auch eine Erfindung des Juden- und Christentums, genauso wie die Selbstkritik. Deshalb: »Nie wieder!« Nie wieder Rassismus und Unterdrückung – auch nicht von weißen Frauen! Richtig so – nur lässt sich die Karriere des Westens nicht auf seine Untaten reduzieren. Der Schurke hat sich auch die Menschenrechte, den Rechtsstaat, die Demokratie, die UN und den Internationalen Gerichtshof ausgedacht – Institutionen, die zum Modell für die Welt geworden sind.

Aber zeigt nicht Amerika, diese Maschine der Moderne, dass das Schicksal des weißen Mannes trotzdem besiegelt ist – dramatisiert durch den Sieg des Schwarzen Obama über den Macho Romney? Daran ist nur richtig, dass Obama die richtige Koalition zusammengeschirrt hat: Hispanics, Schwarze, Asiaten. Wie vor ihm noch jeder Präsident, seit Iren und Osteuropäer, Katholiken und Juden die Bastionen der WASP-Republik (»White Anglo-Saxon Protestant«) zu schleifen begannen. Ausgerechnet George W. hatte fast die Hälfte der Hispanics für sich gewinnen können. Der nächste Republikaner wird Romneys Geschwätz (»Selbst-Deportation«) nicht wiederholen, zumal Hispanics und Asiaten mit ihren konservativen Werten geradezu ideale Anhänger abgäben.

Ansonsten bleibt Amerika ein »weißes« Land – mit 72 Prozent der Bevölkerung. Die Fertilitätsrate der Hispanics sinkt (wie bei Einwanderern überall); sie liegt nur knapp über der weißen. Mithin wird es noch dauern, bevor Amerika »Estados Unidos« heißt. So bald werden auch China und Indien die Weltherrschaft nicht an sich reißen; das westliche Pro-Kopf-Einkommen ist zehn, respektive dreißig Mal höher. EU und USA sind für mehr als die Hälfte des Weltwirtschaftsprodukts gut. Das chinesische Wachstum schrumpft – kein »Wirtschaftswunder« hält ewig; siehe Japan und Taiwan.

Die Weltgeschichte verläuft nicht linear, sondern »dialektisch«. Diesen Begriff haben drei weiße Männer erfunden: Platon, Hegel und Marx.