Vor einiger Zeit sah ich eine TV-Reportage über erfolglose Bewerber. Einer wurde als Musterknabe dargestellt: 30 Bewerbungen pro Woche – und 30 Absagen. Der Reporter fragte: »Wie kann es sein, dass jemand trotz so vieler Bewerbungen scheitert?« Ebenso könnte man fragen: »Wie kann es sein, dass jemand pro Woche 30 Heiratsanträge macht und 30 Absagen kassiert?« Nicht trotz, sondern wegen der vielen Bewerbungen waren die Chancen so gering!

Der zielbewusste Mensch gestaltet sein Schicksal, wie Kant es sagt, statt sich durch wahllose Bewerbungen zum Opfer des eigenen Übereifers zu machen. Wer vier bis fünf Bewerbungen an einem Tag schreibt, überschwemmt die Firmen mit Einheitsbrei – und so werden sie von den Unternehmen behandelt: als Spam. Nur 30 bis 40 Sekunden dauert es, ehe ein Personaler entschieden hat, auf welchem Stapel eine Bewerbung landet: brauchbar, vielleicht brauchbar oder unbrauchbar. Nichts ruft den Aussortierreflex schneller hervor als eine offensichtliche Standardbewerbung, die nur am Rand auf die Stellenausschreibung eingeht und im selben Wortlaut an andere Firmen gegangen sein könnte.

Eine Bewerbung ist eine Arbeitsprobe: Wie gut kann der Bewerber auf Kundenwünsche eingehen? Kunde ist in diesem Fall das Unternehmen.

Die Firmen erwarten, dass der Bewerber die Schnittfläche zwischen der Stellenausschreibung und seiner Qualifikation herausarbeitet. Sie erwarten, dass er erklärt, warum gerade er dieses Unternehmen bereichert. Nicht nur das Anschreiben, auch der Lebenslauf sollte auf eine Firma zugeschnitten sein: Welche Erfahrungen der Vergangenheit sind für die aktuelle Aufgabe am nützlichsten? Je deutlicher ein Bewerber diese Punkte hervorhebt, desto eher landet er auf dem Stapel »brauchbar«.

Solche Maßarbeit setzt eine gründliche Recherche über die Firma voraus. Und sie braucht Zeit; eine Mappe pro Tag, mehr ist nicht drin. Gelungene Bewerbungen sind wie Liebesbriefe: Sie geben dem Empfänger zu verstehen, dass man ihn in seiner Einmaligkeit erkannt hat.