KunstmarktHöhe + Breite mal 10 = DM

Dutzende Millionen Euro werden für Gemälde von Gerhard Richter gezahlt, neue Frühwerke tauchen auf. Ein Preisbild. von Stefan Koldehoff

In einer grauen Dokumentenschachtel im Kölner Zentralarchiv des Internationalen Kunsthandels (Zadik) liegt ein unscheinbares, leicht angegilbtes Blatt Papier. Mit Schreibmaschine hat darauf jemand – wahrscheinlich der Wuppertaler Galerist Rolf Jährlings – die Preise für Gemälde von »Gerd Richter« festgehalten. 400 Mark soll der Telefonmann, mit 60 mal 40 Zentimetern das kleinste Bild der Ausstellung Neue Realisten in Jährlings’ legendärer Galerie Parnass, kosten. Für 500 Mark ist das Mädchen im Liegestuhl, 60 x 95 cm zu haben. Das falsch bezeichneten Nubas, eines der größten angebotenen Gemälde, wurde für 1.600 Mark angeboten. Die Berechnungsformel für die Preise hält später ein ebenfalls in Köln aufbewahrter Vertrag fest, den Gerhard Richter im April 1967 mit seinem Galeristen Heiner Friedrich schloss: "Bruttowert gleich Verkaufspreis eines Bildes ergibt sich aus folgender Formel: 'Höhe + Breite mal 10 = DM'".

Zadik-Direktor Günter Herzog rechnete danach aus, was er in einem Vortrag ironisch den »Richter-Faktor« nannte. In der Parnass-Ausstellung 1964 betrug er noch nicht 10, sondern nur 4,57 Mark. Drei Jahre später – Richter hatte eine Vertretungsprofessur in Hamburg erhalten – schon 11,11 Mark. Die 48 Portraits, die 1972 im Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig zu sehen waren, kaufte Peter Ludwig für 48.000 Mark – Richter-Faktor: 8 Mark. Und erst nach der epochalen Ausstellung von hier aus, die 1984 in Düsseldorf stattfand, stieg der Faktor bereits auf 150 Mark. Damals waren kapitale Gemälde noch für unter 30.000 Mark zu bekommen. Marian Goodman etablierte den deutschen Künstler ein Jahr später auch in New York.

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»Ich habe die Bilder lieber billig gemacht, nur um zu verkaufen«, beschrieb Gerhard Richter selbst später seine Preispolitik der frühen Jahre. »Denn irgendwie habe ich so nach Anerkennung gehungert, dass ich auch die besten Bilder immer sofort aus dem Atelier gegeben habe.« Richtig teuer wurden sie Anfang der 1990er Jahre. Erst 2002 übersprang dann eines von Richters abstrakten Gemälden die Millionenmarke. Der Künstler selbst hatte das Werk mit dem Titel Fels für die Benefizauktion des Dresdner Albertinums nach dem Elbhochwasser gespendet.

Im Zusammenhang mit ihm werde fast nur noch über Preise gesprochen, hat Gerhard Richter kürzlich in einem seiner seltenen Interviews festgestellt: »Was ich ja niemandem übel nehmen kann, da es so schwer ist, über die Kunst zu schreiben.«

Würde man das ironisch-respektlose Spiel nach den Auktionen der vergangenen Zeit weiterspielen, landete der »Richter-Faktor« inzwischen bei einem hohen fünfstelligen Euro-Betrag: In der vergangenen Woche erzielte bei Sotheby’s in New York ein Abstraktes Bild von 1990 17,4 Millionen Dollar – den unteren Schätzpreis. Einen Abend später schlug Christie’s eine weitere Abstraktion von 1992 für 15,3 Millionen Dollar zu; zwei frühere Werke des Deutschen fanden bei Schätzpreisen von 10 bis 15 und 9 bis 12 Millionen Dollar jedoch keine Käufer. Im Oktober hingegen hatte der Rockmusiker Eric Clapton für ein Abstraktes Bild von 1994 aus seiner Sammlung bei Sotheby’s in London umgerechnet 26,4 Millionen Euro erlöst. Damit wurde Richter zum teuersten lebenden Künstler und übertraf Jasper Johns, dem diese fragwürdige Ehre zuvor für ein mit umgerechnet 22 Millionen Euro bezahltes Flaggenbild zuteilgeworden war. Der Katalog stellte Richters zimmerhohe gerakelte Abstraktion in Rot, Grün, Gelb und Blau auf nicht weniger als zehn Seiten vor und verglich sie am Ende mit Monets riesigem Seerosenteich aus dem Kunsthaus Zürich.

Weniger geht bei Richter-Werken schon lange nicht mehr. Ähnlich hoch wie Sotheby’s den Clapton-Richter hängt das Berliner Auktionshaus Bassenge am 1. Dezember ein Gemälde, dessen Eigenhändigkeit außer Zweifel steht, das aber nicht Teil des offiziellen Œuvres ist. Hier dienen Werke von Johann Christian Dahl, James McNeill Whistler und sogar Vincent van Goghs Kohleschiffe in Arles als Vergleichsbilder für eine 70 mal 110 Zentimeter messende nächtliche Duisburger Industrielandschaft aus dem Jahr 1962 mit dem Titel Rheinhausen. »Richter war damals gerade aus der DDR in den Westen geflüchtet und brauchte Geld«, erläutert Dietmar Elger, Leiter des Gerhard-Richter-Archivs in Dresden und Autor des Werkverzeichnisses, den Status des 50 Jahre alten Gemäldes. Ein Kunstfreund habe Richter gebeten, dieses Motiv zu malen: »Das war eine reine Auftragsarbeit, nicht mal Teil des Frühwerks. Richter hat sich mit dem Thema gar nicht beschäftigt. Eine reine Geldsache.« Bei einer Haushaltsauflösung habe das Bild dann den Besitzer gewechselt. Der neue Besitzer wandte sich an Elger, der das Bild auf höchstens 15.000 Euro schätzte. Bei Bassenge wird das signierte und datierte Gemälde nun mit Sonderbroschüre für das Zehnfache angeboten.

Ohnehin scheint zurzeit fast alles, was den Namenszug »Gerhard Richter« trägt, bares Geld wert zu sein. Das grün-graue Foto, das 2008 die Leihgeber der Richter-Ausstellung im Leverkusener Schloss Morsbroich als Dank vom Künstler geschenkt bekamen, taucht seit einiger Zeit für bis zu 6.800 Euro im Handel auf. Fünf Blätter der Grafikserie Alpengipfel, die der Hamburger Verein Griffelkunst 1969 an seine Mitglieder für je 50 Mark abgab, bietet Lempertz am 1. Dezember für zusammen 10.000 bis 15.000 Euro an. In derselben Woche werden Einzelblätter aus der Reihe bei Villa Grisebach auf 2.000 bis 3.000, bei Hauswedell und Nolte auf 1.500 und bei Karl & Faber auf je 1.000 Euro geschätzt. Signierte Richter-Kataloge und -Künstlerbücher kosten bei der Internet-Plattform zvab.com bis zu 1300 Euro. Bei den signierten Postkarten hingegen, die vor allem bei eBay – zum Teil als angebliche »Multiples« – für absurd hohe Preise angeboten werden, handelt es sich zu einem großen Teil um Fälschungen. »Herr Richter signiert schon seit Langem keine Postkarten mehr«, sagt Dietmar Elger, »unter anderem weil er weiß, dass diese Gefälligkeitssignaturen anschließend sofort für viel Geld übers Internet verkauft werden. Trotzdem werden immer wieder welche angeboten. Seine Unterschrift ist ja leicht nachzuahmen.«

Die Nuba, die 1964 in Wuppertal 1600 Mark kosteten, wurden im Juni 2010 für 3,7 Millionen Pfund versteigert. Und für das damals mit 500 Mark bewertete Mädchen im Liegestuhl bot 2011 bei Sotheby’s in London ein unbekannter Sammler mit 4,07 Millionen Pfund mehr als das Doppelte des Schätzpreises. »Das ist genauso absurd wie die Bankenkrise«, kommentierte Gerhard Richter selbst die Preise, die inzwischen für seine Werke gezahlt werden: »Das ist unverständlich, albern, unangenehm.«

Gérard Goodrow, früher Direktor des Auktionshauses Christie’s und heute Kunstberater in Köln, geht allerdings davon aus, dass Richters Preise noch weiter steigen: »Im Bereich der Klassischen Moderne sind die bedeutenden Bilder inzwischen fast alle in Museen. Für die Meisterwerke der Nachkriegskunst gilt das nur bedingt, und das wissen die Sammler, die sich solche Werke leisten können. Sie entdecken deshalb bisher unterschätze Künstler wie Ad Reinhardt und Clyfford Stil, Franz Kline und Morris Louis und eben auch noch lebende Künstler mit Wurzeln in den 1960er Jahren wie Heinz Mack oder Gerhard Richter für sich.« Der Künstler sieht die Hausse für seine Bilder – durchaus selbstbewusst – in einer historischen Tradition. »Mir ist klar«, sagte er in einem Interview, »dass Kunst immer mit Geld verbunden war, deswegen gab es in Holland oder Venedig fantastische Kunst und in Russland und Polen eben nicht. Es funktioniert eben nur auf diese seltsame, harte, grausame Weise.«

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Leserkommentare
  1. Wenn Kitsch Kunst wird...

    • genius1
    • 02. Dezember 2012 20:30 Uhr

    Woanders Angelegt, würde das Geld besseres Bewirken.

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    ja, dafür haben sie sicher ein Patentrezept:-)

    Nein: Prinzipiell ist es immer gut, wenn irgendwas gekauft, weil ein Teil des Geldes als Steuern an die Gemeinschaft geht. Ob es sich dabei um Handys, Autos oder Kunst handelt, spielt keine Rolle.
    Kunst schneidet im Vergleich sogar noch gut ab, weil eine große Wertschöpfung stattfindet, ohne die Umwelt groß zu belasten.

    Aber dass bei dem Thema Neidreflexe einsetzen, war zu erwarten.

    • fs0
    • 02. Dezember 2012 22:41 Uhr

    Während der Meister mit Hilfe seiner Zweimeter-Rakel für seinen New Yorker Galeristen am Fließband produziert, ist man im Dresdener Hygiene-Museum dabei, mit kleinstem Instrumentarium ein Frühwerk des Meisters zu reanimieren.

    Im Hygiene-Museum hatte er als Abschlussarbeit der Akademie vor vielen Jahrzehnten eine Wand der Cafeteria bemalt. Das Werk wurde angesichts seiner augenfälligen Bedeutungslosigkeit alsbald übertüncht.
    Jetzt wieder freigekratzt dürften seine Maße gemäß dem Richter-Faktor etwa den Wert eines besseren Raffael ergeben.

    • Mari o
    • 02. Dezember 2012 23:32 Uhr

    Es funktioniert eben nur auf seltsame, harte, grausame Weise,als größenwahnsinniger Illustrator und Dekorateur Anerkennung zu kriegen.

    • ikarus7
    • 03. Dezember 2012 0:47 Uhr

    leider keine bilder

  2. sehen auch ähnlich aus
    Der Status mancher Tapetenliebhaber verlangt eben hohe Preise.

    • cafbad
    • 03. Dezember 2012 7:52 Uhr

    Dass der Kunstmarkt hoch spekulativ geworden ist und aberwitzige Preise verlangt und bezahlt werden - geschenkt. Ja, das ist so.

    Aber schmälert das Gerhard Richters Bedeutung als Künstler in irgendeiner Weise, wie man angesichts der bisherigen, reichlich gehässigen Kommentare glauben könnte? Ist Kunst nur dann akzeptabel, wenn sie auch dem flüchtigen Betrachter sofort verständlich und einleuchtend ist? Wenn es - anscheinend - unnötig ist, sich mit ihr zu beschäftigen, wie ja mancher bezüglich Raffael, Michelangelo und Co (fälschlicherweise) zu glauben scheint?

    Allen, die angesichts abstrakter, ihnen unverständlicher Kunstwerke, lauthals "Das kann ich auch" blöken, möchte ich gerne leise ins Ohr flüstern: Nein. Kannst Du nicht...

    Eine Leserempfehlung
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    • intolia
    • 03. Dezember 2012 9:10 Uhr

    ... das sagte der Berater in "Kaisers" neue Kleider auch :-)

    • Mari o
    • 03. Dezember 2012 9:36 Uhr

    zu der gierigen Welt in der und für die G.R. arbeitet.
    http://www.zeit.de/video/...

    Farbe wie Dreck über die Leinwand zu ziehen ist natürlich eine ebenso naheliegende wie witzige Idee.
    aber mit Abstraktion hat das rein aber überhaupt garnichts zu tun
    und von Können kommt diese Kunst auch nicht.
    Wenn man sowas unbedingt zuhause überm Sofa hängen haben will,kann man sich das leicht selber machen ;)

    • fs0
    • 03. Dezember 2012 17:17 Uhr

    Wenn Sie's nicht glauben, dann kucken Sie mal "Gerhard Richter painting"!

    Kunst sind Richters Rakeleien aber schon deshalb, weil tatsächlich frappierende Formen des Sehens provoziert werden. Und die Dinge schön sind. Und es eben Kunst ist, das Spachteln zu stoppen, wenn's am schönsten ist.

    Bekannt wurde Richter als Epigone(!) des Pictorialismus (19.Jahrhundert), dessen Schöpfungen der Meister gekannt haben muss. Gekannt hat er selbstverständlich auch den Begriff objet trouvée. Und da gab es vor ihm Legionen von Malerkollegen, die sich damit seit 100 Jahren auf die Sprünge helfen. Nichts dagegen zu sagen. Im Gegenteil.

    Herr Richter wird das genauso sehen. Und ihm ist's wahrscheinlich unwohl, wenn er die von ihm selbst als "albern" bezeichneten aberwitzigen Spekulationen seines Galeristen verfolgt.
    Weil gehandelt wird ja ähnlich wie an den Börsen oder in Schneeballsystemen. Gemeint ist nämlich nicht das Kunstwerk sondern die Annahme, dass irgendein Dümmster irgendwann mal diesen und jenen Preis zu bezahlen bereit ist. Bis dahin wird der Schinken oft nicht mal ausgepackt.

  3. ja, dafür haben sie sicher ein Patentrezept:-)

    Nein: Prinzipiell ist es immer gut, wenn irgendwas gekauft, weil ein Teil des Geldes als Steuern an die Gemeinschaft geht. Ob es sich dabei um Handys, Autos oder Kunst handelt, spielt keine Rolle.
    Kunst schneidet im Vergleich sogar noch gut ab, weil eine große Wertschöpfung stattfindet, ohne die Umwelt groß zu belasten.

    Aber dass bei dem Thema Neidreflexe einsetzen, war zu erwarten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • genius1
    • 03. Dezember 2012 17:07 Uhr

    Das alles Geld nur als Kredit existiert und deswegen auch Zinskosten Verursacht, ist Ihnen Bekannt? Unser jetziges Geldsystem ist damit ein Schuldgeldsystem.

    Das Mackenroth-Theorem kennen Sie auch?

    http://de.wikipedia.org/w...

    Wenn jemand Dauerhaft mehr Einkommen (Geld) generieren kann als er Ausgibt, wird man ganz automatisch Reich. Und wenn einer schon Reich ist, wird er immer mehr Einkommen generieren können, als ein armer Reicher!

    Auf der anderen Seite muss sich immer einer in Geld verschulden, ansonsten wäre das Generieren von Reichtum nicht möglich, wegen absoluter Zahlungsunfähigkeit von einigen Marktteilnehmern!

    Siehe im Link:

    http://www.youtube.com/wa...

    Reichtum ist nur möglich, wenn sich einer immer Ärmer wird durch Geld-Verschuldung.

    Glauben Sie und alle anderen immer noch, das ein Schuldgeldsystem auf Dauer funktionieren kann!? Was passieren wird, wenn erst die Finanzwirtschaft kollabiert ist, und etwas später auch die Realwirtschaft, scheint erst Begriffen zu werden, wenn Es passiert ist!

    Um den Kollaps zu Verhindern, muss der Staat neben den Banken, mit in die Geldschöpfung aus dem Nichts einsteigen!

    Ab Kommentar 53 nachzulesen:

    http://www.zeit.de/wirtsc...

    Der einzige Weg, Armut zu verhindern, ist das Schöpfen von Vollgeld. Aber davon steht ja vieles im Link.

    Finanzierung der Staaten nur über Steuereinnahmen, bei Sparsamer Haushaltsführung!

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  • Schlagworte Kunstmarkt | Kunst | Zeitgenössische Kunst | Gerhard Richter
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