Es ist noch keine drei Wochen her, da kommentierte die Piratin Marina Weisband Gerüchte um ihre Rückkehr in die Politik mit dem Satz: »Ich habe keinen Bock mehr.« Eigentlich deutlich.

Aber offenbar nicht deutlich genug. Die Gerüchte wollen nicht verstummen, und so wird die Frage, ob Marina Weisband noch einmal antritt, eine der heißen Fragen auf dem Bundesparteitag der Piraten am kommenden Wochenende werden. »Wir brauchen Marinas Kompetenzen in der Führung«, sagt die Feministin Anke Domscheit-Berg, die vor einer Weile von den Grünen zu den Piraten gewechselt ist, »ich hoffe, dass sie kandidiert.«

Nach ihrem phänomenalen Aufstieg und dem raschen Einzug in vier Landesparlamente stecken die Piraten derzeit in ihrer ersten tiefen Krise. Vielleicht ist sie existenziell. Die Piraten verheizen mit einer fatalen Leidenschaft ihr Führungspersonal, verlieren sich in absurden Streitereien, fallen fast nur noch mit politischer Exzentrik auf, nicht mehr mit neuen Ideen. In den Umfragen kommen sie derzeit nur noch auf drei, manchmal vier Prozent, bei den Landtagswahlen in Niedersachsen im nächsten Januar dürften sie nach jetzigem Stand scheitern, ob sie es im nächsten Jahr in den Bundestag schaffen, ist ungewiss. Das ist die Lage vor dem Parteitag in Bochum, das ist die Atmosphäre, in der über Marina Weisbands Rückkehr spekuliert wird.

Weisband ist eines der bekanntesten Mitglieder der Piratenpartei. Sie ist jung, sie ist eloquent, sie ist eine attraktive Frau unter vielen Nerds. Als sie auftauchte, schien sie durch ihre schiere Anwesenheit das Frauenproblem der Piraten zu lösen.

Im Mai 2011 kandidierte sie für das Amt der Politischen Geschäftsführerin der Partei. In ihrer Bewerbungsrede – das Video kann man auf YouTube anschauen – empfahl sich Weisband mit den Worten: »Ich kann Kommunikation.« Das stimmt. Sie spricht akkurat und akzentuiert. In dem zehnminütigen Clip ist eine Frau zu sehen, die mitten im Piratenparteitagschaos die Bühne betritt und erkennbar das Zeug zum Star hat.

Die Medien stürzten sich auf sie. Endlich war da jemand, der erklären konnte, was die Piraten wollen. Eloquent und schlagfertig antwortet Weisband auf Fragen. Auch wenn sie lange redet, verspricht sie sich nie. Sie führt jeden einzelnen Satz, samt verschachtelter Nebensätze, zu Ende. Keine Pause, kein »Äh«, kein verlorener Faden. Bald ist sie die Standardbesetzung für Talkshows und Diskussionsrunden. Bis sie zusammenklappt.

Im vergangenen Frühjahr erleidet die heute 25-Jährige nach der Talkshow Studio Friedmann einen Kreislaufzusammenbruch – der Talkmaster Michel Friedmann hatte sie massiv angegriffen. Kurz darauf gab Weisband ihren Rückzug aus der Politik bekannt. Den Niedergang ihrer Partei begleitete sie aus der Ferne. Nun soll sie zur Retterin werden.

Weisband, die Umworbene, die Projektionsfläche, sitzt in einem Café in Münster, neben ihrem Verlobten. Marcus Rosenfeld ist 29 Jahre alt, Buchhändler und Geschichtsstudent, spezialisiert auf abweichendes Sozialverhalten in der Frühen Neuzeit. Er ist in jeder Hinsicht das Gegenteil seiner Partnerin. Unauffällig, unprätentiös, ungelenk. »Marina war von Anfang an eine außergewöhnliche Erscheinung«, erinnert er sich. »Sie wirkte wie aus der Zeit gefallen.« Die beiden lernten einander bei Vampire Live kennen, einem blutrünstigen Rollenspiel. Viele Piraten machen solche Rollenspiele. Und für fast alle Piraten ist die Fantasy-Welt der gemeinsame Referenzhorizont.