Roman von António Lobo AntunesFallstricke der Lüge

António Lobo Antunes’ dunkel leuchtender "Archipel der Schlaflosigkeit". von Jochen Jung

Autor António Lobo Antunes (Archivbild)

Autor António Lobo Antunes (Archivbild)  |  © Quim Llenas/Getty Images

Als eine Stimme in diesem Roman die Frage stellt: »Was für ein Buch ist das bloß, das zu schreiben mir so viel Mühe macht?«, ist das Buch schon weit über die Hälfte vorbei, und es ist undenkbar, dass man sie zu diesem Zeitpunkt anders beantwortet als so: ein grandioses. António Lobo Antunes ist einer der großen europäischen Autoren, mit zahllosen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet. Mit diesem Roman ist ihm ein dunkel leuchtendes Meisterstück gelungen.

Der Ort der Erzählung ist ein Landgut in der Nähe der kleinen Stadt Trafaria am südlichen Ufer des Tejo, gegenüber von Lissabon. Aber es könnte genauso ein Landgut in der Ukraine oder in Afrika sein, denn es ist ein verlorener Ort, wie es ihn überall geben kann. Und auch die Familie und die Bediensteten, die dort seit einer Ewigkeit leben, sind verloren und der Welt abhandengekommen. Der Großvater ist es, der alles aufgebaut hat und unter dem am Ende doch alles verkommt. Er ist der Chef, dem sich alle zu fügen haben, Sohn, Enkel, Frauen. Der Großvater sagt »komm her«, und man kommt, tut, was er will. Nur der Verwalter bewahrt sich so viel Respekt, dass der Alte bei dessen Beerdigung alles selbst in die Hand nimmt. Dennoch ist es nur ein Tod von vielen, und nicht alle sterben gewaltlos.

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Die Verwandtschaftsverhältnisse auf dieser vom Patriarchen auch erotisch beherrschten Enklave sind mehr als unklar. Niemand weiß, ob der, der hier zu erzählen beginnt – andere werden ihn ablösen –, der Sohn des Alten oder der eines anderen ist. Und er hat einen Bruder. Er ist Autist. Auch hier verschwimmen die Identitäten. Welcher der beiden Brüder ist welcher? Man versucht es herauszufinden, man versucht vieles herauszufinden, manchmal gelingt es und manchmal nicht, alles scheint verwirrend gleichzeitig da und ist doch von großer Klarheit. Die eine Stimme erzählt, und viele andere rufen dazwischen.

Erschienen im Luchterhand Verlag

Erschienen im Luchterhand Verlag  |  © Luchterhand

Zwischen Leben und Tod wird aus Gegenwart Vergangenheit, zerbröckelt, zerbröselt, zerrinnt. Wie kann man das aufhalten? Man kann es nicht aufhalten, und man kann es auch nicht wieder zusammensetzen, es bleiben Bruchstücke, die von anderen Bruchstücken überlagert werden. Auch die Sätze brechen ab, und zugleich wiederholt sich so vieles in einer einzigen Lebens- und Sterbenslitanei. Das Buch, von Maralde Meyer-Minnemann mit Glanz übersetzt, ist ein Reigen und ein Totentanz, der ganz am Ende, auf dem Fährschiff zum anderen Ufer des Tejo, womöglich ein Walzer wird. Die Gestalten, die sich da drehen, schmecken »nach altem Mais und trockener Erde«, ein Metallzahn spricht, die Bäume reden. Auf den tausend Bühnen dieses Romans geschieht vieles zugleich, und Gegensätze heben sich auf. Wenn jemand sagt, ich lüge nicht, dann kann es sein, dass er nicht lügt, es kann aber sein, dass er doch lügt, beides ist gleich nah an der Wahrheit.

Die herauszufinden, hat dieses Buch – und das macht seine Irritation, aber auch seine Größe aus – gleichsam aufgegeben. In den Fallstricken der Erinnerung ist das wahr, was gerade da ist, was wieder aufgetaucht ist. Eine oberste Instanz fehlt nicht nur in literarischer Hinsicht. »Von Gott verstehe ich nicht viel«, sagt Cousine Hortelinda, die genau über den Tod Buch führt und jeden pünktlich zum Sterben ruft. Vor den Albträumen, die einem da kommen mögen, bewahrt nur noch die Schlaflosigkeit.

Mit Faulknerscher Wucht hat Antunes eine düstere Welt aufgebaut und zugleich zerhauen. Sich in diesen Erinnerungstrümmern zurechtzufinden, ist ein Geschenk für jeden Leser.

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    • Schlagworte Roman | Buch | Belletristik | Literatur
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