Plattenfirma ECMDer vierte Weg

Das Münchner Haus der Kunst feiert das Plattenlabel ECM mit einer Ausstellung. von Mirko Weber

Der junge Keith Jarrett auf einem Foto aus der Ausstellung

Der junge Keith Jarrett auf einem Foto aus der Ausstellung  |  © Roberto Masotti

Wenn man die Treppe hinauf ist im Haus der Kunst, angeschoben von Marion Browns anarchischem Altsaxofon, anno Anfangssiebziger, das unten in Endlosschleife kreist, steht man rechts vor einer Wand wie im Dortmunder Stadion. Nur ist die nicht gelb und besteht aus Fußballfans, sondern gescheckt und setzt sich aus Musik zusammen. Rücken an Rücken, massig breit und mordshoch steht hier eine unfassbare Menge an geschachtelten Mastertapes der Firma ECM – und ist selbst schon wieder Artefakt: Musik von Keith Jarrett und Gary Burton, Pat Metheny und Jan Garbarek, Annette Peacock und dem Art Ensemble of Chicago, um nur einige zu nennen.

Später in der Ausstellung wird man die passenden Cover dazu sehen, und auch die Klänge, nunmehr im abgemischten Zustand, werden nachgereicht, ganz diskret, meist über Kopfhörer. Dazwischen Entwürfe, Installationen (von Anri Sala und der Otolith-Group), Filme, Noten, Fotos, und wenn man das Museum wieder verlässt, kann man sicher sein, dass man nicht alles gesehen und gehört hat. Aber es hilft natürlich, wenn man den Rat des kuratierenden Direktors Okwui Enwezor (mit Markus Müller) berücksichtigt: »Take your time!«

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Andererseits muss man manchmal einfach sein Leben ändern – auch »ohne Businessplan und ohne Marketingkonzept«, wie Manfred Eicher, Bayer aus Lindau und Jahrgang 1943, anmerkt. Eicher gehört zu den seltenen Menschen, die zwei Seelen in ihrer Brust fühlen und nicht »Ach!«, sondern »Ja, dann!« sagen. So wird aus dem festangestellten Kontrabassisten bei den Berliner Philharmonikern und gleichzeitig praktizierenden Free-Jazz-Musiker 1969 der Produzent eines Schallplattenlabels, das sich in München ansiedelt und Ungeheures erreicht: die Daueremanzipation der Musik.

1969 war eine seltsame Umbruchszeit für das Genre insgesamt: Während der Rock in Richtung Monumentalität marschierte, um sich selbst erst mal zu überleben, und der Jazz sich vom Rock ein bereits totes Vermarktungskonzept ausborgte, setzte der Klassikmarkt auf fetten Mainstream (und Harnoncourt war noch nicht so weit). Eicher aber ging einen vierten Weg. Er und sein Label mit dem schön spröden Namen Edition of Contemporary Music behandelten Aufzeichnungen »wie Kunstwerke« (Enwezor). Zwar wurde nach wie vor konfektionierte Ware hergestellt, allerdings mit dem Anspruch, dass der künstlerische Impetus unantastbar sei: Vom Inhalt wurde auf die Form (und den Klang) geschlossen. Ansonsten herrschte Klarheit. Visuelle Klarheit auf den Deckblättern der Platten. Konstruktive Klarheit in der Konzeption der Musik. Und Klarheit beim Sound. Eher zu wenig als zu viel.

Ausstellung ECM — Eine kulturelle Archäologie

Bis zum 10. Februar im Münchner Haus der Kunst. Der Katalog kostet 49,95 Euro. Viele Begleitkonzerte und Filmabende.

Folgerichtig startete Eicher seine Edition mit einem Album von Mal Waldron. Es hieß Free at Last, war in der äußeren Form ein echter Bruch mit herkömmlicher Fotowerbeästhetik und musikalisch ein Brückenschlag in verschiedene Richtungen. Waldron, der damals in München lebte, hatte Billie Holiday begleitet, mit Charles Mingus gespielt und in Deutschland mit den Prog-Kraut-Rockern von Embryo zumindest kokettiert. So nahm er (mit Isla Eckinger am Bass und dem Schlagzeuger Clarence Becton) eine Art konjunktivisches Album auf. Er verwies auf mögliche Spielarten, ganz undogmatisch. Was Waldron damit sagen wollte: Die Welt ist groß – und mit Tönen ohnehin nicht auszuschreiten. Aber gehen wir doch ein Stück zusammen. Und Manfred Eicher ließ ihm alle Zeit, genau dies auszusprechen.

Okwui Enwezor nennt die Münchner Ausstellung im Untertitel eine kulturelle Archäologie, und das mit gutem Grund. Zum einen gräbt Eicher (immer noch) tiefer als andere Produzenten, er ist einfach stets an der tiefstmöglichen Aussage interessiert. Das kann dann freier noch als free enden wie beim britischen Saxofonisten Evan Parker, singend im ostinaten Fluss aufgehen wie bei Eberhard Weber oder auch im Ethnologischen wurzeln wie bei dem argentinischen Bandoneonspieler Dino Saluzzi, den Eicher (ein Beispiel für viele) mit Musikern wie Charlie Haden oder Charlie Mariano weniger vernetzt als buchstäblich verbunden hat. Bevor der oberflächliche Begriff von der Weltmusik erfunden wurde, hatte ECM längst damit begonnen, die traditionellen Landkarten zu überschreiben, sei es mit improvisierter oder auskomponierter Musik: Eicher, der Ermöglicher. Hätte jemand ernsthaft vor Keith Jarretts Köln Concert behaupten dürfen, man könne eine ganze Kassette mit improvisierter Musik verkaufen? Kaum. Dann entstand Bremen/Lausanne, und schließlich kamen die Sun Bear Records« (zehn Platten!), insistierende Selbstbefragungen eines Pianisten, der später über Mozart wieder zu Standards und ins »Blue Note« zurückkehren sollte. Was für ein Weg! Heute reichen noch ganz andere ECM-Galaxien von Beethoven bis Lachenmann und von Perotin bis Pärt.

Ein Alleinstellungsmerkmal hatte ECM in der Szene aber nicht nur deshalb, weil Eichers Horizont sich so unendlich weitete. Es war auch die fantastisch reduzierte Grafik von Barbara Wojirsch, die Eicher von der Stuttgarter Kunstakademie her kannte, und es waren die Fotografien von Roberto Masotti und Terje Mosnes, die in ihrer vielschichtigen Einfachheit beschworen, was die Musik probierte: den kostbaren Moment festzuhalten, in dem sie entsteht. Nicht so oder so. Sondern nur so, wie sie in ebendiesem Moment gemeint ist. Hier hilft die Musealität, die der Rahmen der Münchner Ausstellung vorgibt, weil der begeisterte ECM-Fan Enwezor eine Schatzkammer eingerichtet hat, ohne lediglich Devotionalien zu zeigen. Vielmehr hebt er mit jedem Klang die Zeit ein Stück auf. Die Vergangenheit ist nicht vergangen. Die Vergangenheit hat Zukunft. Und das Beste kommt noch.

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Leserkommentare
  1. Ich bewundere vor allem, dass sich Eicher damit durchsetzen konnte. Ich meine, mit immer den gleichen düsteren Covern. Kein einziger Musiker hat ihm gesagt: Hey, Alter, ich will aber ein anderes Cover, ich hab' da 'ne Idee...? Oder: mensch, Eicher, kann' ich nicht mal'n buntes Cover haben?
    Oder waren die nur froh, dass überhaupt jemand sie produziert, veröffentlicht und bezahlt?
    .
    Ich war mal Jazz-Experte und -Liebhaber, dazu verrückter Plattensammler, hatte die ganze Jazzgeschichte, ja ich kann sagen: komplett auf Platten. Allerdings besaß ich keine einzige dieser langweiligen ECM-Scheiben. Sorry. ECM gehörte für mich zur New Age-Richtung, aber nicht zum Jazz. Was ja nicht schlimm ist, aber nicht mein Ding.

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  • Schlagworte Musikverlag | Ausstellung | Jazz | Tonträger
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