Handke und Unseld"Was hast Du noch vor Dir!"
Seite 2/3:

"Die Zeit der Lügen muß ein Ende haben"

Frankfurt am Main,
22. Juni 1966

Lieber Herr Handke,

ich habe gar nichts gegen lange Briefe, im Gegenteil, ich danke Ihnen dafür. In der Sache selbst nehme ich freilich einen anderen Standpunkt ein. Es ist völlig sinnlos, auf Kritiken direkt zu reagieren. Jeder Kritiker hat das Recht, seine Meinung zu äußern, und insofern sie nicht ehrenrührig ist, ist jeder, der an die Öffentlichkeit tritt, angehalten, diese Kritik auch anzunehmen. Inwiefern sie in den einzelnen sachlichen Punkten zutrifft, ist eine ganz andere Frage. Ich kenne [den ZEIT-Kritiker – d. Red.] Wolfgang Werth sehr genau, er hat eine andere Einstellung zu den Dingen, aber er ist keineswegs ein alter, verkalkter Kritikaster, sondern ein sehr junger Mann, dem man Voreingenommenheit nicht vorwerfen kann. Ich möchte Ihnen also dringend raten, ja, ich flehe Sie an, nichts gegen diese Kritiken zu schreiben, am besten überhaupt nicht auf sie zu reagieren, sie sind weder verlogen noch leichtfertig, jedenfalls im Falle der ZEIT. Wir werden sehr darauf bauen, daß die Wirkung Ihres Buches länger besteht als die solcher Kritiken in den Tagesjournalen. [...]

Herzliche Grüße
Ihr [Siegfried Unseld]

Frankfurt am Main
12. Dezember 1967

Lieber Peter,

ich habe an Deinem 25.Geburtstag doch sehr herzlich an Dich gedacht. Was hast Du noch vor Dir! Ich habe ja demgegenüber ein Teil der Wegstrecke doch schon hinter mich gebracht. [...]

Herzliche Grüße

Dein
[Siegfried Unseld]

Paris-Cité Chaptal
8. Februar 1970

Lieber Siegfried,

[...] Ich bin ein bißchen erstaunt darüber, daß Du schon zweimal in Briefen an mich das Wort »Sitzen« verwendet hast. Einmal hast Du es mir nach Berlin geschrieben (ich »säße« in Berlin und wüßte wohl nichts anzufangen), und nun, in Deinem vorletzten Brief, schreibst Du, Du stelltest Dir vor, ich »säße« in Paris und langweilte mich. Ich muß Dir sagen, daß ich das sehr beleidigend finde. Ich kann mir natürlich ein Stehpult anschaffen und an einem Stehpult schreiben wie Gerhart Hauptmann, aber im Moment kann ich einfach nicht anders als beim Schreiben zu sitzen. Aber Du hast das Wort ja metaphorisch gemeint, was noch viel schlimmer ist. Es zeigt eine Vorstellung des Verlegers vom Leben eines (»seines«) Autors, die ich beängstigend finde. Sicher ist meine Aktivität nicht so verfilmbar wie die eines wirklich aktiven, im Leben stehenden Tatmenschen... [...]

Mit herzlichen Grüßen
Dein Peter

[Salzburg]
25. Februar 1981

Lieber Siegfried (immer noch),

die Zeit der Lügen muß ein Ende haben. Schon an jenem Tag vor zwei Jahren, als ich am Frühstückstisch in Frankfurt in dem Sammelwerk des übelsten Monstrums, das die deutsche Literaturbetriebsgeschichte je durchkrochen hat [Marcel Reich-Ranicki: Entgegnung. Zur deutschen Literatur der siebziger Jahre – d. Red.], die Widmung an Dich, meinen Verleger, gelesen habe (als Vorsatzblatt zu den nackt mordlustigen Artikeln über Wunschloses Unglück und Die linkshändige Frau): »In alter Verbundenheit«, da hätte ich die Pflicht vor mir und dem, was mir noch vorschwebt, gehabt, für immer meine Arbeiten aus Deiner sogenannten Obhut zu nehmen. Danach kam noch die verantwortungslose Hetzerei bezüglich der sogenannten »Leseexemplare« von Langsamer Heimkehr, wo ich am Zwang des Termins – den ich dann einhielt – fast – ja – krepiert wäre. (Und dann hatten »die Mitarbeiter« beschlossen, es sollte doch keine geben – immer wieder »die Mitarbeiter«, die Du vorschiebst – wie auch dann, als ich keine Presseexemplare für die Lehre der Sainte-Victoire wollte: »meine Mitarbeiter meinen...«)

Jetzt der Skandal mit meinem Stück, das Du unfertig, gegen meinen Willen, in fremde Hände gegeben hast. Und wie elendig durchschaubar wieder einmal sind die Motive des Verlegers. Vielleicht ist ein Schriftsteller in vielem weltfremd – aber die menschliche Seele, für die ist seine manchmal kindliche Empfindlichkeit das große Auge [...].

Ich muss – das ist meine Pflicht vor meiner Freude, das dauernde Schöne zu schaffen, und gegen das säuische, verkrebste Zeitalter, in dem ich das vorhabe – endlich auftreten, als der, der ich bin, als der Schriftsteller in jedem Sinn, auch was die Fürsorge für das schon Geschriebene, das Weitergeben, das Verbreiten betrifft. Unsere Wege trennen sich hiermit, unwiderruflich. Es schmerzt mich nur um die doch zum Teil glorreiche und, wie ich weiss, beständige Arbeit von fast zwanzig Jahren, die nun nicht mehr dem Arbeiter gehören darf, wiewohl auch rechtlich Dein Vorgehen ein eklatanter Fall von Sorgfaltsverletzung ist.

Das Stück Über die Dörfer wird nicht mehr im Suhrkamp Verlag erscheinen, weder als Theatertext noch als Buch (auf das ich mich vor allem andern gefreut hatte). Auch meine künftigen Arbeiten, sofern es solche noch geben wird, werden nicht mehr im Suhrkamp Verlag erscheinen. Von ehemaligen Autoren, die den Verlag verlassen haben, weiss ich wohl, daß Du ihre Bücher daraufhin fallen ließest und auch sonst alles tatest, um diesen Autoren Leben und Arbeit sauer zu machen. Das magst Du auch hier ruhig tun wollen. Trotzdem hoffe ich, dass, im Interesse der Kunst und der Friedensgeschichte, die beide meine Sache sind, mit der Zeit wenigstens eine Sachlichkeit zwischen uns möglich werden wird. Aber jetzt ist der Tag, da ich endlich eingreifen muss und mich als der Herr meiner Schufterei, meiner Kunst, vielleicht auch meiner Stümperei zeigen muß. [...]

Peter Handke

Leserkommentare
    • krister
    • 06. Dezember 2012 14:01 Uhr

    Von Herzen die besten Glückwünsche zum Geburtstag!!
    Es war und ist immer das schwerste eine eigene Meinung zu haben und diese auch öffentlich zu vertreten,gerade in heutigen Zeiten,wo es mit der Meinungsfreiheit bedenklich steht,Sie hatten dazu immer den Mut,ich bewundere Sie dafür sehr!
    Von Herzen das Allerbeste zu Ihrem Geburtstag!!

  1. Gab es denn eine Zeit, bei der es um die Meinungsfreiheit besser gestellt war? Ich bewundere Handke für den Rhythmus und die Melodie seiner Texte. Alles andere geht mich NIX an.
    Zudem habe ich das wunschlose Unglück selbst erlebt und sein Werk hat mich von diesem Komplex befreit.
    Hvala i bok

  2. Der Briefwechsel ist soweit recht langweilig. Wie Suhrkamp über ZEIT Kritiker denkt? Na, ja...

    • krister
    • 06. Dezember 2012 15:35 Uhr

    2. @krister
    "Gab es denn eine Zeit, bei der es um die Meinungsfreiheit besser gestellt war? Ich bewundere Handke für den Rhythmus und die Melodie seiner Texte. Alles andere geht mich NIX an."

    ja,es gab diese Zeit definitiv vor 2000.und ja,ich interessiere mich auch und gerade für seine unbequemen(?) Gedanken und würde einiges dafür geben,wenn ich ihn dazu persönlich befragen könnte/dürfte,ich verstehe nicht alles bis dato,würde es aber sehr gerne,es würde mich mehr wie sehr,sehr interessieren.

  3. Als Antidot gegen Bestrebungen, den "literarischen" vom "politischen" Peter Handke, den Dichter vom republikanischen Intellektuellen, zu trennen, sei an dieser Stelle an die Kontinuität der Parteinahme Handkes für die serbischen Opfer der Zerstörung der jugoslawischen Föderation erinnert. Wie Hermann Peter Piwitt 2006 in einem Kommentar zu der Hetzkampagne gegen den homo politicus Handke anlässlich der geplanten Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an Handke gültig feststellte:

    "Handkes Ruhm immerhin gestattete ihm jetzt, einer breiten Öffentlichkeit in Erinnerung zu bringen, was unsereins allenfalls noch in KONKRET oder im 'Freitag' sagen darf. Nämlich:
    - Daß die Bombardierung einer der ehrwürdigsten Metropolen Europas ein barbarischer Akt war.
    - Daß es verabscheuungswürdig war, den Bürgerkrieg zu riskieren, als man Nationalisten jugosla
    wischer Einzelstaaten ermunterte, 'ihren' Staat zu machen, obschon alle Volksgruppen Jugoslawiens mittlerweile überall im Staatenbund zu Hause waren.
    - Daß es bei den Kriegen geopolitisch darum ging, alte Raumordnungspläne gegenüber dem ('Serbien muß sterbien') 'Erzfeind' umzusetzen und den letzten vergleichsweise plausiblen sozialistischen Staat Europas vom Kontinent zu löschen.
    - Und schließlich, daß die 'biologische Lösung' die Anklage des Internationalen Gerichtshofs augenscheinlich vor einer Blamage rettete."

    (konkret 7/2006)

  4. Also den Geistern Hölderlins, Heideggers, Nietzsches, Goethes, dazwischen E. Jünger, G. Benn, G. Bataille, die pessimistischen Zonen M. Foucaults ( die verwischten Spuren .........des Subjekts im Sand, ......Die Verabschiedung des substantivierten abendländischen Horizonts) wie Fortschritt, etc.; ...zu Gunsten einer „Vertikalspannung“)

    Was ist diese eigentlich!!?.... Ab und zu A. Kluge und immer wieder Botho Strauss; dazwischen ein honnethes
    Habermäschen; die immer wieder zu eruierenden Philosopheme des P. Handke und letztlich „ist jede wahre Sprache unverständlich“ B. Mattheus!; Die griechischen Götter haben ihn selig.

    • wekrue
    • 15. Dezember 2012 15:45 Uhr

    immer einer, bei dem ich nachlesen konnte, was denkbar wäre ließe man es nur zu. Nach all den Jahren und zum 70 Geburtstag nach dem Versuch über die Langsamkeit nun der Versuch über das stille Örtchen. Das beste Mittel um eine vorzeitige und geschwätzige Ehrung für sein Lebenswerk zu verhindern! Ich habe mich oft beim Lesen gefragt, wie er zu derartigen Sichtweisen kommt. Einen gesunden Menschenverstand zeigt man eben nicht, sondern man hat ihn.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service