Dirk Beemster (66) war Lehrer – und ist seit Langem Zen-Schüler. © Privat

DIE ZEIT: Sie haben einen buddhistischen Pilgerweg ins Leben gerufen, der durch die Niederlande, Deutschland, Belgien und Frankreich führt – mit kleinen Abstechern nach Italien und Spanien. Dabei gibt es in den Ländern weder buddhistische Reliquien noch Heiligenschreine.

Dirk Beemster: Das stimmt. Der Jizoweg führt stattdessen an buddhistischen Zentren entlang.

ZEIT: Wie sind Sie denn auf die Idee zu diesem Projekt gekommen?

Beemster: Der erste Impuls stammte aus der Zazen-Übung, das ist eine japanische Sitzmeditation in der Tradition des Zen-Buddhismus. Beim Zazen gibt es immer eine Phase, in der man aufsteht und eine Gehmeditation macht. Im Tempel, dem ich angehöre, dauert die zehn Minuten. Aber während dieser zehn Minuten habe ich entdeckt, dass Wandern eine sehr gute Meditationsmethode sein kann.

ZEIT: Und dann haben Sie mal eben eine Wallfahrt von 6000 Kilometern auf dem Reißbrett entworfen?

Beemster: Nein, ich habe mit kleinen Wanderungen von vielleicht zehn Kilometern in meiner niederländischen Heimat begonnen. Irgendwann war ich mit einer Gruppe vier Tage in den belgischen Ardennen unterwegs. Danach beschloss ich, fünf Wochen alleine zu wandern. Nach einem Jahr hatte es mich gepackt. Meine erste Route führte vom Zen-River-Tempel in den Niederlanden zu einem Zentrum in Paris. Ein Jahr später startete ich in einem Zentrum in den spanischen Pyrenäen. So entstand der Plan, ein Netz von Pilgerwegen aufzubauen.

ZEIT: Wie haben Sie den Streckenverlauf bestimmt? Ging es immer nur um den kürzesten Weg von einem Tempel zum nächsten?

Beemster: Nein, die Wege sollten auch möglichst ruhig und schön sein. Ich habe mir spezielle Karten besorgt und die Etappen an Wanderwegen entlang entworfen. Bis ich die 6000 Kilometer des Jizoweges zusammenhatte, sind fünf Jahre vergangen.

ZEIT: Pilgerwege haben gewöhnlich ein Ziel. Der Jizoweg auch?

Beemster: Im Zen-Buddhismus spielt das Ziel kaum eine Rolle. Christen pilgern traditionell, um etwas zu erreichen – um Gnade zu erfahren oder die Vergebung der Sünden. Dafür müssen sie ankommen. Beim Zen ist nur das Unterwegssein wichtig. Es kommt auf jeden einzelnen Schritt an, auf die Achtsamkeit.

ZEIT: Die Achtsamkeit?

Beemster: Mein Lehrer hat mir ein Rakusu für Pilger mitgegeben. Das ist ein Kleidungsstück, das man als Zen-Buddhist erhält. Darauf hat er geschrieben: »Schritt für Schritt, keine Distanz«. Das ist gewissermaßen die Essenz buddhistischen Pilgerns. Man hat kein Ziel, mit jedem Schritt kommt man da an, wo man bereits ist und sein muss.

ZEIT: Wenn man aber mit jedem Schritt nur hinkommt, wo man schon ist: warum dann ein Pilgerweg von 6000 Kilometern?

Beemster: Weil man zunächst nur rational und höchstens oberflächlich begreift, was es mit diesem Angekommensein auf sich hat. Um es auf einer tieferen Ebene zu verstehen, muss man sich anstrengen, man muss meditieren, muss üben. Dazu dient das Pilgern. Letztlich geht es natürlich um eine innere Befreiung oder, noch deutlicher: um die Erleuchtung. Das ist das Ziel.

ZEIT: Also gibt es doch ein Ziel?

Beemster: Ein spirituelles, kein örtliches. Aber im Zen-Buddhismus ist es sehr wichtig, dass man dieses Ziel vergisst. Sonst wird es schwierig, ganz im Hier und Jetzt anzukommen. Nur wenn man sich wandernd dem Hier und Jetzt nähert, wird die Wanderung zu einer buddhistischen Wallfahrt. Dann kann etwas Wunderbares geschehen: Plötzlich akzeptiert man den gegenwärtigen Moment so, wie er ist – und damit auch die Welt und sich selbst.

ZEIT: Ein Punkt auf dem Jizoweg ist besonders hervorgehoben: La Gendronnière in Frankreich.

Beemster: Das ist ein Schloss im Loiretal, in dem der berühmte japanische Meister Deshimaru 1979 den ersten europäischen Zen-Tempel gegründet hat. Dort gibt es eine sehr internationale Gemeinschaft, japanische und europäische Zen-Buddhisten tauschen sich regelmäßig aus.

 "Jeder Mensch kann den Weg wandern"

ZEIT: Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Menschen schon auf Etappen des Jizoweges unterwegs waren?

Beemster: Bis heute?

ZEIT: Ja.

Beemster: Ich denke, fünf.

ZEIT: Fünf?

Beemster: Ja, fünf sind mir bekannt. Der Weg ist ja noch sehr jung. Ich habe erst in diesem Jahr begonnen, das Projekt publik zu machen. Ich hätte den Weg noch erweitern, vergrößern können. Aber im vergangenen Jahr sagte ich mir: Du bist jetzt 66 Jahre alt, es ist genug. Wer weiß, vielleicht bauen andere Mönche das Wegenetz später einmal weiter aus.

ZEIT: Wie sieht es unterwegs mit der Infrastruktur für Pilger aus? Mit speziellen Herbergen darf man wohl kaum rechnen...

Beemster: Nein. Man sollte schon ein Zelt dabeihaben. Aber wenn man wie ein Pilger gekleidet ist, sind die Leute auch sehr freundlich und helfen. Sie haben mir viele Male Essen angeboten, gelegentlich auch einen Schlafplatz.

ZEIT: Und bei den buddhistischen Zentren und Tempeln? Kann man da übernachten?

Beemster: In der Regel ja. Man muss allerdings vorher anrufen und Bescheid geben, das ist sehr wichtig. Wenn dort eine intensive Meditationswoche stattfindet, ist es schwieriger. Aber die Leute wissen vom Jizoweg und sind bereit, Pilger aufzunehmen.

ZEIT: Ist der Jizoweg nur etwas für Menschen, die sich zum Buddhismus bekennen?

Beemster: Nein. Jeder Mensch kann den Weg wandern. Es gibt allerdings einzelne Zentren, da wird man ohne Rakusu nicht aufgenommen.

ZEIT: Was haben Sie selbst als Pilger gelernt?

Beemster: Vor allem Dankbarkeit – für die Schönheit der Welt und die kleinen Dinge des Lebens.

ZEIT: Dankbarkeit ist ja nicht gerade ein spezifisch buddhistisches Konzept...

Beemster: Nein, Dankbarkeit empfindet jeder Mensch, der sich innerlich weit entwickelt und verwirklicht hat. Dankbarkeit für die ganze Palette des Lebens, das Leiden eingeschlossen. Diese Dankbarkeit führt zur Freude – deshalb sieht man Buddha auf so vielen Bildern lächeln.