Wirtschaftswachstum : Ein wenig Hoffnung

Bulgarien ist Europas Armenhaus. Aber seine Schulden sind extrem niedrig, und seine Wirtschaft wächst.
Autoproduktion in Bahovitsa, Bulgarien (Archiv) © Nikolay Doychinov/AFP/Getty Images

Als Bertram Rollmann in den Süden Bulgariens kam, waren die Zeiten anarchisch. Das Gesetz galt nichts, Verwaltung und Regierung wussten weder ein noch aus. Die Fabrikhalle, die Rollmann in der Kleinstadt Goze Deltschew 17 Kilometer nördlich der bulgarisch-griechischen Grenze besichtigte, wurde von düsteren Männern in Uniform bewacht. Es folgten Jahre des Niedergangs. Anfang 1997 lag die Inflation bei mehr als 200 Prozent, das Land war bankrott, Brot und Benzin gab es in Goze Deltschew nur auf Bezugsschein. Wer einen Liter Milch auf den Küchentisch stellen konnte, für den war das ein Festtag.

Heute ist Bulgarien noch immer das ärmste Land der Europäischen Union. Weil die Menschen mit Kohle oder Holz heizen und Straßen oder Häuser seit Jahrzehnten kaum ausgebessert wurden, hat Goze Deltschew den Geruch und das Aussehen einer ostdeutschen Kleinstadt kurz nach der Wende. Aber Rollmann, schlank, groß gewachsen und bescheiden, hat die alte Fabrikhalle in ein lichtes Gebäude aus Glas und Stahl verwandelt, in der 3000 überdurchschnittlich bezahlte Bulgaren für die Welt arbeiten. Tausende Anzüge, Kostüme und Hosen hängen in den Lagerräumen, bereit für den Export. Wer in Deutschland bei Hugo Boss einkauft, etwas von Kenzo oder Givenchy ersteht, der bekommt möglicherweise Kleidung aus der tiefsten Provinz Bulgariens.

Schon das passt nicht ganz zum Image des Landes. 200 Straßenkilometer nördlich von Goze Deltschew, in einem wuchtigen Bau in der Innenstadt Sofias, gehen die Überraschungen dann weiter. Dort referiert ein Mann Mitte 40, in Jeans und modischem Sakko, Fakten, die allen gängigen Vorurteilen widersprechen. Bulgarien, sagt er, habe so niedrige Schulden wie kaum ein anderes Land Europas – etwa 16 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Sein Staatshaushalt sei nahezu ausgeglichen. Der Nachbar Griechenland sei pleite, der Rest der EU kämpfe mit der Rezession. In Bulgarien aber, fügt Simeon Djankow hinzu, liege das Wachstum über dem Durchschnitt aller Länder der Europäischen Union.

Der Premier war einmal ein Karatetrainer

Djankow ist seit drei Jahren Finanzminister Bulgariens und bestimmt die Wirtschaftspolitik im Kabinett des konservativen Premiers Bojko Borissow, eines ehemaligen Bodyguards und Karatetrainers. Wie der Unternehmer Rollmann wird Djankow ständig mit dem Bild konfrontiert, das sich der Westen Europas von Bulgarien macht und das sein Land im Wesentlichen auf vier Dinge reduziert: Rückständigkeit, Roma, Kriminalität und Korruption. Jetzt aber, findet der Minister, könne Bulgarien fast ein Vorbild sein: eine Nation, von der man lernen kann.

Das ist ziemlich selbstbewusst, denn an dem Image des Landes ist vieles wahr. In einem Bericht kritisierte die Europäische Kommission erst im Sommer, dass Bulgarien im Justizwesen und bei der Rechtsstaatlichkeit europäischen Ansprüchen kaum genüge – und das fünf Jahre nach dem EU-Beitritt. Kurze Zeit später veröffentlichte das Zentrum zum Studium der Demokratie (CSD) in Sofia eine Untersuchung, der zufolge knapp die Hälfte der Bulgaren Tag für Tag Korruption und Unterschleif erlebe. Jeder Vierte habe schon mal Schmiergeld zahlen müssen, wenn auf dem Amt etwas zu erledigen war. »Seit Borissow Premier ist, gab es positive Schritte, aber das reicht bei Weitem nicht aus«, sagt CSD-Direktor Alexander Stojanow.

Das betrifft nicht nur die kleine Korruption im Alltag. Bulgariens Politik, Wirtschaft und Justiz sind auch 20 Jahre nach der Wende und der ihr folgenden wilden Privatisierung durchsetzt von korrupten und kriminellen Praktiken. Stojanow konstatiert »enge Beziehungen zwischen Oligarchen und dem politischen System«. Der junge Oppositionspolitiker Dragomir Stoinev spricht gar von einer Verbindung zwischen Regierung und organisiertem Schmuggel. »Wie viel Einfluss hat die organisierte Kriminalität, und wie viel Freiheit bleibt deshalb der Politik?«, fragt auch ein intimer Beobachter der bulgarischen Szenerie, der ungenannt bleiben will.

Gerüchte über die Mafia

Deutliche Antworten auf diese Frage gibt es nicht. Gemunkelt wird, dass die bulgarische und die russische Mafia an der Schwarzmeerküste gute Geschäfte machen. In vielen Unternehmen hätten Kriminelle das Sagen. Internationale Polizeibehörden wie Europol sehen Bulgarien als Durchgangsland für Schmuggler und Menschenhändler; bulgarische Banden sind nach ihren Informationen in 15 EU-Staaten aktiv. Politiker und Unternehmer, sogar Staatsanwälte und Richter landen wegen ihrer halbseidenen Aktivitäten immer wieder vor Gerichten oder Untersuchungsausschüssen. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International rangiert das Land auf Platz 86, noch hinter dem griechischen Nachbarn.

Das wirkt sich auch auf die Wirtschaft aus. Die Situation in Bulgarien sei »einmalig«, weil kriminelle Gruppen »beträchtlichen Einfluss« auf die Volkswirtschaft ausübten, schreibt die EU-Kommission. Darunter litten Wettbewerb und Investitionen. Eine Folge: Trotz vorübergehend hoher Wachstumsraten von mehr als sechs Prozent steht Bulgarien in allen Armutsstatistiken der EU ganz vorn. Vor den Toren Goze Deltschews begegnen dem Reisenden Pferdefuhrwerke auf holprigen Straßen. Roma-Siedlungen sind Dritte Welt. Die ärmsten Regionen des Kontinents befinden sich im bulgarischen Norden; in einigen besonders betroffenen Gemeinden liegt das Durchschnittseinkommen bei weniger als zwei Euro am Tag.

Verlagsangebot

DIE ZEIT wird 70 ...

... und ihre Journalisten erzählen von den Geschichten ihres Lebens. Von Geheimnissen und Irrtümern unserer Zeitung. Und von den besten Lesern der Welt. Eine Festausgabe.

Mehr erfahren

Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Da sehen Sie das Problem Griechenlands ...

... und eines guten Teils des Rests der Welt im Kleinen:

Entweder die Ausbildung, Infrastruktur, das soziale Netz und die vorhadenen Unternehmen mit ihrem Wissen, ihren Patenten, ihrem Ruf und ihrem gewachsenen internationalen Kundenstamm erlauben ihrem Land Löhne wie in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Österreich etc. pp. zu zahlen, oder sie landen am anderen Ende wie in Bulgarien, dass all jene oben genannten Vorteile nicht bieten kann.

Entsprechend schlimm ist es, dazwischen gefangen zu sein. Nicht z.B. die Deutschen Firmen, Marken, das Ansehen zu haben. Keinen Export, der Geld ins Land bringt, welches wiederum die Dienstleistungsbranche ermöglicht.
Dann ist man schnell auf dem Weg auf das Bulgarische Niveau, das vor allem mit billiger Arbeit und niedrigen Steuern gehalten wird.

Für Griechenland und auch Portugal ist das bitter: Wenn es keine Argumente gibt, als Land langfristig bessergestellt zu sein als Bulgarien, bedeutet das, langfristig auf eben dieses Niveau abrutschen. Und das ist für Griechenland noch immer ein ganz langer und schmerzhafter Weg ...

Die gleiche Rhetorik wie überall...

"Minister Djankow aber kürzte die Ausgaben, reduzierte die Renten und senkte die Löhne – und das bei einem Durchschnittsverdienst von gerade mal umgerechnet 350 Euro monatlich."

Warum, Herr Tenbrock, sollten denn die Löhne in einem Land auch steigen? Die Lohnhöhe ist eine Funktion der Selbstreproduktion, alles darüber hinaus gehende ist doch "Leben über den Verhältnissen". Was braucht der Mensch zur Reproduktion der Verhältnisse? Einen Platz zum Schlafen, ein Mindestmaß an Gesundheit und Bildung und Nahrung. Da dies alles in Bulgarien günstig zu haben ist, dürfen auch die Löhne nur sehr niedrig sein.

Lohnsenkungen sind generell schlecht und zu verteufeln. Das wissen wir deutsche Ökonomen doch sehr genau. Schließlich wächst doch die Produktivität nur, wenn "ordentlich Dampf im Kessel" ist.

Der Sozialromantiker wird einwenden, dass es ja unmenschlich sei, wenn ein Europäer nur 350 € monatlich verdient. Allerdings hat er dann die Logik dieses Wirtschaftssystems, auf das sich die Europäer in der EU geeinigt haben, nicht begriffen. Insofern muss Djankov zynischerweise recht gegeben werden: die Deutschen und andere Europäer werden in den kommenden 20 Jahren besonders von ihren ärmsten Nachbarn noch einige Lektionen lernen müssen.

Gepflegtes akademisches Halbwissen

Zitat: "Warum, Herr Tenbrock, sollten denn die Löhne in einem Land auch steigen? ... Was braucht der Mensch zur Reproduktion der Verhältnisse? Einen Platz zum Schlafen, ein Mindestmaß an Gesundheit und Bildung und Nahrung. Da dies alles in Bulgarien günstig zu haben ist, dürfen auch die Löhne nur sehr niedrig sein."

Damit haben Sie eins eindrucksvoll bewiesen:

Sie haben keine Ahnung von den dortigen Preisen. Die Grundnahrungsmittel kosten soviel wie hierzulande, die sonstigen fixen Kosten steigen, aber "der Experte" weiß es besser... Wie anmaßend.

Ich behaupte doch gar nicht, Experte zu sein.

Natürlich sind in Spermärkten erhältliche Nahrungsmittel auch in Bulgarien teuer, im verhältnis zum verfügbaren Einkommen sogar deutlich höher als in Mitteleuropa. Aber trotzdem ist mir aus dem persönlichen Umfeld bekannt, dass man auch in Bulgarien einen Teil der Nahrungsmittel durch Anbau selbst produziert und daher auf diese westlichen Supermärkte durchaus nicht vollständig angewiesen sein muss.

Mein Kommentar zielte auf etwas anderes ab: der Artikel offenbart mE nach zweierlei:

1. die ökonomischen Eliten in Osteuropa folgen der gleichen, vielleicht sogar einer verschärften neoliberalen Logik der Ressourcenverknappung, Deregulierung und Nachfragedrosselung zur Erhöhung der Ausbeutung/ des Profits.
2. Der Autor dieses Artikels drückt eine bürgerliche Sozialromantik aus, die nicht begründbar ist und nicht zur Überwindung des Neoliberalismus führt, da der Anspruch der Ursachenerkennung fehlt.

Wenn mein Kommentar kalt erschien, habe ich nur versucht die beschriebene ökonomische "Entwicklung" Bulgariens mit einem aus der Mode gekommenen, jedoch nicht widerlegten, Vokabular zu deuten. Und wenn Deutschen Bulgarien "weit weg" erscheint, sollte man ihnen bewusst machen, dass Bulgarien ein Teil ihres Binnemarkts, ihres Staatsgebildes (EU) und ihrer sozialen Regulations- und Garantiesphäre ist und wir in einen Wettbewerb um Kapitalbegünstigungen mit Bulgarien eingetreten sind...

Übrigens ist Mr. Djankov einer der vielzitiertesten Ökonomen und langjähriges Mitglied des IWF.