Jürgen Mark leidet ebenfalls an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er lebt von einer privaten Erwerbsminderungsrente. Der Sanitäter war mit der Bundeswehr 1993 in Somalia. Die Erlebnisse lassen ihn seither nicht mehr los. Mark nahm als Reservist an dem Einsatz teil, eigentlich hatte er die Truppe schon verlassen, aber es wurden dringend Sanitäter gebraucht. Er war an Bord eines Transportpanzers, der nacheinander auf zwei Minen fuhr. Mark litt Todesangst. Zudem quält ihn die Erinnerung an italienische Kameraden, die er an einem Morgen noch im Camp in Somalia beim Frühstück traf und die später am Tag starben.

Nach der Rückkehr aus Afrika arbeitete er in einem Krankenhaus, konnte sich aber schlecht konzentrieren und wurde oft krank. Er verlor seinen Job. Sein Haus steht vor der Zwangsversteigerung. Bundeswehrbehörden prüfen nun, ob er ein Anrecht auf Unterstützung hat. »Ich musste erst mal nachweisen, dass ich bei der Bundeswehr war«, sagt Mark.

Auch der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP), kritisiert den Umgang der Armee mit verletzten, verwundeten und traumatisierten Soldaten. In seinem aktuellem Jahresbericht heißt es: »Große Probleme für die Betroffenen wirft weiterhin die Dauer der Verfahren zur Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung auf.« Eine Ursache dafür sei die Beschäftigung externer Gutachter, weil die Bundeswehr nicht genug eigene Sachverständige habe. Bei der Bundeswehr gibt es lediglich drei Versorgungsmediziner, die sich um 3.600 laufende Verfahren kümmern. 18 Monate dauert es im Durchschnitt, bis ein WDB-Verfahren endet – häufig mit einem negativen Ergebnis. Viele Betroffene klagen.

Das Verteidigungsministerium äußert sich nicht zu einzelnen Fällen. Dort verweist man auf einen Fonds, der für Radarstrahlenopfer eingerichtet wurde, und auf im vergangenen Jahr geänderte Gesetze. Wer davon profitieren will, muss jedoch weiterhin eine anerkannte »dauerhafte Wehrdienstbeschädigung« nachweisen. Und das gelingt vor allem jenen Soldaten kaum, die bereits die Bundeswehr verlassen haben.

»Die Gesetze sind weitestgehend in Ordnung, katastrophal sind die Umsetzung und die überlange Bearbeitungszeit«, sagt der Hamburger Rechtsanwalt Arnd Steinmeyer, der viele Soldaten im Rechtsstreit gegen die Bundeswehr vertritt. Der Jurist, ein anerkannter Experte, bemängelt die lange Dauer der Verfahren und die Praxis, ständig neue Gutachten erstellen zu lassen. Externe Gutachter würden beauftragt, um nach Aktenlage über Betroffene zu entscheiden, dabei seien viele Betroffene bereits mehrmals von Bundeswehrärzten untersucht und als krank eingestuft worden.

»Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Bundeswehr ihren eigenen Medizinern nicht traut oder nicht trauen will«, sagt Steinmeyer. »Wie die kranken und verwundeten Soldaten behandelt werden, ist ein Skandal. Sie werden von Anspruchsberechtigten zu Bittstellern degradiert. Dem Fürsorgegedanken trägt die Bundeswehr nicht in ausreichendem Maße Rechnung.«

Noch deutlicher wurde der ehemalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe, SPD, zum Ende seiner Amtszeit 2010: Man müsse schon fast unterstellen, »dass System dahinter steckt, die Zahl der Anerkennungen künstlich niedrig zu halten«, kritisierte er damals.

Andreas Felser, der ehemalige Soldat aus Bayern, rät Betroffenen, sich zu wehren. Er hat einen Leitfaden für den Umgang mit Bundeswehrbehörden verfasst.

Sie trägt den Titel: Verletzt bei der Bundeswehr – jetzt geht der Kampf erst richtig los.