Dann aber will er, dass wir bleiben. Wir haben nicht die Wahl: Am Abend bricht ein gewaltiges Unwetter über den Berg herein, der Weg ins Tal ist zu gefährlich, ein kleines Kloster bietet Zuflucht. Der Wind rüttelt am Fenster, Regen peitscht über den Klosterhof. In den Halbschlaf drängen die alten Geschichten. Wie war das noch? Wer dreimal ans Tor klopft, wird zweimal abgewiesen? Testet er uns?

Am nächsten Morgen liegt auf dem Bergpfad zentimeterhoch Schnee. Stille, bis auf das Knirschen der Stiefel. Als wir an seine Tür klopfen, ist er ganz anders als gestern. Eine Viertelstunde lang fegt er die Blätter aus der Gästehöhle, ordnet die Stühle, säubert die Tassen, um seinen besten Tee, den hundertjährigen, aufzugießen. Er beginnt zu erzählen. Vom früheren Leben. Dem Dorf, nicht weit von hier, in dem er aufwuchs, von dem aus er die Berge sah. Er sehnte sich nach ihnen – über Gipfel, durch Täler streifen, Flüsse überqueren, sich im Wald verlieren. Träumte von einer Zeit, in der sich Mensch und Himmel nahe waren. Er hatte keinen Namen für diese Träume, es wäre ihm auch nicht eingefallen, sie in eine Religion zu packen. Er wusste nur, dass ihn keiner verstand. Es waren die frühen achtziger Jahre, die Reformen in China hatten gerade begonnen, alle stürzten sich ins Meer des Geschäftemachens. Jeder sehnte sich nach einem Fernseher, einem Fahrrad, einem Videorekorder.

Shi sehnte sich nach etwas Namenlosem. Alle genossen die neue Freiheit, die sich für Shi gar nicht wie Freiheit anfühlte. "Die moderne Gesellschaft ist so flatterhaft. Ich spürte immer mehr, dass ich mich ihr nicht anpassen konnte." Damals habe er sich allein gefühlt, inzwischen habe er verstanden, dass es vielen so gehe. "Die moderne Gesellschaft hat ein Extrem erreicht, der Wunsch der Menschen nach Wohlstand, nach Luxus ist extrem. Die Welt der Objekte ist vom Geist getrennt. Die Seelen der Menschen sind leer, sie können ihr Inneres nicht mehr sehen, sie haben sich vergessen." Shi glaubt, dass die moderne Welt ihren Zenit erreicht habe. Dass sie bald zur alten Zivilisation zurückkehren werde. "Die Daoisten nennen das Rekonstruktion."

So spricht er heute. Damals im Dorf suchte er und wusste nicht, was. Bücher gab es kaum, die Kulturrevolution hatte das religiöse Leben zerstört, auch wenn seine Großeltern heimlich Buddha verehrten. An einen Abend in seiner Jugend kann sich Shi gut erinnern. Eine Theatertruppe hatte im Nachbardorf haltgemacht, eine seltene Attraktion, alle liefen hin. Unter der Bühne erblickte Shi einen Mann in schwarzem Kittel und weißen Strümpfen, das lange Haar unter einer Kappe festgesteckt – ein daoistischer Mönch, er spielte gerade Schach. Nie zuvor hatte Shi einen gesehen. Der Mann wirkte so, als sei er geradewegs aus dem alten China in das neue spaziert.

Shi wusste nicht viel über den Daoismus, Chinas älteste Religion . Ihre Weisen beschworen die Einheit des Menschen mit der Natur. Die Einfachheit. Das Loslassen aller weltlichen Konzepte, des Ehrgeizes, der Geltungssucht, des Egos. Und immer wieder – die Freiheit. "Ein guter Reisender hat keine festen Pläne und keine Absicht, anzukommen", schrieb Laozi. Shi konnte die Augen nicht von dem Mönch lassen. "Nie habe ich einen Schach spielen sehen wie ihn. Er benutzte die Strategie des Laozi." Das Wu Wei, im Westen oft als Nichtstun übersetzt, dabei meint es: das anstrengungslose, natürliche Tun, bei dem der Mensch ganz bei sich ist, im Einklang mit seiner Umgebung. Shi war interessiert, aber noch nicht so weit, Daoist zu werden. Er begann, in der Ziegelfabrik zu schuften, einer der härtesten Jobs im Dorf. 1988 besuchte er den Huashan. Nur als Reisender, ohne die Absicht zu bleiben, doch dann traf er in einem der Klöster einen Mann aus seinem Dorf. Er blieb, "auch weil die finanziellen Umstände so waren". Kurzum, er war pleite.

Sieben Jahre lebte er im Kloster, dann beschloss er zu gehen. "Sie dachten kollektiv, und ich war Individualist." Er wollte ganz frei sein, ohne Restriktionen leben, ohne das Korsett des Klosters. "Der Daoismus hatte damals keine Form, keine Praxis. Die Daoisten wollten einfach mit der Natur verschmelzen." In der großen Höhle steht die Statue eines Berggottes, doch Shi sagt, er habe nicht viel damit zu tun. "Ich habe die Grenzen der Religion überschritten." Er will nur ein "Wilder" sein, ein "Bergmensch". Sein wie der Wind, der mal heftig bläst und dann sacht weht, sich mal in diese, mal in jene Richtung dreht. Eremiten, sagt Shi, das Wort treffe es nicht. Eremitentum, das sei ein Konzept der Vergangenheit, als sich noch die Reichen und Mächtigen, die Beamten, ja selbst die Kaiser von der Welt zurückzogen.

Seit die Chinesen begannen, ihre Historie aufzuschreiben, erzählen sie auch Geschichten von Eremiten. Huangdi, der Gelbe Kaiser, gilt als erster mythischer Herrscher des Reichs, den Chroniken nach regierte er von 2700 bis 2600 vor Christus. Und es sollen zwei Eremiten gewesen sein, die ihn in der Kunst unterrichteten, seine Feinde zu bezwingen und sein Leben zu verlängern. Wiederholt berichten die Chroniken von Kaisern, die weise Eremiten aufsuchten, um sie zu überzeugen, ihre Nachfolge zu übernehmen. Der Eremitenkaiser galt als politisches Ideal, es zu beschwören als frühe Form politischer Kritik: Macht sollte auf Weisheit gründen, nicht auf Blutsbanden. Die Eremiten lebten auf Bergen. Und Berge waren den alten Chinesen heilig. Auf ihren Gipfeln ließen sich die Götter nieder, hier stiegen die Weisen zum Himmel auf.