ChinaDie Vermessung des Ichs
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Die Zhongnan-Berge sind ein Sehnsuchtsort des alten Chinas

Eremit konnte jeder werden. Paradoxerweise gingen oft jene diesen Weg, deren Lebensziel dem des Einsiedlers diametral widersprach: die Beamten. Sei es, weil sie beim Kaiser in Ungnade gefallen oder ermattet waren von den Machtspielen am Hof. Oder weil sie die Aufmerksamkeit des Kaisers auf sich ziehen wollten. Galt der Eremitenbeamte doch als tugendhaft. Manchmal war der Weg in die Berge eben nur der Umweg zu einer steilen Karriere. Kein Zufall also, dass die Zhongnan-Berge, zu denen der Huashan gehört, zum Zentrum der Einsiedler wurden, liegen sie doch nicht weit von der alten Reichshauptstadt Xian entfernt. Beamte, Maler, Mönche, Sinnsuchende, Poeten, Außenseiter, Spinner zog es hierher. Mythen und Legenden ranken sich um diesen Ort, in Versen und Liedern wurde er besungen. Die Zhongnan-Berge sind ein Sehnsuchtsort des alten Chinas, Gegenbild einer streng hierarchischen Gesellschaft.

Immer haben die Chinesen ihre Eremiten verehrt. Mal leuchtete das Einsiedler-Ideal stärker, mal schwächer. Und dann drohte es zu erlöschen. 1949 übernahmen die Kommunisten die Macht . In ihrem China war kein Platz für Eskapismus oder Religion, das "Opium der Massen". In der Kulturrevolution stürmten Rotgardisten die Tempel, zerschlugen Statuen, erniedrigten Mönche und Nonnen. Das religiöse Leben kam so gut wie zum Erliegen. Wer praktizieren wollte, zog sich in die Einsamkeit zurück. Doch auch dort war er nicht sicher: Selbst in die Berge drangen die Rotgardisten vor, um die Eremiten zu vertreiben. Nicht immer gelang es ihnen. Der amerikanische Schriftsteller Bill Porter berichtet von einem 80-jährigen Eremiten, den er Ende der achtziger Jahre in Fujian interviewte, 50 Jahre lang hatte er in den Bergen gelebt. Die beiden unterhielten sich eine Weile, bis der Greis Porter unterbrach: Er würde ja schon gerne wissen, wer eigentlich dieser Vorsitzende Mao sei, von dem Porter die ganze Zeit spreche.

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1978 begannen die Reformen. Langsam ließ die Politik den Menschen einige Freiheiten. Auch das religiöse Leben regte sich wieder. Zerstörte Tempel wurden aufgebaut, Mönche und Nonnen kehrten in die Klöster zurück. Es war, als versuchten sie, eine uralte Vase wieder zu kitten, die in tausend Stücke zersprungen ist. Einige Scherben sind für immer verloren, und selbst wo es gelang, die Stücke zusammenzukleben, sind die Bruchlinien zu erkennen. Vor allem aber hat sich China verändert. Die Moderne rast durchs Land, wo sie hintritt, bleibt nichts, wie es war. Jeder will Geld verdienen, jetzt und hier, wer weiß schon, wie lange das rauschhafte Wachstum anhalten wird. Neulich erst sagte ein überaus freundlicher älterer Mann im Bus: "Ja, ihr Europäer habt ein gutes, gemütliches Leben. Doch mal ganz ehrlich: Für uns Chinesen wäre das nichts. Wir wollen ein größeres Auto, ein größeres Haus und danach noch ein zweites. Ihr habt einfach nicht so viel Ehrgeiz." Und doch – manchmal, mitten im Rennen, schleichen die Fragen herbei. Und je weniger einer ums nackte Überleben kämpfen muss, desto drängender werden sie. Bisweilen sind die Städter müde, krank und ausgebrannt. Etwas plagt sie, und sie wissen nicht, was. Und irgendwann kommen sie in ihrer Ratlosigkeit die Berge herauf. Ins Zentrum des Zhongnan-Gebirges etwa, auf jenen Berg, der verwirrenderweise ebenfalls Zhongnan heißt. Hier leben die meisten Eremiten. Nanshan zum Beispiel.

Als wir ihn das erste Mal sehen, ist er abweisend. "Jetzt nicht! Ich esse", blafft er. Mitte 30 ist er und wirkt wie mitten durchgeschnitten, als lebe er obenrum in der Moderne und von der Taille ab im Altertum. Auf dem Pulli ein englischer Schriftzug, irgendwas mit "looking to the future", unten eine daoistische Hose. Nanshan ist vorsichtig geworden. Neuerdings kommen so viele Besucher auf den Berg, und einerseits will er ja helfen. Andererseits lassen die Besucher viel Müll da, den die Eremiten dann wegräumen müssen. Vor allem aber bringen sie Geld. Und das verändert den Zhongnan-Berg. Allerorten werden plötzlich Tempel und Retreat-Zentren eröffnet. Und einige wollen, was Nanshan besonders verhasst ist: Geld verdienen.

Seit 15 Jahren lebt er auf dem Berg, in einer winzigen Lehmhütte, die er sich auf einem alten Friedhof gebaut hat. Mit anderen Eremiten hat er ein Gemeinschaftshaus errichtet, in dem allen alles gehört: die Bücher, der Computer, die Tassen. Neulich aber kam eine Frau ins Gemeinschaftshaus, seit Kurzem leitet sie hier ein Retreat-Zentrum, und sagte: "Diese Tasse ist meine. Und das ist deine." Solche Erlebnisse haben Nanshan misstrauisch gemacht, mit der Zeit aber taut er auf. Irgendwann sagt er: "Ich führe euch. Den Weg, den fast keiner kennt – zu Eremiten, die schon lange hier leben. Und zu einem, der sonst keinen empfängt."

Früh am Morgen geht es los, auf leeren Magen. "Nicht essen", sagt Nanshan, "ist gut." Er biegt auf einen schmalen, überwucherten Pfad. Springt über Klippen wie ein Bergfuchs. Gleitet über Steine, Moos und Flechten, die Wurzelwege entlang, vorbei an Bäumen, so seltsam, als seien sie aus den Tiefen des Meeres emporgewachsen. Kriecht durch Gestrüpp, dicht wie Medusenhaar, hinterlässt keinen gebrochenen Zweig. Er deutet auf den Kot am Weg. "Das war ein Schwarzbär, letztens habe ich einen getroffen, 400 Kilo schwer."

Nanshan ist ein moderner Vagabund. Er lebt, als regierte in Peking noch ein Kaiser, schwelgt in alten Zeiten und Sagen, um dann wieder Popsongs zu singen oder stundenlang an seinem Smartphone zu hängen. Manchmal geht er auf Urlaub in die moderne Welt: "Freunde besuchen." Buddhismus, Daoismus, Konfuzianismus, von allem hat er gelernt. Was er sei? Lachen. "Nur eine leere Glocke. Wie du sie anstößt, so klinge ich."

Leserkommentare
    • ekyrneh
    • 30. November 2012 0:13 Uhr
    1. Fotos

    Wo sind die wunderbaren Fotos aus der gedruckten Ausgabe?

  1. und schön geschrieben.

  2. Zuerst der Wein:
    Wirklich gut geschrieben, es muss ja jemand theoretisch diese Reisen und Besuche gemacht haben um davon berichten zu können. Auch einen Dank für die ungewöhnlichen Wege, die gegangen werden mussten, sowohl im Berg, als auch in den Köpfen. Schonmal ein wenig Wasser: Nicht alles was in der Zeitung steht gibts auch im richtigen Leben! Weiter den Hahn aufgedreht: Mich wundern immer diese Schikibilder, wo tolle girls up to date die Finger zusammenschließen im Lotussitz auf der Suche nach Erleuchtung. Das gilt wohl heutzutage eher als eines der vielen Minimalziele, die man als Top-Konsummensch so erreichen muss. Wenn aber bei dieser Sitzerei (und dem eventuell tatsächlichen Erreichen der Erleuchtung) ein derart durchgedrehter Mensch herauskommt, wie oben zu lesen, dürfte doch relativ fraglich sein, ob die Mode-Buddhisten in Europa weiter praktizieren sollten. Sie könnten eines Tages auf die Idee kommen, diesen Einsiedlern nach zu eifern und sich in chinesische Berge zu verziehen. Dort gibt es keine Boutiquen, Schnee und Kälte zur genüge und Matsch und Dreck. Der Bericht oben zeigt mir aber auch, dass es viele nette Ziele zu erreichen gäbe, zumindest dem Papier nach. Und es ist schwer zu beurteilen, ob es sich bei diesen Anleitungen um Märchen handelt oder um wirklich fassbares. Wo ist der Übermensch, der dieses auch ausstrahlt? Der nicht halb als göttlich - und halb als Verirrter herumläuft?

  3. waren sie für mich gestorben.

    Die im Artikel vorgestellten "Eremiten" mit Computer und Satellitenschüssel haben den Weg zu einem schönen, angenehmen Leben ohne Leistungsdruck gefunden, verbunden mit ein wenig eitler Selbstdarstellung.
    Sicher für Manchen erstrebenswert.
    Nicht nur für Chinesen.

    Schön der letzte Satz: »Der größte Eremit ist der, dem es gelingt, mitten in der Stadt zu leben.«

  4. 5. Danke

    für diesen Blick auf die zwei Facetten - Tourismus hier, Einsiedelei dort - und den Schwerpunkt auf das schwer Faßbare eigentümlich Chinesische. Das ist für Menschen aus den OECD-Staaten besonders schwer faßbar, daß das in dem heutigen - kommunistischen - China weiterlebt. Das liegt natürlich an der Stärke und Faszination dieser Denkrichtung und der in ihr lebenden Menschen.

    "Die Daoisten nennen das Rekonstruktion" - gemeint ist wohl "Rückkehr zum Ursprung" (gui gen, Daodejing, Kap. 16).

    Ich hoffe nicht, daß nun sich selbstdefinierende Daoisten aus diesem unserem Lande (oder den Nachbarstaaten) aufmachen, die chinesischen Berge zu bevölkern. Es wäre etwas ganz anderes, sie in diesen unseren Bergen (ja, die gibt es ja auch noch) aufsuchen zu können - oder eben auch nicht. Es gibt da leider große Mißverständnisse darüber, was es heißt den Weg zu gehen.

    Und zuguterletzt: Solche im Wald und in der Stadt lebenden weisen Menschen gibt es auch hier, man sieht sie hierzulande meist als *Penner*. Der Unterschied ist, daß eine Verehrung derjenigen Weisen, die sich bewußt für ein Leben auf der Straße oder im Wald entschieden haben, niemals stattfinden wird. Die letzten, denen das zugutekam waren christliche Mönche, aber die Zeiten sind in Westeuropa vorbei. Darum kann ich nur jedem raten, die Augen aufzumachen und die eigenen Vorurteile abzubauen.

  5. 6. wow...

    Weißer Fels stürzt in schwindelerregende Abgründe, um wieder in sanften Wellen aufzusteigen. Auf Felsvorsprüngen reiten bizarre Kiefern. Mal frisst sie der Nebel, dann haucht er sie wieder aus.

    wow..... an dieser Stelle begann die "Gaensehaut". Ihr Artikel ist so wunderbar geschrieben. Ihn zu lesen war eine Reise. Vielen Dank.

    Beamte, Maler, Mönche, Sinnsuchende, Poeten, Außenseiter, Spinner zog es hierher.

    Ich hoffe es ist keine Beleidigung fuer Sie, wenn ein Spinner Ihren Artikel wunderbar findet. :)

    »Der größte Eremit ist der, dem es gelingt, mitten in der Stadt zu leben.«

    Ach was ... gesetzlich verordnete Teilnahmemoeglichkeiten an sozialen Events (H-4) vereinfachen es so sehr, dass man zumindest zum pseudo-Eremiten wird.

    Uebrigens, um dem Begriff Spinner alle Ehre zu machen: Ich vermute seit langem, dass viele Woerter, historisch betrachtet, irgendwann einfach "umgedreht" wurden. Ich verbinde mit diesem Gedanken die Moeglichkeit, dass von rechts nach inks lesende/schreibende, wie auch vice versa, so die jeweiligen Begriffe in jeweils ihre Sprachkultur einfuehrten, uebernahmen.

    Eremit z.B. bedeutet, von rechts nach links, timere. Dies entspricht dem lateinischen timere, dass soviel wie "fürchten", und θεός (theós), „Gott“, zu deutsch also so viel wie: „der Gott ehrt“ oder „der Gottesfürchtige“. (Q-wiki)

    Ich habe aus Spass viele Begriffe gesammelt, wo vorwaerts wie rueckwaerts gelesen, eine nahezu identische Wortbedeutung besteht.

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    "Eremit z.B. bedeutet, von rechts nach links, timere. Dies entspricht dem lateinischen timere, dass soviel wie "fürchten", und θεός (theós), „Gott“, zu deutsch also so viel wie: „der Gott ehrt“ oder „der Gottesfürchtige“. (Q-wiki)

    Ich habe aus Spass viele Begriffe gesammelt, wo vorwaerts wie rueckwaerts gelesen, eine nahezu identische Wortbedeutung besteht."

    Finde ich lustig/interessant! Haben Sie ein Blog oder so, wo Sie die Liste veröffentlicht haben?

    Erinnert irgendwie an Babel, wenn man so will. Die ganze Welt teilte im Wesentlichen mal 'etwas', verpackte es aber anschliessend in soviele Sprachen, Metaphern, Rituale und Drangedachtes, daß am Ende alle denken, sie wären ja so verschieden und könnten nicht miteinander :)

    • Morein
    • 01. Dezember 2012 21:42 Uhr

    Schön das es mal eine andere Seite von China zu sehen gibt.In dem China das uns sonst täglich präsentiert wird lebt eh nur ein Drittel der Bevölkerung, der Rest steht außen an. Nie werden alle Chinesen in den „Genuss“ dieses kurzen Reichtums kommen, rein aus pyshikalischen Gründen nicht möglich über 1,3 Milliarden Chinesen in dieses „Wunderland“ einzulassen. Auch wird, wie von Chinesischen Wissenschaftler errechnet, all der Gewinn der letzten Jahre durch die immense Umweltzerstörung und dessen dringende Behebung wieder aufgefressen werden. Nein,keine Nullnummer,sondern ein sehr schlechtes Geschäft für die Massen der Chinesen.

    Wer ein wenig in den Geist des alten Chinas und seiner Philosophie praktisch eintauchen möchte, der sollte doch mal sich mit dem I-Ging beschäftigen und die Orakel sprechen lassen.Überraschende Ergebnisse und Einsichten werden die Folge sein. Ich persönlich habe das Buch „I Ging. Das alte chinesische Orakel- und Weisheitsbuch.„ von Peter H. Offermann (ISBN-10: 3442108993) dem Buddhistischen Ausgaben bevorzugt. Viel Spaß beim Orakeln!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Zeichentabelle online mit den Texten (ich glaube, es ist die Richard Wilhelm Übersetzung):

    http://www.honc.de/iging/...

    Auf der Hauptseite sind noch ein paar andere alte chinesische Texte verlinkt, ausserdem die Möglichkeit, das Orakel zu befragen (keine Ja-Nein-Fragen).

    Das Wort 'Orakel' schreckt bestimmt manche ab; was aber schade wäre. Die Texte lohnen sich als Denkanstoß. Eigentlich machen sie einen, finde ich zumindest, auf seine innere Stimme aufmerksam. Das schätze ich am I Ging. Es liefert keine 'Antwort', eher wirft es Fragen auf in einem, und indem man darüber nachdenkt findet man in sich selbst das was man gesucht hat.

    Frage an Menschen, die mehr Erfahrung/Wissen darüber haben:
    Wurfzeichen und Spiegelzeichen:
    Was ist der genaue Zusammenhang? Ist das Spiegelzeichen eine Folge vom Wurfzeichen, also eher ein späterer Schritt villeicht, oder quasi der (konträre) Spiegel, vielleicht je nach Kontext ein warnendes Zeichen (während das Wurfzeichen eher einen Weg aufzeigt)?

    Über Aufklärung würde ich mich freuen :) Danke

  6. 8. I Ging

    Die Zeichentabelle online mit den Texten (ich glaube, es ist die Richard Wilhelm Übersetzung):

    http://www.honc.de/iging/...

    Auf der Hauptseite sind noch ein paar andere alte chinesische Texte verlinkt, ausserdem die Möglichkeit, das Orakel zu befragen (keine Ja-Nein-Fragen).

    Das Wort 'Orakel' schreckt bestimmt manche ab; was aber schade wäre. Die Texte lohnen sich als Denkanstoß. Eigentlich machen sie einen, finde ich zumindest, auf seine innere Stimme aufmerksam. Das schätze ich am I Ging. Es liefert keine 'Antwort', eher wirft es Fragen auf in einem, und indem man darüber nachdenkt findet man in sich selbst das was man gesucht hat.

    Frage an Menschen, die mehr Erfahrung/Wissen darüber haben:
    Wurfzeichen und Spiegelzeichen:
    Was ist der genaue Zusammenhang? Ist das Spiegelzeichen eine Folge vom Wurfzeichen, also eher ein späterer Schritt villeicht, oder quasi der (konträre) Spiegel, vielleicht je nach Kontext ein warnendes Zeichen (während das Wurfzeichen eher einen Weg aufzeigt)?

    Über Aufklärung würde ich mich freuen :) Danke

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