ChinaDie Vermessung des Ichs

Ihr Land ist laut und schnell, und viele Chinesen bewundern wieder Menschen, die sich für die Stille entschieden haben. Eine Reise zu den Eremiten der Berge. von 

Ist es nicht komisch? So weit hat er sich von der Welt zurückgezogen, so hoch in den Bergen liegt seine Einsiedelei, und doch gibt die Welt keine Ruhe. Sie johlt in seine Stille hinein, in das Summen sonnentrunkener Bienen. Lärmt herauf wie ein knallvolles Freibad, als könne sie es nicht ertragen, dass einer nichts von ihr will. Manchmal denkt Shi Xiaohong daran, wie es war, dort unten bei den Menschen zu leben. Doch mit den Jahren ist die Erinnerung an sein früheres Leben verblasst. Er hat andere Gefährten gefunden. Den Wind. Und den Berg – den vor allem.

Es ist ein heiliger Berg, und so sieht er auch aus. Man muss gleich an Kung-Fu-Filme denken, in denen die Kämpfer von Gipfel zu Gipfel fliegen. Weißer Fels stürzt in schwindelerregende Abgründe, um wieder in sanften Wellen aufzusteigen. Auf Felsvorsprüngen reiten bizarre Kiefern. Mal frisst sie der Nebel, dann haucht er sie wieder aus.

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Der Huashan, in der Provinz Shaanxi im Herzen Chinas gelegen, ist einer der heiligsten Berge des Reiches, eines seiner frühesten spirituellen Zentren. Berühmt für die abenteuerlichen Pfade, die einst daoistische Eremiten in seine senkrecht aufsteigenden Felswände hauten. Mal balanciert man auf rostigen Ketten, dann auf morschen Brettern, wer hier stürzt, hat sein Leben verspielt. Die Pfade gibt es zwar noch, aber längst drängen sich in der Gegend Touristen, zwei Millionen pro Jahr. Und doch, wer sucht, kann noch Einsiedler finden.

Erst aber geht es durch die Welt der Besucher. Am Gipfel quellen sie aus der Seilbahn. Männer, kettenrauchend, mit Aktentasche und Lederschühchen. Frauen im Minirock, kokett posierend vor gähnendem Abgrund. Dauerknipser, selbst ernannte Bergführer, trompetend wie Leitelefanten. Musik dudelt, in Hunderten von Handys auf den Berg geschleppt. Ein Mann trägt die Handtasche seiner Freundin um den Hals wie ein Bernhardiner sein Fässchen Rum. Eng an eng trippelt man über Pfade, eigentlich könnten jetzt alle die Hände auf des Vordermanns Schulter legen zur Bergpolonaise. Sie haben Geld, sie haben Zeit, sie sind gekommen, um sich zu amüsieren. Mit dem Wohlstand haben die Chinesen die Freizeit entdeckt.

Jetzt heißt es aufpassen. Mit den Massen drückt man sich die Steintreppen hinab. Da – an der Brücke scharf rechts abbiegen, beim Schild "Zutritt verboten". Man tritt durch ein Steintor, mächtig, uralt, durchquert einen Tunnel, von Menschenhand in den Berg gehauen, und steht vor einer blauen Tür, die in den Angeln quietscht. Hier auf dem Huashan lebt Shi Xiaohong, in der ältesten menschengemachten Einsiedelei der ganzen Gegend.

Vor 800 Jahren hauten Eremiten Höhlen ins Halbrund des perfekt gewölbten Steins. Zwei kleine und eine zehn Meter hohe. Sie schlugen Treppen in den Berg, schmückten die Höhlendecken mit Steinblumen. Hier ist er eingezogen vor 17 Jahren. Hat ein Gemüsebeet angelegt, ein paar Hütten gebaut, eine Solaranlage installiert, die ihn mit dem bisschen Strom versorgt, das er braucht, etwa um seine Kassetten zu hören: New Age aus den österreichischen Alpen .

Anfangs ist er schüchtern, verwirrt. Misstrauisch hinter der Gastfreundlichkeit – seine Antworten sagen alles und nichts, führen in ein Nebelland aus Gedichten, Geschichten, dem Großen und Ganzen. Über sich will er wenig verraten, am allerwenigsten sein Alter. Seinem Gesicht ist es schwer abzulesen, den feinen Zügen, den Sommersprossen, dem klaren Blick, dem weiß und rot melierten Bart. Er trägt die Kluft der Daoisten, den schwarzen Kittel, das Haar zum Dutt gedreht. Er wirkt jung und alt zugleich. Am Ende des ersten Tages steht im Notizblock an Verwendbarem: nichts. Es hat keinen Sinn. Aufgeben, gehen. Wahrscheinlich lebt er zu lange in der Einsamkeit, ist zum Gespräch weder willens noch fähig.

Leserkommentare
  1. 5. Danke

    für diesen Blick auf die zwei Facetten - Tourismus hier, Einsiedelei dort - und den Schwerpunkt auf das schwer Faßbare eigentümlich Chinesische. Das ist für Menschen aus den OECD-Staaten besonders schwer faßbar, daß das in dem heutigen - kommunistischen - China weiterlebt. Das liegt natürlich an der Stärke und Faszination dieser Denkrichtung und der in ihr lebenden Menschen.

    "Die Daoisten nennen das Rekonstruktion" - gemeint ist wohl "Rückkehr zum Ursprung" (gui gen, Daodejing, Kap. 16).

    Ich hoffe nicht, daß nun sich selbstdefinierende Daoisten aus diesem unserem Lande (oder den Nachbarstaaten) aufmachen, die chinesischen Berge zu bevölkern. Es wäre etwas ganz anderes, sie in diesen unseren Bergen (ja, die gibt es ja auch noch) aufsuchen zu können - oder eben auch nicht. Es gibt da leider große Mißverständnisse darüber, was es heißt den Weg zu gehen.

    Und zuguterletzt: Solche im Wald und in der Stadt lebenden weisen Menschen gibt es auch hier, man sieht sie hierzulande meist als *Penner*. Der Unterschied ist, daß eine Verehrung derjenigen Weisen, die sich bewußt für ein Leben auf der Straße oder im Wald entschieden haben, niemals stattfinden wird. Die letzten, denen das zugutekam waren christliche Mönche, aber die Zeiten sind in Westeuropa vorbei. Darum kann ich nur jedem raten, die Augen aufzumachen und die eigenen Vorurteile abzubauen.

    2 Leserempfehlungen
  2. und schön geschrieben.

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  3. Zuerst der Wein:
    Wirklich gut geschrieben, es muss ja jemand theoretisch diese Reisen und Besuche gemacht haben um davon berichten zu können. Auch einen Dank für die ungewöhnlichen Wege, die gegangen werden mussten, sowohl im Berg, als auch in den Köpfen. Schonmal ein wenig Wasser: Nicht alles was in der Zeitung steht gibts auch im richtigen Leben! Weiter den Hahn aufgedreht: Mich wundern immer diese Schikibilder, wo tolle girls up to date die Finger zusammenschließen im Lotussitz auf der Suche nach Erleuchtung. Das gilt wohl heutzutage eher als eines der vielen Minimalziele, die man als Top-Konsummensch so erreichen muss. Wenn aber bei dieser Sitzerei (und dem eventuell tatsächlichen Erreichen der Erleuchtung) ein derart durchgedrehter Mensch herauskommt, wie oben zu lesen, dürfte doch relativ fraglich sein, ob die Mode-Buddhisten in Europa weiter praktizieren sollten. Sie könnten eines Tages auf die Idee kommen, diesen Einsiedlern nach zu eifern und sich in chinesische Berge zu verziehen. Dort gibt es keine Boutiquen, Schnee und Kälte zur genüge und Matsch und Dreck. Der Bericht oben zeigt mir aber auch, dass es viele nette Ziele zu erreichen gäbe, zumindest dem Papier nach. Und es ist schwer zu beurteilen, ob es sich bei diesen Anleitungen um Märchen handelt oder um wirklich fassbares. Wo ist der Übermensch, der dieses auch ausstrahlt? Der nicht halb als göttlich - und halb als Verirrter herumläuft?

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  4. waren sie für mich gestorben.

    Die im Artikel vorgestellten "Eremiten" mit Computer und Satellitenschüssel haben den Weg zu einem schönen, angenehmen Leben ohne Leistungsdruck gefunden, verbunden mit ein wenig eitler Selbstdarstellung.
    Sicher für Manchen erstrebenswert.
    Nicht nur für Chinesen.

    Schön der letzte Satz: »Der größte Eremit ist der, dem es gelingt, mitten in der Stadt zu leben.«

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    • Morein
    • 02. Dezember 2012 21:12 Uhr

    Liebe/r masereel ;
    Ich habe selbst hauptsächlich mit dem I Ging von Peter H. Offermann gearbeitet, da mir die Reich Ausgabe nicht den nötigen Zugang gewährt hat. Nach diesem Buch öffneten sich die Tore weit.
    Offermann präsentiert das Orakel in einer weise das der westliche Mensch schnell Zugang bekommt, ohne jedoch das I Ging in seiner tiefe und ursprünglichen Bedeutung zu mindern.
    Er präsentiert die Zeichen , dann den Orginaltext des Zeichen und dann das Urteil,der im nächsten Abschnitt von Ihm aufbereitet erläutert wird, dann folgen die einzelnen Zeichen und ihre Bedeutung. Dieses offenbart ein sehr vertieftes Wissen von Offermann sowohl über den Hintergrund des Orakels und der spirituellen Hintergründe wie auch Entsprechungen aus der Psychologie und anderen Wissenschaften. Man kann es nutzen um simple (dumme) Fragen zu stellen wie zB „Wie wird das Wetter morgen“, worauf das Orakel auch Antwort gibt, jedoch wird man dem Orakel lästig wird es eindeutig und nennt einem auch einen Toren! Ich musste oft lachen wen ich mit einer Antwort nicht zufrieden war und es nochmals befragte dann kam stets Nr.4 :

    DAS URTEIL

    Jugendtorheit hat Gelingen.

    Nicht ich suche den jungen Toren,

    der junge Tor sucht mich.

    Beim ersten Orakel gebe ich Auskunft.

    Fragt er zwei-, dreimal, so ist das Belästigung.

    Wenn er belästigt, so gebe ich keine Auskunft.

    Fördernd ist Beharrlichkeit

    Aber man kann wirkliche tiefe Fragen stellen und dann geht das I Ging auch sehr tief.

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    • Morein
    • 02. Dezember 2012 21:14 Uhr

    Ich selbst habe das Münzorakel statt der Schafgarbe genutzt, zum einen weil es so Praktisch ist, zum anderen ging ich davon aus das die feinen Energien unseres Bewusstsein/Unbewusstsein selbst den Wurf von Münzen beeinflusst und so das Orakel gesteuert wird. So oder so würde ich empfehlen wirklich selbst den Wurf des Orakels in die Hand zu nehmen anstatt es durch eine Maschine zu machen. Doch da wird es wohl verschiedene Meinungen geben.

    Zu Ihrer Frage „Wurfzeichen und Spiegelzeichen“ ist es so das das Hauptzeichen die Situation so beschreibt wie sie jetzt insgesamt ist, wobei es wesentlich auf die gewandelten Linien ankommt.
    Und durch die gewandelten Linien (Yang zu Yin und umgekehrt) entsteht dann das gewandelte Zeichen, das Spiegelzeichen wie Sie es nennen. Dieses gewandelte Zeichen zeigt dann wohin diese momentane Situation führen wird. Da hat dann nur das Hauptzeichen eine Bedeutung, nicht aber die (vormals) gewandelten Linien des Wurfzeichens. Und erst im Zusammenhang von Wurf und gewandelten Zeichen entsteht das komplette Orakel. Für Sie eine etwas komfortablere Site aufgetan , schauen Sie mal nach http://www.onlinehoroskop... ebenfalls nach W.Reich.

    Eine WARNUNG an ALLE :

    Bei der Durchsicht nach brauchbaren Seiten bin ich auf http://laeta.de/iging/ gestoßen, dort ist neben dem I ging ein NAMENSORAKEL im Angebot. VORSICHT wen Sie jemand auffordert auf einer Webseite Ihren Vollständigen Namen anzugeben !!! Ist eh völliger Blödsinn.

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