Historischer Rückblick : Brüder in Waffen

Deutsche und türkische Militärs arbeiten seit mehr als einem Jahrhundert eng zusammen. Die geplante Verlegung von Patriot-Luftabwehrraketen an die Grenze zu Syrien schreibt diese Geschichte nun fort.
Otto Liman von Sanders, seine Tochter und Admiral Wilhelm Anton Theodor Souchon an Bord SMS Goeben im Oktober 1917. Von Sanders leitete seit 1913 die deutsche Militärmission in Konstantinopel.

Deutsche Soldaten in der Türkei? Schon vor mehr als zwanzig Jahren ist darüber hierzulande eine Debatte entbrannt: Damals, 1991, im Golfkrieg gegen Saddam Hussein um Kuwait, waren zuletzt Einheiten der Bundeswehr in der Türkei stationiert. Deutsche Alphajets sollten helfen, die Grenze zum Irak zu sichern. Zum Einsatz kamen sie allerdings nicht. Dennoch markiert ihre Entsendung eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte: Erstmals wurden Einheiten der Bundeswehr in ein von Krieg bedrohtes Krisengebiet geschickt.

Auch im Irakkrieg 2003 verhielt sich die Bundesrepublik solidarisch mit der Türkei – trotz eines klaren Votums gegen eine deutsche Beteiligung am amerikanischen Marsch auf Bagdad. Die Bundeswehr lieh ihre Patriot-Batterien an die Niederlande aus. Niederländische Luftabwehreinheiten nahmen die Waffen dann im Rahmen eines Nato-Einsatzes mit in die Türkei, die sich ja ebenfalls einer Teilnahme an Bushs Krieg verweigert hatte.

Bald darauf wurde die Regierung in Ankara zu einem der größten Abnehmer deutscher Waffen, in den vergangenen Jahren sogar Deutschlands bester Kunde. Zwischen 2005 und 2010 gingen 14 Prozent der Rüstungsexporte an den Nato-Partner. Wie stark der deutsche Einfluss auf die türkische Armee ist, wird aber erst im historischen Rückblick deutlich. Vor allem jüngere Forschungen wie die Studien des Istanbuler Historikers Gencer Özcan führen vor Augen, wie sehr die von der preußisch-deutschen Armee inspirierten Militärreformen des Osmanischen Reiches auch die spätere Türkische Republik prägten. Deutsche Soldaten in der Türkei – das hat Tradition, über viele Epochen hinweg.

Am Anfang stand die vernichtende Niederlage der Osmanen im Krieg gegen Russland 1877/78. Dieser Krieg war der letzte einer Reihe von elf russisch-osmanischen Waffengängen seit dem 16. Jahrhundert. In ihrer Folge hatte der Sultan in Konstantinopel nach und nach Gebiete rund um das Schwarze Meer an Russland abtreten müssen.

Seit dem 19. Jahrhundert galt das einst glanzvolle Vielvölkerreich den Westmächten nur mehr als »kranker Mann am Bosporus«. Und auch die osmanischen Herrscher selbst erkannten, dass es dringend der Reformen bedurfte. Beeindruckt vom deutschen Sieg über Frankreich 1870/71, suchte man daher militärischen Rat in Berlin.

Auf Einladung von Sultan Abdülhamid II. begann eine deutsche Militärkommission 1882 Memoranden zum Aufbau eines modernen Militärapparats zu verfassen. Das bis dahin an der osmanischen Kriegsakademie geltende Ausbildungssystem der französischen Armee wich dem neuen Vorbild aus Deutschland – weg von der Taktik der starren Verteidigung, hin zur offensiven beweglichen Kriegsführung nach preußischem Vorbild. Auch politisch und gesellschaftlich imponierte den Osmanen das deutsche Modell: Die Erziehung von Wehrpflichtigen zu treuen Soldaten als Instrument der Herrschaftssicherung – das wurde nun auch hier eingeführt. Am 25. Oktober 1886 trat das neue Einberufungsgesetz in Kraft.

Zugleich ging man dazu über, Offiziere der osmanischen Armee direkt in Deutschland ausbilden zu lassen. Mit der Zeit erhöhte sich zudem die Zahl der unter dem Befehl deutscher Offiziere stehenden Einheiten. Auch die Verantwortung für die Ausbildung an den Kriegsakademien wurde Deutschen übertragen. Und schon damals trug Waffentechnik aus Deutschland maßgeblich zur Modernisierung der Armee bei. Die von Berlin als Berater und Ausbilder entsandten Offiziere steigerten die Verkäufe von Rüstungsproduzenten wie Krupp, Loewe und Mauser. Hohe Provisionen waren der Dank.

Im Ersten Weltkrieg war das Osmanische Reich mit Deutschland verbündet. Kurz nach Kriegsausbruch lieferte das Kaiserreich den Schlachtkreuzer Goeben und den Leichten Kreuzer Breslau an seinen Partner. Am 13. August 1914 gab die Türkei den Ankauf bekannt. Die Schiffe wurden in Yavuz Sultan Selim und Midilli umbenannt, fuhren allerdings weiterhin mit deutschen Besatzungen und unter deutschem Kommando.

Ebenfalls mit Unterstützung aus Berlin wurden nun die Dardanellen militärisch befestigt, die Yavuz Sultan Selim sicherte den Bosporus. Beide Meerengen wurden am 27. September 1914 für die internationale Schifffahrt gesperrt. Bei der erfolgreichen Abwehr der englisch-französischen Angriffe auf die Dardanellen 1915 standen die osmanischen Truppen unter dem Befehl der Generäle Vehip Pascha und Otto Liman von Sanders, der seit 1913 die deutsche Militärmission in Konstantinopel leitete. Als »Löwe von Gallipoli« verehrt, sollte er schließlich im März 1918 auf Bitte des osmanischen Kriegsministers Enver Pascha den Oberbefehl über die bis dahin mit wenig Erfolg vom deutschen General Erich von Falkenhayn geführten Armeen des Osmanischen Reichs in Palästina und Syrien übernehmen. Ihre Niederlage gegen die Briten konnte Liman von Sanders aber nicht mehr abwenden.

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Kommentare

55 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

"quasidiktatorisch regierende "------Gehts noch???

"Am 27. Mai 1960 entmachtete das Militär die quasidiktatorisch regierende Demokratische Partei und setzte verfassungsrechtliche Reformen durch"

WOher haben Sie das denn? Das waren damals die ersten freien Wahlen und Menderes war der erste mit überwältigender Mehrheit frei gewählte Ministerpräsident. Und er wurde von den Militärs gefoltert und am Ende gehängt. Das klingt in Ihrem Artikel aber ganz anders. Ja sogar richtig süss:

"welche die Politiker zwangen, die Macht mit den Offizieren zu teilen. "

Was für eine Geschichtsverdrehung! Habt ihr einen Kemalisten bei euch in der Redaktion sitzen? Oder was ist euer Problem, dass Ihr auf einmal versucht, einen der grössten politischen Tragödien der jüngeren türkischen Geschichte zu verdrehen?

Ist ihre Ideologie verletzt?

Sie scheinen das ganze ideologisch zu betrachten.

Wie kommen Sie darauf, dass man davon ausgehen kann, dass wenn eine Partei eine Mehrheit in der Bevölkerung hat, auch demokratisch regiert?

Wo ist da der Zusammenhang?
Sie können die Geschichtsbücher aufschlagen, und dort sehen sie, wie diktatorisch die Menderes Regierung wirklich war.

Mehrheitsdiktatur ist keine Demokratie. Komisch, dass dies in so vielen religiös geleiteten Ideologien verwechselt wird.

Heute sehen wir das ganze im arabischen Raum.

So langsam...???

Ich habe mittlerweile schon das Gefühl, einem medialen Trommelfeuer ausgesetzt zu sein!

Assad bereitet Giftgaseinsatz vor...

Militärisches Eingreifen darf kein Tbuthema mehr sein...

Jetzt der Griff in die Mottenkiste der Militärgeschichte!

Und alles natürlich für den guten Zweck - Demokratie, Menschenrechte und Freiheit!

Der einzige Lichtblick: Die ZEIT-Leser scheinen nicht so recht mitspielen zu wollen, die allermeisten Kommentare sind kritisch und gegen eine militärisches Eingreifen, die Kriegstreiberei wird als solche erkannt!

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Wo blkeibt eigentlich ein Artikel, der sich eindeutig gegen Militärische Abenteuer zugunsten weltpolitischer Machtspielchen ausspricht?

Gibt es in der Redaktion keinen einzigen Journalisten, der diese Kriegstreiberei ebenso satt hat wie viele die Mehrzahl der Leser?

An die Tasten! Um Ihren Job werden Sie wohl nicht fürchten müssen, wir sind doch hier nicht in China oder Russland, oder...???

Wohlwollend neutral

War das deutsche Reich keineswegs. Es steckte aber selbst in einem Kampf ums überleben. Im nachhinein ist es natürlich leicht den Stab über die damals Regierenden zu brechen. Eine Lehre sollten wir aber aus dieses unrühmliche Geschehen ziehen. Wir sollten recht vorsichtig sein bei der Wahl unserer Verbündeten. Nicht dass wir uns schon wieder in einer ähnlich moralisch nicht zu duldende Lage wiederfinden.

Leider

Wurde ein Kommentar dass ihre Frage beantwortet hätte entfernt. Nun zu Ihrer Frage: Ich würde es als typisch realpolitische Herangehensweise bewerten. Schon Maquiavelli hat gemeint, dass die Moral in der Politik nichts zu suchen habe. Leider haben unsere Staatsmänner (die europäischen), ausnahmslos diese Maxime übernommen. So blieben die Allierten stumm als Stalin die polnische Intelligentsia abschlachtete, oder die Kosaken, Tchetchenen und andere Völker aus dem Kaukasus in Todesmärsche Richtung Sibirien schickte. Sie haben Saddam Hussein die chemischen Waffen geliefert mit denen er nicht nur die Iraner sondern auch die Kurden im Irak angriff. Donald Rumfsfeld brachte diese Mentalität genau auf den Punkt als er zu Saddam Hussein in den 80er Jahre sagte: "Ja, er ist ein Schurke, aber er ist unser Schurke". Gerade weil ich glaube diese Art zu denken durchschaut zu haben, bin ich ein entschiedener Gegner einer deutschen Truppenpräsenz in Kleinasien. Ein Sender Gleiwitz oder Golf von Tonkin Vorfall sind schnell konstruirt und ich würde unseren Soldaten die unselige Rolle ersparen wollen, dort als Augenzeugen oder noch schlimmer, als Mittäter in die Pflicht genommen zu werden bei einem aussenpolitisches Abenteuer, dass offensichtlich gegen das Völkerrecht verstösst (Syrien Intervention).