Eine wichtige Rolle auf dem südöstlichen Kriegsschauplatz spielte auch Konteradmiral Wilhelm Anton Souchon, der Befehlshaber der deutschen Marineeinheiten im Mittelmeer. Bereits Ende Oktober 1914 hatte er mit einem deutsch-türkischen Geschwader die russischen Schwarzmeerhäfen Odessa und Noworossijsk angegriffen, Minen vor Sewastopol gelegt und ein russisches Kanonenboot versenkt – Provokationen, die erneut zum Krieg zwischen Russland und dem Osmanischen Reich führten. Auf Moskaus Kriegserklärung am 2. November 1914 folgte zehn Tage später die entsprechende Antwort Konstantinopels an die Triple Entente, bestehend aus Großbritannien, Frankreich und Russland. Souchon stieg zum Oberbefehlshaber der gesamten osmanischen Kriegsmarine auf und attackierte mit ihr weiterhin russische Schiffe und Häfen im Schwarzen Meer. Die unter seinem Kommando stehende Yavuz Sultan Selim sollte zum Großkampfschiff des Ersten Weltkrieges mit der längsten Dienstzeit werden. Erst 1973 wurde sie abgewrackt – mehr als fünfzig Jahre lang war sie im Einsatz der türkischen Flotte.

Nach dem Ersten Weltkrieg unterhielten Deutschland und die Türkei sechs Jahre lang keine diplomatischen Kontakte. Bereits am 3. März 1924 aber wurde die Verbindung mit einem Freundschaftsvertrag wiederbelebt. Auch die militärische Zusammenarbeit fand ihre Fortsetzung. Wieder lieferte man Waffen an die Türkei und bildete Soldaten aus. Die gemeinsamen Erinnerungen an die Kriegsjahre waren einer weiteren Bindung an das deutsche Modell dabei nur förderlich. Noch die Nationalsozialisten bemühten sich mit der Entsendung von Militärdelegationen, den Berliner Einfluss aufrechtzuerhalten. Doch im Zweiten Weltkrieg blieb die Türkei neutral.

Besonders weitreichende Auswirkungen, bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, hatten die Ideen des Generals Colmar Freiherr von der Goltz, der von 1885 an die deutsche Militärkommission geleitet hatte. Seine Schriften wirkten sich nicht nur auf das soldatische Selbstverständnis der osmanischen Offiziere aus, sondern veränderten auch ihr Gesellschaftsbild und ihre politischen Ansichten. Goltz glaubte, die Armee müsse jenseits und zugleich über der Politik stehen. In seiner einflussreichen, ins Türkische übersetzten Schrift Das Volk in Waffen definierte er das Militär als einen Bereich, in den sich Politiker nicht einzumischen hätten. Diesen Standpunkt teilten viele Offiziere des Osmanischen Reiches.

Goltz’ Ideen blieben auch in der Türkischen Republik lebendig. Sie prägten den Blick der Armee und des Offizierkorps auf die Gesellschaft – und umgekehrt. Sie trugen dadurch wesentlich dazu bei, dass das Verhältnis zwischen Politik und Militär von Anfang an gespannt war.

Goltz’ Ideal eines »Volkes in Waffen«, schreibt der Historiker Gencer Özcan, habe denn auch als geistige Grundlage für die beiden Militärputsche von 1960 und 1980 gedient. Am 27. Mai 1960 entmachtete das Militär die quasidiktatorisch regierende Demokratische Partei und setzte verfassungsrechtliche Reformen durch, welche die Politiker zwangen, die Macht mit den Offizieren zu teilen. So habe, argumentiert Özcan, der deutsche Einfluss als Teil der institutionellen Kultur in der türkischen Armee fortgelebt, obwohl in den späten vierziger Jahren amerikanische Militärvorschriften die deutschen abgelöst hätten. Und dieser Einfluss habe sich nicht auf die Streitkräfte beschränkt, sondern generell die begriffliche Trennung zwischen Staat und Armee, zwischen Staatsbürger und Soldat verwischt.

Nicht zuletzt führte dies dazu, dass die Grenze zwischen Kriegs- und Friedenszeiten verschwamm – ein Zustand, dem sich, in ähnlicher Weise, auch die deutschen Soldaten in der Türkei gegenübersehen werden, falls sie demnächst ihre Patriot-Luftabwehrraketen an der Grenze zu Syrien stationieren.