ZugverkehrIm Reich der Bremser

Kurz vor Weihnachten fehlen der Bahn dringend benötigte Züge. Wird der Winter hart, drohen Reisenden Verspätungen und Ausfälle. Wieder einmal. von 

Die gute Nachricht zuerst: Wenn alles optimal läuft, kommt die Deutsche Bahn gerade so durch den Winter. Die schlechte: Wenn es nicht optimal läuft, wenn Weichenheizungen ausfallen oder Oberleitungen einfrieren, dann droht der Zusammenbruch. Wie vor zwei Jahren, als reihenweise Züge ausfielen, Tausende Reisende auf den Bahnsteigen froren und die Deutsche Bahn kurz vor Weihnachten ihren Kunden davon abriet, den Zug zu nehmen.

Der Staatskonzern ist diesmal zwar besser auf den Winter vorbereitet als damals. Er hat zusätzliche Weichenheizungen installiert, weitere Enteisungsanlagen angeschafft und mehr Schneeräumkräfte angeheuert. Doch am eigentlichen Problem ändert das nichts: Die Bahn hat keine Reserve. Genau wie im vergangenen Jahr und in dem Jahr davor.

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Diesmal fehlen acht neue ICE-3-Züge, die die Bahn in diesen Wochen in Betrieb nehmen wollte. Das sind 3.200 weniger Sitzplätze für die Weihnachtstage. In Hessen stehen außerdem 22 Nahverkehrszüge nicht zur Verfügung, die für den Winter fest eingeplant waren. Bei den ICE-Zügen von Siemens gibt es Softwareprobleme. Weil das Kommando zum Anhalten eines Zugs etwa eine Sekunde lang durch die Computersysteme irrt, bevor es ausgeführt wird, kommt der Zug, wenn er bei einer Geschwindigkeit von 250 Stundenkilometern voll bremst, erst rund 70 Meter später zum Stehen. Das Eisenbahnbundesamt zog deswegen unlängst die Notbremse und verweigerte die Zulassung.

Dies ist nur die jüngste in einer Reihe von Pannen. Die insgesamt 16 neuen Siemens-Züge sollten bereits vor einem Jahr fahren. 100 Regionalzüge von Bombardier standen jahrelang auf Halde. Es ist eine Blamage für den Hightech-Standort Deutschland.

Wie kann es sein, dass die Branche es nicht schafft, Züge rechtzeitig auf die Gleise zu bringen? In einem Geschäft, das so planbar ist wie der Winter? Wer trägt die Schuld?

Die Deutsche Bahn sagt: Die Hersteller, denn sie liefern die dringend benötigten Züge nicht pünktlich. Die Hersteller sagen: Die Lieferfristen sind kaum zu schaffen. Jeder Auftrag ist anders, jeder Zug eine Maßanfertigung, Verzögerungen sind nicht auszuschließen. Und beide Seiten sagen: Schuld hat auch das Eisenbahnbundesamt, weil es für die Zulassung der Züge zu lange braucht. Weil es zu viele Normen und technische Anforderungen gibt, die sich auch noch ständig ändern. Das Amt wiederum sagt: Die Vorschriften fielen nicht vom Himmel, die Behörde setze nur um, was Parlamente und Arbeitskreise vorher beschließen. So reicht einer den Schwarzen Peter an den Nächsten weiter.

Betreiber, Hersteller, Behörde – das ist das Bermudadreieck, in dem hierzulande die Züge fahren. Nicht einer allein ist schuld, aber alle könnten besser werden: die Bahn, wenn sie bei der Bestellung von komplexen Hightech-Zügen einen größeren Zeitpuffer einplant. Die Hersteller, wenn sie endlich ihre Probleme in den Griff kriegen. Und das Eisenbahnbundesamt, wenn es entlastet würde. Die Züge könnten schneller zugelassen werden, wenn man die Sicherheit des Bahnbetriebs nicht allein der Behörde aufhalste. Wie in der Luftfahrtbranche könnten die Hersteller künftig selbst die Sicherheit ihrer Fahrzeuge nachweisen und die Unterlagen dann bei einer Art TÜV einreichen. Und alle zusammen sollten sich schon vor der Entwicklung der Züge auf die technischen Anforderungen einigen und nicht erst, wenn diese gebaut werden.

Darauf zielt das Handbuch Eisenbahnfahrzeuge ab, ein Leitfaden, der die Verfahren innerhalb der Branche beschleunigen soll. Der Bundesrat hat ihm unlängst zugestimmt. Doch Deutschland allein reicht nicht. Ein Zug, der von Stuttgart nach Paris fährt, braucht eine Zulassung für beide Länder, von zwei nationalen Behörden. Jedes Land hat sein eigenes System, mit eigenen Vorschriften. Die Zulassung muss so sein, wie die Züge auch fahren: grenzüberschreitend. Auch die Schiene braucht mehr Europa.

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Leserkommentare
    • BaqFish
    • 06. Dezember 2012 14:15 Uhr

    Ständig ließt man von Berichten, in denen beschrieben ist, wie schlecht die Deutsche Bahn doch ist. Jedes mal, wenn ich solch einen Artikel lese, kommt mir der Gedanke einer zu verwöhnten Gesellschaft.

    Ich kann für 100€ eine Hin- und Rückfahrt zu meinen 400km weit entfernen Verwandten buchen, wenn ich möchte auch jetzt um in 1-2 Stunden schon zu fahren.
    Dann kann ich wenige Minuten vor Abfahrt an den Gleisen ankommen und mich dann gemütlich in den Zug setzen. 2 1/2 Stunden später bin ich dann schon vor Ort.

    Verstehen Sie mich nicht falsch, ich reise nicht in der schicken ersten Klasse voller Luxus. Ich habe auch schon mehrere dieser Fahrten an der Türe neben meinem Koffer bzw. auf dem Boden verbracht.
    Geschadet hat es mir sicherlich nicht und da ich mich zu genüge zu beschäftigen wusste, verging die kurze Reisezeit doch sehr schnell.

    Natürlich könnte die Bahn effektiver werden und ein wenig ihre Pünktlichkeit verbessern. Allerdings würden dadurch wahrscheinlich die Bahnpreise viel stärker steigen, als sie es am Sonntag werden.
    Außerdem sollte man die hoch komplexe logistische Aufgabe in Betracht ziehen, die der Bahn gestellt wird, all diese Zügen auf den, doch recht wenigen, Gleisen in kurzen Zeitabständen fahren zu lassen.

    In diesem Sinne freue ich mich schon auf meine nächste Fahrt vor Weihnachten.

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    Es geht nicht um Effektivität, es geht darum, dass die Bahn oft genug die verkaufte Leistung mangelhaft erbringt und sich trotzdem teuer genug bezahlen lässt.
    500 km, 5 Stunden (ICE-Verbindung mit 5 Min. Umsteigen), 100 Euro (Normalpreis); sobald man zu zweit reist, gibt es keinen Zeit-, Komfort- oder Kostenvorteil des Massentransportmittels mehr.
    Was soll da noch teuer werden?

    Ich stimme Ihnen voll und ganz zu.
    Doch das Lieblingsreiseziel der Deutschen ist und bleibt eben das Jammertal.

  1. Es ist halt einfach ein unkalkulierbares Thema. Man darf nicht zu viel von Unternehmen und Ministerien erwarten. Nachher könnten noch ausreichend Reserve-Züge mit gesetzlich abgesegneter Ausstattung auf unseren Gleisen unterwegs sein. Meine Güte, soweit darf es natürlich nicht kommen.

    OK, Schluss mit dem Zynismus. Eins interessiert mich jedoch wirklich: Wie meistern unsere Nachbarländer nur unbeschadet die Winterzeit?

  2. Es geht nicht um Effektivität, es geht darum, dass die Bahn oft genug die verkaufte Leistung mangelhaft erbringt und sich trotzdem teuer genug bezahlen lässt.
    500 km, 5 Stunden (ICE-Verbindung mit 5 Min. Umsteigen), 100 Euro (Normalpreis); sobald man zu zweit reist, gibt es keinen Zeit-, Komfort- oder Kostenvorteil des Massentransportmittels mehr.
    Was soll da noch teuer werden?

    3 Leserempfehlungen
  3. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu.
    Doch das Lieblingsreiseziel der Deutschen ist und bleibt eben das Jammertal.

    2 Leserempfehlungen
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    hat sich in meinen Augen auch schon zum Vorurteil hochgeschaukelt. Wo ist das Problem wenn man die Preisgestaltung der Bahn kritisiert? Wir leben doch wohl noch in einem freien Land, oder? Etwas konstruktiv zu kritisieren ist nämlich nicht gleichbedeutend mit "Meckern" oder "Jammern". Das vergessen viele Menschen auch all zu oft.

  4. hat sich in meinen Augen auch schon zum Vorurteil hochgeschaukelt. Wo ist das Problem wenn man die Preisgestaltung der Bahn kritisiert? Wir leben doch wohl noch in einem freien Land, oder? Etwas konstruktiv zu kritisieren ist nämlich nicht gleichbedeutend mit "Meckern" oder "Jammern". Das vergessen viele Menschen auch all zu oft.

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    Antwort auf "Richtig"
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    • HeidiS
    • 06. Dezember 2012 14:50 Uhr

    wir sind vielmehr diejenigen, die einiges mehr zahlen als andere (in Italien z.B. ist Bahnfahren billiger). Bahnfahren wird einfach regelmäßig teurer, das Angebot sind weiterhin schmuddelige Züge. Wer Billigst-Reinigungstrupps durch die Waggons schickt (scheint auch egal zu sein, was die dort überhaupt machen, sauber oder nur mal lüften) muss das Ergebnis mal überprüfen. Teurer, gleichzeitig weniger Service bzw. Niedriglöhne sind der Alltag.

  5. .
    Eine Staatsbahn hingegen hätte solcherart Probleme wohl kaum, weil die bestenfalls auf Kostendeckung für die eindeutig festgestellten Erfordernisse hin wirtschaftet, das "Ergebnis" nicht fälschlicherweis' als "Gewinn" fehlinterpretiert und auch sonst sich mit ihren Kernkompetenzen und gesellschaftlichen Aufgaben beschäftigt, der Herstellung verlässlicher Verbindungen im öffentlichen Nah-, Mittel- und Fernverkehr nämlich, anstatt sich mit dummen Gewinnerzielungsabsichten von ihrer eigentlichen Aufgabe abhalten zu lassen.

    Der Versuch der Börsenbahn ist doch schon in so vielen Ländern so spektakulär gescheitert.

    Können wir nicht mal versuchen, wenigstens die gröbsten Fehler der fehlgeleiteten Staatsverächterei immerzu nachzumachen?

    Oder geht's eigentlich drum, immer noch grandioser zu Scheitern?

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  6. "Kurz vor Weihnachten fehlen der Bahn dringend benötigte Züge."

    Getreu dem Motto: Genießen Sie Ihr Leben in vollen Zügen!

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    • HeidiS
    • 06. Dezember 2012 14:50 Uhr

    wir sind vielmehr diejenigen, die einiges mehr zahlen als andere (in Italien z.B. ist Bahnfahren billiger). Bahnfahren wird einfach regelmäßig teurer, das Angebot sind weiterhin schmuddelige Züge. Wer Billigst-Reinigungstrupps durch die Waggons schickt (scheint auch egal zu sein, was die dort überhaupt machen, sauber oder nur mal lüften) muss das Ergebnis mal überprüfen. Teurer, gleichzeitig weniger Service bzw. Niedriglöhne sind der Alltag.

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