Dirigent John Eliot GardinerIm Weinberg des Meisters

Bach, Beethoven, Brahms: Nie war der unermüdliche John Eliot Gardiner besser als heute. von Wolfram Goertz

Zwischen der Höhle des Löwen und der Löwengrube liegen erhebliche Unterschiede, was das Überleben der Besucher betrifft. Aus der Grube gibt es für niemanden, der den Katzen zum Fraß vorgeworfen wird, ein Entrinnen. In die Höhle aber geht der Besucher mutwillig, er sucht den Schrecken und gedenkt sie als Sieger zu verlassen. Diese archetypische Szenerie fiel einem bei der Ankündigung ein, der großartige britische Dirigent Sir John Eliot Gardiner und sein Orchestre Révolutionnaire et Romantique wollten Beethovens 5. und 7. Sinfonie in der New Yorker Carnegie Hall aufführen, Mikrofone aufstellen und ein Band mitlaufen lassen. Das alles in einem Saal, in dem angeblich das kritischste Publikum der Welt sitzt, täglich nichts anderes als Spitzenaufführungen serviert bekommt und bei Unzufriedenheit schon mal in kollektives Husten verfällt.

Andererseits kann man sich vorstellen, dass dieser Saal Kräfte freisetzt, die in Budapest oder Manchester in solcher Intensität nie entstünden. Prompt wirkten Gardiners Musiker in der Carnegie Hall keine Sekunde lang gelähmt oder gefesselt, sondern spielten, als ginge es um ihr Leben. Entstanden ist dabei nichts Geringeres als die Bewahrung des Feuers aus dem Geist des Prometheus.

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Das schreibt sich leicht über Beethovens Fünfte. Kennen wir nicht etliche Aufnahmen, in denen der revolutionär-pathetische Grimm hochfährt wie eine Explosion? Haben wir nicht x-mal auf Platte oder live erlebt, wie sich ein finsteres Motiv über vier Sätze in einen Sternenkranz verwandelt? Ja, das haben wir – und dennoch hinterlässt Gardiners neue Einspielung den Eindruck des Exemplarischen. Das einleitende Ta-ta-ta-taaah ist hier kein Initial, kein gewaltiges Portal, dem ein konventioneller Roman folgt. Gardiner und den Seinen gelingt es, dieses Motiv wahrhaft als glühenden Kern zu begreifen, als brandige Entwicklungszelle, an deren Wachstum vor allem die Konsequenz und Folgerichtigkeit begeistern. Wie sich das Motiv entlädt, umformt, weitet und miniaturisiert, das zu erleben ist ein evolutionärer Prozess. Nicht minder sensationell entwickelt sich die Siebte, deren dionysische Weltenbändigung aus der Idee des Tanzes geradezu ereignishaft vonstatten geht. Hört man Huster in der Carnegie Hall? Nein, keinen einzigen.

Sir John, einer der Dombauherren der historischen Aufführungspraxis, ist jetzt 69 Jahre alt und hat als Dirigent fast alles erreicht. Aufhören will das Brennen trotzdem nicht. Das Jahr 2012 zum Beispiel wird als sein Beethoven-Jahr in Erinnerung bleiben. Während die besagte CD aus New York erschien, startete der Musiker zu einer Tournee mit der Missa solemnis durch Europa und die USA. Zu ihr hat er seit je eine fast innige Beziehung. Während der Sitzungen zu seiner Aufnahme von 1989, die bis heute als Hochfest moderner Beethoven-Exegese mit historischen Instrumenten gilt, hatte sich die Welt über Nacht verändert. Als damals, am 9. November 1989, die Musiker im Londoner Aufnahmesaal erschöpft zu ihrem allerletzten Durchgang schlichen, fiel im fernen Berlin die Mauer. Nie wurde seine Idee vom »äußeren und inneren Frieden«, die Beethoven im Agnus Dei beschwört, so leibhaftig aktuell wie damals – und als der Aufnahmeleiter den Musikern von den Entwicklungen in Berlin berichtete, von denen er im Radio gehört hatte, da wurde es Gardiner sehr weich ums Herz.

Ansonsten ist der Mann ein heiterer Pragmatiker. Gerne erzählt er, dass er die Idee, zur Musik von Ludwig van Beethovens Missa morgens zu joggen, für tempofördernd hält; seine Gattin hingegen pflege zu seiner Einspielung der Bach-Kantaten zu laufen. Schuhe an, Johann Sebastian eingeschaltet – und dann ab durch die Mitte in Englands südwestlicher Grafschaft Dorset, wo Sir John eine bäuerliche Nebenexistenz im Biogewerbe unterhält. Wer übrigens plant, es Gardiners Gattin nachzutun, wird in diesen Tagen pünktlich von allerlei Festtagsgepränge umlichtert, denn sein eigenes Label Soli Deo Gloria (Gott allein sei Ruhm) hat sämtliche Leipziger Weihnachtskantaten in einer Sonderedition herausgebracht – und wieder staunt man über den wolkenlosen Himmel, der sich in Gardiners Sicht auf den Planeten Bach auftut. Da ächzen die Instrumente nicht, sie singen so wonnig, als habe Matthias Grünewald sie arrangiert. Bachs pralle Sinnenlust springt den Hörer förmlich an.

Und vor allem staunt man erneut über den Monteverdi Choir, dieses astrale Spitzenensemble moderner Chorgesangskunst, das Gardiner im Jahr 1964 gegründet hat und dem er immer noch – als der einzige aktive Überlebende – vorsteht. Natürlich hat der Monteverdi Choir seit damals zahllose Renovierungen und Häutungen erlebt. Von jener Aufnahme der Missa solemnis aus dem Jahr 1989 singen heute noch vier, fünf Leute mit, und von den Sopranistinnen waren damals einige noch gar nicht geboren. Dies bedeutet für Gardiner und seine Assistenten einen lebenslangen Erziehungsprozess, dem sie sich mit Hingabe unterziehen. Andererseits werden Sänger mit minderer Sprachbegabung erst gar nicht zum Vorsingen eingeladen. Gardiner liebt diese Familie des Chors, aber er gönnt sich das Recht, seine Verwandten höchstpersönlich auszusuchen. Man ahnt, dass es bei einem strengen Künstler wie ihm nicht ohne Reibungsverluste abgeht, wenn man vor oder neben ihm auf einem Podium stehen soll. Das NDR-Sinfonieorchester Hamburg, dessen Chef Gardiner von 1991 bis 1994 war, und vor allem das hausinterne Management konnten davon ein Liedchen singen. Gardiners Perfektionssinn kann etwas Penetrantes haben, Unduldsames. Wobei es ihm nicht an Konzilianz mangelt, sofern der Wille zur Kunst auf allen Seiten spürbar ist.

Leserkommentare
  1. Beethovens „Siebte, deren dionysische Weltenbändigung aus der Idee des Tanzes geradezu ereignishaft vonstatten geht“. Gott segne Sie für diese treffliche Formulierung. –

    Ich bin ja nach wie vor der Überzeugung, dass sich das größte Gardiner-Wunder an die Tatsache knüpft, dass er in den 90ern mit dem NDR-Symphonieorchester eine Referenz-Einspielung des op. 45 meines Verwandten vorgelegt hat, deren geistige Durchdringung über alle Vorstellungskraft geht. Leider ist davon auszugehen, dass Sir John seine Annäherung, vielmehr: seine schrankenlose Hingabe (!) an das mit dem Namen ‚Rachmaninow‘ verknüpfte, so durch und durch kantatenferne Genre als einen Fauxpas innerhalb seiner Karriere erachtet. Aber er wird wohl – wie all die Barenboims und Brendels, die erklärtermaßen fürchten, sich an R. die Hände schmutzig zu machen, und dereinst ins Grab gehen, ohne erkannt zu haben, dass entgegen herrschender Lehre der Weltgeist vielleicht am allerwenigsten durch Bach, Beethoven und Brahms spricht – in Erinnerung an den von ihm aufs Herrlichste evozierten Klangrausch stets aufs Neue schamvoll erröten („Johann Sebastian, vergib mir!“) und dabei feststellen – und das haben Sie wieder unnachahmlich schön gesagt –: „Aufhören will das Brennen trotzdem nicht.“

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    • FranL.
    • 16. Dezember 2012 20:08 Uhr

    Durch wen spricht der Weltgeist?

    • FranL.
    • 16. Dezember 2012 20:08 Uhr

    Durch wen spricht der Weltgeist?

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    Na, durch Sie, Verehrteste(r)!

  2. Na, durch Sie, Verehrteste(r)!

    Antwort auf "Weltgeist"
    • FranL.
    • 17. Dezember 2012 19:28 Uhr

    Für mich spricht der Weltgeist durch Bach, Brahms, Beethoven, nicht unbedingt durch Rachmaninow.

  3. Ich habs begriffen. Seien Sie glücklich, in der Gemeinschaft der drei B Ihre musikalische Heimat gefunden zu haben.
    Erlauben Sie indes die Frage: Wer oder was spricht durch Rachmaninow?

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    • FranL.
    • 18. Dezember 2012 19:18 Uhr

    Weiß ich doch nicht. Sie kamen doch auf den Unsinn mit dem "Weltgeist" der durch Komponisten spricht oder nicht spricht.

    • FranL.
    • 18. Dezember 2012 19:18 Uhr

    Weiß ich doch nicht. Sie kamen doch auf den Unsinn mit dem "Weltgeist" der durch Komponisten spricht oder nicht spricht.

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