Beim Streit um das von der Bundesregierung ausgerufene Groß- und Prestigeprojekt namens Energiewende hatten Grüne und SPD bisher gute Karten. Mit Recht konnten sie behaupten, dass sie es waren, die den Atomausstieg schon vor zehn Jahren auf den Weg gebracht hatten. Auch den sagenhaften Erfolg der erneuerbaren Energien, die mittlerweile jede vierte Kilowattstunde zum Stromaufkommen beisteuern, konnten sich SPD und Grüne auf die Fahnen schreiben; schließlich war es das von ihnen im Jahr 2000 geschaffene EEG, das die Basis für den Siegeszug von Wind- und Solarenergie schuf. Die Energiewende war eigentlich ihr Werk – mit ein bisschen Fantasie konnten SPD und Grüne sich und den Wählern genau das vermitteln.

Jetzt werden die Zeiten ungemütlicher, besonders in Nordrhein-Westfalen, dem Energieland Nummer eins, wo Hannelore Kraft, die Hoffnungsträgerin der Sozialdemokraten, gemeinsam mit den Grünen regiert. Klar ist, dass Deutschlands Energiewende scheitert, wenn sie in Nordrhein-Westfalen scheitert; dort, wo so viel klimaschädlicher Kohlestrom erzeugt wird wie nirgendwo sonst in der Republik. Kraft allerdings glaubt, dass die in NRW reichlich vorhandene Braunkohle sich bestens mit den erneuerbaren Energien verträgt – und deshalb gebraucht wird, bis am Ende hundert Prozent des Stroms grün geworden sind.

Dieser Ansicht liegt eine Theorie zugrunde, die illusorisch ist. So illusorisch, dass sie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) jetzt auseinandergenommen hat. Soll Deutschlands Energieversorgung tatsächlich klimaverträglich werden, ist die Braunkohle nicht mehr als ein Auslaufmodell, so der Tenor der DIW-Studie, die für Furore sorgen wird. Denn die Untersuchung zeigt nicht nur, dass Investitionen in neue Braunkohlekraftwerke wegen hoher Baukosten und sinkender Betriebsstunden unrentabel werden, sondern auch, dass sie überflüssig sind. Selbst das Rheinland, heißt es wörtlich, werde »mittelfristig durch günstigere Stromlieferungen vor allem aus dem Nordwesten versorgt« – sprich: durch Windkraftanlagen an der Küste und in der Nordsee.

Für Kraft verheißt das nichts Gutes. Es wird Streit geben in ihrem Regierungsbündnis – und das wäre nicht einmal neu. Die Kohlefrage spaltete SPD und Grüne in Nordrhein-Westfalen schon einmal. Der Ministerpräsident hieß damals Wolfgang Clement und seine Gegenspielerin Bärbel Höhn von den Grünen. Bei wachsenden Spannungen zwischen den Koalitionspartnern in Düsseldorf wird es aber nicht bleiben. Jede Bundesregierung, egal, ob von Schwarzen oder Roten geführt, wird dafür zu sorgen haben, dass weniger Braunkohle verbrannt wird – vorausgesetzt, sie hält an den Energiewendezielen fest. Gut möglich, dass die Kohlefrage eines Tages die SPD im Kern spaltet.