Dokumentarfilm "Marina Abramović"Leiden für die Kunst

Und Weinen im Museum: Ein Film über Marina Abramović, die größte Extremistin unter den Gegenwartskünstlern. von Tobias Timm

Es dauert so lange, bis man ernst genommen wird«, sagt Marina Abramović in die Kamera, und dann lacht sie ihr sympathisches, offenes Lachen. Seit zehn Jahren erst frage sie niemand mehr, ob das überhaupt Kunst sei, was sie da mache. Heute gilt Abramović, die mit Mitte 60 noch aussieht wie Anfang 40, als »die Großmutter der Performancekunst«. Und Großmütter werden immer ernst genommen.

Die Performancekunst ist im Kanon der Museen angekommen, aber es hat viel Kraft gekostet. Jahrzehntelang hat Abramović auf allen Kontinenten und mit vollem Körpereinsatz für ihre Kunst gekämpft, hat sich selbst gegeißelt und mehrfach sogar ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Von alldem erzählt jetzt der Dokumentarfilm Marina Abramović: The Artist Is Present. Der Regisseur Matthew Akers hat die Künstlerin und ihre Entourage während der Vorbereitung und Aufführung ihrer wichtigsten Ausstellung begleitet, der großen Retrospektive 2010 im New Yorker Museum of Modern Art (ZEIT Nr. 11/10). Damals wurden dort nicht nur Filme gezeigt, Abramović trainierte auch gut zwei Dutzend junge Menschen darin, die wichtigsten ihrer alten Performances wieder aufzuführen – etwa jenes Relational Piece von Abramović und ihrem einstigen Lebens- und Kunstgefährten Ulay, bei dem sich das Paar nackt im engen Eingang einer Galerie gegenüberstand und die Kunstbetrachter sich zwischen Busen und baumelndem Gemächte durchzwängen mussten.

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Abramović selbst studierte für die MoMA-Schau eine ganz neue Herausforderung ein. Über die ganze Dauer der Ausstellung, gut 600 Stunden lang, wollte sie, still auf einem Stuhl sitzend, im Museum anwesend sein, unbeweglich wie eine Sphinx, ganz und gar präsent. Der Film begleitet sie bei den Vorbereitungen zu dieser Dauersitzung und sucht nebenbei nach den Beweggründen ihres Tuns. Die Künstlerin erzählt von ihrer Kindheit in Jugoslawien als Tochter zweier berühmter Partisanen, von einer Mutter, die sie nachts aufweckte und zur Disziplin ermahnte, weil die kleine Tochter zu »unordentlich« schlief. Es gab aber auch eine extrem religiöse Großmutter, von der Abramović, wie sie sagt, ihre »spirituelle Weisheit« habe.

Der Regisseur allerdings neigt nicht zur kritischen Nachfrage, selbst kluge Kritiker wie Arthur C. Danto dürfen im Gespräch nur Nebensächliches loswerden. Zudem leidet der Film an den schlechten Angewohnheiten vieler US-amerikanischer Dokumentarfilme – da müssen am Anfang, im schnellen Stakkato geschnitten, die Gesprächspartner die griffigsten Schlagwörter zur Künstlerin abfeuern, da wird fast pausenlos alles mit Filmmusik zugekleistert. Besonders schlimm wird es, wenn die Streicher einsetzen.

Aber all das kann die unfassbare Präsenz dieser Künstlerin, die stets gegen Widerstände und Wände anlief, nicht kaputt kriegen. Abramović hat alle im Griff, die Kuratoren, die Galeristen, die Jungkünstler – und die Kamera. »Sie hört nie auf zu performen«, sagt der MoMA-Kurator Klaus Biesenbach. »Sie liebt die Welt. Und sie verführt jeden.« Der Zuschauer begleitet sie von ihrem Loft in Soho Manhattan hinaus zu ihrem schönen Landhaus im Hudson Valley, wo sie die Darsteller ihrer Performances drei Tage lang trainieren will. Abramović, Guru und Drill Sergeant in einem, hat sich ein schönes Programm aus Fasten, Nacktbaden und mit verbundenen Augen im Wald Sitzen für sie ausgedacht. Das Ziel: Die jungen Leute sollen lernen, einen »charismatischen Raum« zu erschaffen. Bei anderer Gelegenheit trägt sie ihr Manifest vor: Ein Künstler darf nicht die Ideen anderer stehlen, er darf sich nicht dem Kunstmarkt verkaufen, und er darf sich auf keinen Fall in einen anderen Künstler verlieben.

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Abramović war zwölf Jahre lang mit dem deutschen Künstler Ulay zusammen, es war eine extreme Lebens- und Arbeitsbeziehung. Die Trennung folgte auf die letzte Performance 1988 – drei Monate lang waren sie sich auf der chinesischen Mauer entgegengelaufen. Nun inszeniert der Film emotionsreich die Wiederbegegnung der beiden Künstler, Ulay sitzt Marina schließlich bei der Performance im MoMA gegenüber.

Mehr als 700.000 Besucher sehen sich die Abramović-Ausstellung an, viele wollen der Künstlerin unbedingt ins Auge schauen. Warum? Weil hier ein Kunstwerk zurückschaut. Weil dieses Kunstwerk nur hier und jetzt ist. Weil der Besucher, der sich der Künstlerin im Museum an einem Tisch gegenübersetzen darf, Teil der Kunst wird. Dramatisch werden im Film Abramovićs Schmerzen beim Sitzen beschrieben, lange werden die Gesichter all derer gezeigt, die beim Gegenübersitzen heulen müssen. Für sie scheint Abramović eine Heilsfigur zu sein, jemand, der für die Menschheit mitleidet. Die Mater dolorosa unserer Zeit.

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Leserkommentare
  1. Ja, die Musik hat etwas genervt, ja, die Beziehung zu Ulay war zu präsent, ja, der Schnitt war etwas effekthascherisch. Doch um es noch einmal zusammen zu fassen:
    "Aber all das kann die unfassbare Präsenz dieser Künstlerin, die stets gegen Widerstände und Wände anlief, nicht kaputt kriegen."
    Ich war nie Fan von performance, bin es auch nicht unbedingt nach diesem Film. Aber die Abramovic hat mich tief berührt und beeindruckt. Geht rihug ins Kino und guckt ihn euch an, gebt der Performance eine Chance, M.A. könnte euch rumkriegen.

    • Mari o
    • 05. Dezember 2012 15:43 Uhr

    man muss es malen,sonst wird das nichts
    http://tinyurl.com/cxw5yqh

    • fhirsch
    • 05. Dezember 2012 17:29 Uhr

    Biesenbach hat recht. Man verliebt sich unweigerlich in diese Frau.

    Eine Leserempfehlung
  2. konnte den US-PR-film nicht bis zum ende aushalten. langeweile . pure PR-langeweile. der film hat nix mit meinem leben zutun. biesenbach stellt sich immer neben berühmte leute. dadurch wurde er auch bekannt.

    tobias timm schau dir mal den film von louise bourgeois an. die brauchte keine PR. keinen biesenbach. keine streicher. machte geiles bis zu ihrem ende.

  3. Ich kann auch nicht umhin, sie zu bewundern. Was hat sie sich anglotzen, schneiden, demütigen lassen von den Kunstinteressierten dieser Welt? Zwischen Balkanfolklore und süffisanter Avantgarde hat sie dem Kunstbetrieb Posse gemacht und ihn ein ums andere mal beliefert. Schlau geworden bin ich aus ihr nicht, aber irgendwo zwischen gnadenloser Selbstdarstellung und engagiertem Keiltreiben ist sie wohl zuhause.

    Ein Bekannter meinte mal "ausziehen musst Du Dich wollen, und hinstellen und ein bisschen arg leiden für das was Du da machst und dann wird Dir schon einer sagen das ist Kunst".

    Die Abramović als echte Künstlerin zu sehen, fiel mir trotzdem nicht schwer - auch wenn mir nicht alles was sie tut reicht, um für mich da einen Kunstbegriff zu definieren. Sie macht es aber eben. Der Aktionskünstler als Kunstobjekt, das Subjekt, das sich verallgemeinert. Und eben irgendwann auch gemein macht, mit dem Kunstbetrieb.

    Diese Verselbstständigung verstehe ich dann doch nicht. Inhaltslosen Unsinn, das macht die Abramović auch zuweilen. So wie der, dessen Namen keiner kennt, auch eben mal "Kunst macht". Alles eine Frage der Wahrnehmung, keine Frage. Zu einer Extremistin macht es eine dann aber nicht...das Kalkül ist immanent - gerade in der "Kunst".

    Eine Leserempfehlung

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