Diversity"Die Rabenmutter gibt es nur hier"

Deutschland baut Frauen ganz besondere Hürden, sagt BASF-Arbeitsdirektorin Margret Suckale. Aber eigentlich geht es ihr nicht um die Geschlechter, sondern um Vielfalt insgesamt. Die wird für die Wirtschaft zur Überlebensfrage. von 

DIE ZEIT: Diversity ist ein heißes Thema für die deutschen Unternehmen. Doch für viele bedeutet Vielfalt nur »mehr Frauen«.

Margret Suckale: Das ist zu kurz gedacht. Bei der BASF legen wir Diversity sehr breit aus. Vielfalt bedeutet für uns, dass Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts, unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlicher Ausbildung, unterschiedlichen Erfahrungen, sozialen und kulturellen Hintergründen erfolgreich zusammenarbeiten.

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ZEIT: Warum ist das wichtig?

Suckale: BASF ist ein globales Unternehmen. Unsere Kunden kommen zunehmend auch aus Wachstumsregionen in Asien, Osteuropa und Afrika. Überall wächst der Wunsch nach einem höheren Lebensstandard. Die Kunden weltweit haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Diese Vielfalt müssen wir abbilden. Das heißt, wir müssen so vielfältig wie unsere Kunden sein.

ZEIT: Gibt es bei BASF Quoten für Asiaten und Afrikaner?

Suckale: Nein, wir glauben nicht an Quoten. Bei uns im Unternehmen muss die Qualifikation eines Mitarbeiters auf die zu besetzende Stelle passen. Aber wir arbeiten natürlich intensiv daran, die Vielfalt im Unternehmen zu erhöhen.

ZEIT: Bei den Frauen ist Ihr Ehrgeiz nicht so groß. Gerade einmal 15 Prozent der Führungskräfte in Deutschland sollen bis 2020 weiblich sein. Die Telekom will 30 Prozent schaffen.

Für eine Frauenquote
  • Es geht um Chancengleichheit und Gleichberechtigung: Frauen stellen die Hälfte der Bevölkerung und sie sind genauso gut ausgebildet wie Männer.
  • Unternehmen, deren Führungsspitze aus Männern und Frauen besteht, erzielen bessere Ergebnisse.
  • Ein Großteil der Kaufentscheidungen wird von Frauen getroffen. 
  • Durch einen höheren Frauenanteil verbessert sich das Betriebsklima, die von Männern geprägten Spielregeln in Kommunikation und Karriereverhalten ändern sich mit mehr Frauen an der Spitze. 
  • Männer fördern eher Männer – und weil die Führungspositionen überwiegend mit Männern besetzt sind, rücken Frauen bei der Besetzung der Spitzenposten weniger ins Blickfeld. Es handelt sich um ein sich selbst erhaltendes System.
  • Frauen sind aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisierung oft nicht so stark darin, ihre Stärken und Erfolge zu kommunizieren. Sie machen weniger stark auf sich aufmerksam.
  • Es gibt viele Karrierenetzwerke und Eliteklubs, zu denen nur Männer Zutritt haben. Hier findet informelles Mentoring statt und hier werden die entscheidenden Karrierekontakte gemacht. Weil Frauen keinen oder nur schwer Zugang zu den Männernetzwerken haben, können sie von den Netzwerken kaum profitieren.

Fehlt ein Argument? Kontaktieren Sie uns: @zeitonline_kar

Gegen eine Frauenquote
  • Eine Frauenquote diskriminiert Männer.
  • Eine gesetzliche Quote greift in die unternehmerische Freiheit ein.
  • Durch die Quote wird Geschlecht zum Kriterium für die Besetzung einer Spitzenposition. Dabei sollte die Leistung und die Qualifizierung entscheidend sein.
  • Frauen werden als Quotenfrau in Unternehmen stigmatisiert.
  • In einigen Branchen und Unternehmen gibt es nicht ausreichend qualifizierte Frauen, um eine Quote einzuführen und einzuhalten.
  • Mädchen und junge Frauen wählen immer noch traditionelle Frauenberufe, aus denen heraus eine Karriere in eine Führungsposition unwahrscheinlich ist.
  • Viele Frauen wollen gar keine Karriere machen, sondern entscheiden sich bewusst für Familie.

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Suckale: Wir haben viele Chemiker und Ingenieure im Unternehmen. Da ist der Frauenanteil kleiner, und es dauert daher länger, den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen.

Margret Suckale.

Margret Suckale ist Arbeitsdirektorin bei BASF.

ZEIT: Schuld sind die Frauen also selbst?

Suckale:Die Rahmenbedingungen müssen sich ändern, vor allem die Kinderbetreuung. Leider gibt es in Deutschland immer noch das Denken, eine berufstätige Mutter sei eine Rabenmutter. Dieses Wort gibt es in anderen Sprachen gar nicht. Aber klar ist auch: Kinderbetreuung ist nicht allein Frauensache. Auch vielen männlichen Mitarbeitern wird es wichtiger, Beruf und Privatleben besser zu vereinbaren. In Ludwigshafen erweitern wir unsere Kinderbetreuung daher gerade von 70 auf 250 Plätze.

ZEIT: Wenn Vielfalt so wichtig ist und Deutschland angeblich so schlecht darin, warum geht es den hiesigen Unternehmen dann so gut?

Suckale: Wir leben in einer Zeit, in der sich ein erheblicher demografischer Wandel vollzieht. Es gibt mehr Ältere, die zudem immer älter werden, und weniger Junge. Wenn wir uns darauf nicht frühzeitig einstellen, ist Deutschland bald nicht mehr vorne.

ZEIT: Warum musste sich der Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain anhören, er sei nicht deutsch genug?

Suckale: Ich bin ganz sicher, dass wir künftig mehr Nichtdeutsche an der Spitze von Dax-Unternehmen sehen werden.

ZEIT: Die Kultur eines Unternehmens ist oft von seinen nationalen Wurzeln geprägt. Wird sie durch all die Vielfalt nicht irgendwann beliebig?

Suckale: Ich glaube nicht, dass dies für die Beschäftigten noch eine große Rolle spielt. Die Generation der 20- bis 30-Jährigen fühlt sich nicht mehr nur als Deutsche, Franzosen oder Amerikaner, sie verstehen sich auch als Weltbürger.

ZEIT: Die meisten Beschäftigten gehören aber einer anderen Generation an. Setzen Konzerne das Zugehörigkeitsgefühl dieser Menschen aufs Spiel?

Suckale: Wer das tut, hat nicht verstanden, worum es bei Diversity geht. Einzelne Mitarbeiter sind nicht vielfältiger als andere. Erst in der Summe der verschiedenen Erfahrungen entsteht das, was wir brauchen, nämlich gelebte Vielfalt. Also benötigen wir den deutschen Chemiker genauso wie die indische Ingenieurin.

ZEIT: Auch im Arbeitsleben gilt heute noch: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Kann man Vielfalt von oben verordnen?

Suckale: Nein, das geht nur über positive Erfahrungen. Natürlich kann es Zeit kosten, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht oder einen anderen Hintergrund hat. Aber wenn man die verschiedenen Meinungen und Ideen richtig einbezieht, kommen am Ende bessere Ergebnisse heraus.

ZEIT: Diversity betont äußerlich erkennbare Unterschiede, das Geschlecht, die Hautfarbe, das Alter. Wann geht es wieder um Inhalte?

Suckale: Bei der BASF immer schon. Man muss sich das vorstellen wie bei einem Eisberg: Was man sieht, das sind die Äußerlichkeiten. Alles, was unter der Oberfläche ist, das sind die Inhalte. Sie sind das Fundament.

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Leserkommentare
  1. Mehdorns Pfiffi.

    7 Leserempfehlungen
  2. "Wenn Vielfalt so wichtig ist und Deutschland angeblich so schlecht darin, warum geht es den hiesigen Unternehmen dann so gut?[...]Die Kultur eines Unternehmens ist oft von seinen nationalen Wurzeln geprägt. Wird sie durch all die Vielfalt nicht irgendwann beliebig?[...]Setzen Konzerne das Zugehörigkeitsgefühl dieser Menschen aufs Spiel?[...]Kann man Vielfalt von oben verordnen?[...]Wann geht es wieder um Inhalte?"
    Sehr gute Fragen, Sie legen die Finger in die Wunden, Frau Bund! Frau Suckale hingegen gibt nichts als die üblichen Marketing-Blasen von sich. Aber nicht einmal das gelingt ihr: das ganze Bild mit dem Eisberg stimmt ja hinten und vorne nicht...
    Ganz neu auf der BASF-Netzseite: Die "We-create-chemistry"-Strategie! Neben der Banalität der Aussage stellt sich auch hier die Frage: "Chemie herstellen"? Kann man das? Kann man nicht eigentlich nur Produkte durch chemische Verfahren und auf Grundlage chemischer Vorgänge herstellen?
    Ich hoffe jedenfalls, BASF steht insgesamt ein wenig solider da, als dieser wie die Wortblasen des Interviews durchs Wasser schwimmende "Eisberg", dem durch Beliebigkeit und Kulturlosigkeit die "nationalen Wurzeln" verloren gehen!

    6 Leserempfehlungen
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    Schauen Sie sich doch mal die Biographien führender deutscher Arbeitsdirektoren und Personalchefs an. Kaum wirklich relevante internationale Arbeitserfahrung, dafür tiefe Kenntnisse im deutschen Arbeitsrecht. Haben Sie da wirkliche innovative Erkenntnisse zum Thema Diversität erwartet?

    Warum ist die Arbeitsdirektorin der BASF eigentlich eine Deutsche?

  3. Schauen Sie sich doch mal die Biographien führender deutscher Arbeitsdirektoren und Personalchefs an. Kaum wirklich relevante internationale Arbeitserfahrung, dafür tiefe Kenntnisse im deutschen Arbeitsrecht. Haben Sie da wirkliche innovative Erkenntnisse zum Thema Diversität erwartet?

    Warum ist die Arbeitsdirektorin der BASF eigentlich eine Deutsche?

  4. Vor lauter Phrasen wird immer mehr vergessen, worum es wirklich geht.

    11 Leserempfehlungen
    • footek
    • 09. Januar 2013 20:19 Uhr

    BASF ist das was es ist, in über 100 Jahren entstanden, nämlich durch gute Produkte und gutes Management. Diversi.-sonstwas gab es da sicher auch, jedoch der Erfolg kommt durch das Konzentrieren auf das Kerngeschäft. Konzernführung ist sicher nicht einfach aber bestimmt auch kein Multikulti heile Welt Bla bla wo jede Nation mal sagen darf was gerade gespielt werden darf..

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    8 Leserempfehlungen
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    • propac
    • 09. Januar 2013 22:35 Uhr

    wobei BASF doch gern ein paar Jahre davon herausstreichen würde.

    • tronco
    • 09. Januar 2013 22:22 Uhr

    Genau, her mit der nächsten Quote!

    Ich hoffe für BASF, dass Frau Suckale nicht über eine Quotierung auf ihren Posten gekommen ist - anders kann ich es mir aber nicht erklären, dass plötzlich neben Geschlechtsgleichverteilung auch noch die ethnische Vielfalt in einem globalen Wirtschaftsunternehmen wichtiger ist als die Qualifikation. Wer weiß mit was für Quoten die Berliner Flughafenoberen ausgewählt worden sind...

    Allmählich habe ich wirklich das Gefühl wir leben in einem Land, das in der Tat mit Freiheit nichts mehr am Hut hat; es wird verboten und quotiert... Kein Wunder das die FDP stirbt...

    2 Leserempfehlungen
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    Lassen Sie sich von mir helfen.
    Sukale: "...wir glauben nicht an Quoten."

    Noch Fragen?

  5. Puh, recht garstige erste Kommentare.
    Haben Sie, liebe Mitforisten, vor etwas Angst?

    3 Leserempfehlungen
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    Das mit dem "Angst haben?" ist ein inzwischen mit Sicherheit auftretender Standardkommentar in solchen Diskussionen, der in dieser Pauschalität nur von den Inhalten ablenkt. Und zugleich genauso aus einschlägigen "Diversity"-Handbüchern auswendig gelernt klingt, wie die stereotypen Antworten von Frau Suckale.

  6. Lassen Sie sich von mir helfen.
    Sukale: "...wir glauben nicht an Quoten."

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  • Schlagworte Frauenquote | Gleichberechtigung | Managerinnen | Beruf
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