Führungsfrauen : Verändern sie die Welt?
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"Frauen dürfen nicht die optimierte Kopie des Mannes werden"

Tina Müller ist keine Hirnforscherin, aber sie hat sich viel mit Neuromarketing beschäftigt. Mithilfe von Erkenntnissen über das menschliche Nervensystem lässt sich vieles besser verkaufen, auch Schönheit. Das ist Müllers Job. Bis vor Kurzem verantwortete sie das Kosmetikgeschäft des Düsseldorfer Henkel-Konzerns in Westeuropa. Müller verkaufte Shampoos, Kolorationen, Cremes. Als Nächstes soll sie beim Hamburger Konkurrenten Beiersdorf in den Vorstand aufrücken.

An einem Mittag im November hängt Nebel tief über der Hamburger Binnenalster. Tina Müller – 44 Jahre, dunkle Lockenmähne, dunkelrote Lippen, raumfüllende Stimme – sitzt in einem zum Restaurant umgebauten Schiff. Sie sagt: »Frauen führen anders.« Interaktiv, empathisch, konsensorientiert, weniger aggressiv, mehr im Team. Es sei falsch, sagt Müller, die Unterschiede einfach auszublenden. »Frauen dürfen nicht die optimierte Kopie des Mannes werden.«

Ein bisschen hat sich Müller aber doch angepasst. Jahrelang war sie auf der Ebene unterhalb des Vorstands die einzige Frau unter lauter Männern. Und das, obwohl die Bundesfamilienministerin ihr bisheriges Unternehmen Henkel gerade zum frauenfreundlichsten Konzern in Deutschland erklärt hat. Sie habe gelernt, direkt und knapp zu kommunizieren, erzählt Müller. Mails an Kollegen schreibt sie ohne Anrede, ohne Floskeln, im Stil einer Twitter-Botschaft. Sie besuchte ein Training, um ihrer Stimme mehr Druck zu geben. »Mit einer kraftvollen Stimme ist man gleich viel präsenter«, sagt sie.

performance, power, profile

Drei Prinzipien hat sich Tina Müller für ihren Aufstieg nach oben zurechtgelegt. Sie nennt sie die drei P: performance (»Mach deinen Job gut!«), power (»Hab keine Angst vor Macht!«) und profile (»Gib dir ein einzigartiges Profil!«). Die Marketing-Expertin vermarktet nicht nur Hautcremes, sondern auch sich selbst.

Als Müller es nach oben geschafft hatte, wollte sie die Unternehmenskultur prägen. »Die verändert sich immer von oben nach unten.« Bei Müller gab es keine Präsenzpflicht. Ihre Mitarbeiter durften arbeiten, wann und wo sie wollten. Nur einmal in der Woche gab es eine persönliche Besprechung. Das meiste wurde per E-Mail diskutiert.

Damit die Kultur weiblicher wird, müssten 30 Prozent Frauen in Führungspositionen sein, glaubt Müller. Dann sei die kritische Masse erreicht, die männliche Dominanz gebrochen. Und dann gebe es genügend Rollenvorbilder, die andere Frauen motivierten, es auch an die Spitze schaffen zu wollen.

Machen sie dann auch den Kapitalismus menschlicher? Müller sagt: »Das würde voraussetzen, dass Frauen mehr Moral haben. Sie sind nicht die besseren Menschen, aber sie haben vielleicht nicht diesen männlichen Spieltrieb, nicht diesen Hang zur Zockerei.«

Stabiler könnte die Wirtschaft also werden. Dafür spricht auch eine Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau über mittelständische Unternehmerinnen, die im Schnitt vorsichtiger agierten als die Männer. Im Boom investierten sie weniger, und deute sich ein Abschwung an, sparten sie schneller. Ergebnis: Ihre Firmen wüchsen langsamer, aber Krisen überstünden sie besser.

Auch andere Studien belegen, dass Frauen risikoscheuer sind und sich nicht von jedem Hype mitreißen lassen. Allerdings warnt die Bostoner Ökonomin Julie Nelson jetzt, dass die Unterschiede etwas übertrieben dargestellt worden seien. Gehe es darum, wer in der Wirtschaft etwas riskiere, sei das Geschlecht zwar ein Faktor, aber nicht der wichtigste.

Hierzulande bremst vor allem die Idee vom großen Wandel. »Die Frauen können die Wirtschaft nicht verändern«, sagt die Psychotherapeutin und Leiterin des Instituts für Macht-Kompetenz in Wien.

Wer nach oben kommen wolle, müsse sich demnach dem System anpassen. Und wenn das System auf Profitmaximierung ausgerichtet sei, dann müssten auch die Frauen in Führungspositionen diesem Ziel dienen. »Es gibt keine weibliche Art, einen Elfmeter zu schießen.« Die Wirtschaftswelt sei knallhart, und so müssten auch die Frauen sein, wenn sie sich durchsetzen wollten.

In ihrem jüngsten Buch Der falsche Feind – Schuld sind nicht die Männer kämpft Bauer-Jelinek jetzt gegen die »Zwangsideologisierung« der Frauen. Managementbücher und Medien bürdeten den Frauen Erwartungen auf, die sie niemals erfüllen könnten. »Den Frauen wird suggeriert, dass sie genauso viel Erfolg haben sollen wie die Männer, aber obendrein sollen sie auch noch sozial, gerecht, empathisch, bescheiden und fürsorglich sein. Das ist ein Paradoxon!«

»Allmachts-Feminismus«

Diese doppelten Botschaften, die an Frauen gerichtet seien, fasst Bauer-Jelinik als »Allmachts-Feminismus« zusammen: Die Frauen sollten sich im bestehenden System durchsetzen, aber gleichzeitig die Welt verbessern, Gewinnziele erreichen und nebenher die Wirtschaft weiblicher machen – mütterlich und erotisch. »Das ist kompletter Unsinn.«

Ist es das? Vielleicht, aber sollen sich die Frauen einfach dem männlich geprägten System anpassen? Gisela Erler, Staatsrätin in Baden-Württemberg und erfolgreiche Unternehmerin, liefert mit ihrem Buch Schluss mit der Umerziehung! die Antithese zu Bauer-Jelinek. Frauen seien anders und sollten es auch bleiben, sagt Erler: »Schauen Sie mal, wie Gruppen von Frauen oder Mädchen sich organisieren. Da übernimmt zwar mal eine die Führung und genießt Ansehen – aber immer nur auf Zeit. Ihre Autorität entsteht nicht, wie bei Männern, mit der Beförderung, sondern wird immer wieder hinterfragt und muss neu verdient werden.«

Ist das Frauen-System doch ein anderes, eines, das zu erhalten sich lohnt? Tina Müller würde zustimmen, Marion Schick widersprechen. Den Konflikt unter den Frauen überwinden könnten ausgerechnet die Männer. Genauer, die jüngeren unter ihnen.

Die Generation, die in Deutschland gerade erwachsen wird, will anders arbeiten und anders geführt werden als ihre Väter. Das belegen Studien, die über die Generation Y – die Geburtsjahrgänge zwischen 1980 und 2000 – in der jüngsten Zeit veröffentlicht wurden. Die Generation Y folgt auf die Generation X, im Englischen wird Y ausgesprochen wie why (warum). Sie ist kritisch und hinterfragt alles. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC etwa kommt zum Ergebnis, dass diese jungen Arbeitnehmer eine neue Unternehmenskultur wollen.

Die Berufseinsteiger von heute möchten selbstbestimmt und flexibel arbeiten. Sie erkundigen sich schon beim Einstellungsgespräch nach Eltern-, Teil- und Auszeiten. Sie wünschen sich ein ausbalanciertes Leben zwischen Beruf und Privatem. Auch die jungen Männer sind nicht mehr bereit, alles für Job und Status zu opfern. Autorität respektieren sie nur von Personen, die inhaltlich überzeugen. Diese Mitarbeiter engagieren sich für den Job, aber nur, wenn er auch Spaß macht und einen Sinn stiftet.

Wie man solche Leute managt? »Führung wird anspruchsvoller und Kommunikation wichtiger. Feedback spielt eine größere Rolle«, sagt Christoph Fellinger, der junge Talente für Beiersdorf gewinnen soll. Er führt jedes Jahr Dutzende von Bewerbungsgesprächen mit 20- bis 30-Jährigen, in einem eigenen Blog sammelt er Studien und Artikel über diese Generation. Die »Millennials« sind mit Breitband, Laptop und Sozialen Medien aufgewachsen, sie sind eng vernetzt und gut informiert. Im Internet haben sie gelernt, dass, wer mit anderen teilt, selber profitiert. Kooperation ist für diese Generation selbstverständlich. Das erwarten die Jungen nun auch von ihrem Arbeitgeber. Grenzen existieren für sie nicht. Auch kein Dienst nach Vorschrift. Sie wollen wissen, warum sie etwas tun. Fellinger sagt: »Was nicht mehr funktioniert: ›Du machst das jetzt.‹ Was funktioniert: ›Du könntest oder solltest das machen, weil...‹« Kommunizieren, einbinden, überzeugen. Das sind die neuen Führungsprinzipien.

Man könnte auch sagen: Die Führung wird weiblicher.

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

pseudowissenschaft?

gehirnaktivität und dichte lassen sich objektiv messen - keine ahnung, was daran pseudowissenschaftlich sein soll. der punkt ist, dass gehirnregionen (grosshirn!) dann vermehrt aktiviert werden, wenn eben dies zuvor "trainiert" wurde. sprache und kommunikation fällt darunter; wenn man sich beklagt, wass männer weniger gut kommunizieren können, hat das nichts mit vorgegebner tatsache (vererbung) zu tun, sondern dass sie ihr leben lang kommunikation nicht im selben mass betrieben haben wie andere mit besser ausgeprägter kommunikationsgabe. eben dies beschränkt sich folglich nicht auf ein bestimmtes geschlecht - es gibt nur auskunft darüber, wie unterschiedlich wir unsere kinder erziehen; mehr wilde spiele mit burschen, mehr kommunikation (im weitesten sinne) mit mädchen. oft genug habe ich es selbst gehört von eltern: er/sie tut das, weil er/sie ein bursch/mädchen ist. mit dieser einstellung geben wir verhaltensmuster weiter, determinieren sie mehr oder minder.

Pseudowissenschaft trotz objektiver Messungen

"gehirnaktivität und dichte lassen sich objektiv messen - keine ahnung, was daran pseudowissenschaftlich sein soll"

Pseudowissenschaftlich ist die simplifizierende Interpretation.

Dass männliche Gehirne im Schnitt 10% grösser sind als weibliche wurde im 19ten Jahrhundert auch objektiv gemessen - die pseudowissenschaftliche Dummheit war es, daraus eine Überlegenheit von Männern abzuleiten.