ReedereiHerr Mägli und die Ladys

Ein Schweizer Reeder beschäftigt in seiner Agentur fast nur Frauen – aus betriebswirtschaftlichen Gründen, wie er sagt. von 

Dieser Mann will die Arbeitswelt revolutionieren? Mit Krawatte und Einstecktuch? Mit Siegelring und dünn gefasster Lesebrille, die ihm an einer Goldkette um den Hals hängt? Von seinem Erscheinen her steht dieser Mann eher für Vergangenheit als für Zukunft. Und doch ist er seiner Zeit in einer Sache weit voraus. In der Sache mit den Frauen.

René Mägli leitet die Schweizer Niederlassung von MSC, der zweitgrößten Frachtreederei der Welt. Er hat 126 Angestellte, 121 davon sind weiblich. Eine Frauenquote von 96 Prozent. Und das in einer Männerbranche wie der Schifffahrt. Die Frauen arbeiten als Controllerinnen, Vertriebskräfte oder IT-Spezialistinnen. Sie kommen aus der Schweiz und aus Deutschland, aus Frankreich und Italien, aus Kolumbien und Russland. »Jeder Chef, der keine Frau einstellt, verschwendet Ressourcen.« So sieht Herr Mägli die Sache mit den Frauen.

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Mägli ist kein Ideologe, auch kein Frauenrechtler. »Ich bin Geschäftsmann«, sagt er. Und der Geschäftsmann Mägli ist zu der Überzeugung gelangt, dass Frauen besser sind für sein Geschäft. Das besteht darin, Kaffee, Baumwolle, Reis auf riesigen Frachtern über die Ozeane schiffen zu lassen. Mägli hat Kunden überall auf der Welt. Jedes Jahr wächst der Umsatz seiner Agentur um 15 bis 25 Prozent. 20 neue Mitarbeiter sind allein in diesem Jahr hinzugekommen.

Seine Mitarbeiterinnen nennt er Ladies

Mägli führt das auf seine »Ladies« zurück, wie er seine Angestellten nennt. »Die Frauen dienen der Sache, die Männer der Macht.« Frauen seien kommunikativer und kostenbewusster. Sie könnten besser Prioritäten setzen und arbeiteten gern im Team. »Außerdem verschwenden sie ihre Energie nicht mit Machtkämpfen«, sagt Mägli. Deshalb hat er auch alle Führungspositionen mit Frauen besetzt. Nur eine nicht: die Seine. »Ich habe die Agentur nun mal gegründet«, sagt er entschuldigend. Er könne ja auch nichts dafür, dass er ein Mann sei. Aber wenn alles laufe wie geplant, verrät der 62-Jährige, werde eine Frau seine Nachfolge antreten.

Für eine Frauenquote
  • Es geht um Chancengleichheit und Gleichberechtigung: Frauen stellen die Hälfte der Bevölkerung und sie sind genauso gut ausgebildet wie Männer.
  • Unternehmen, deren Führungsspitze aus Männern und Frauen besteht, erzielen bessere Ergebnisse.
  • Ein Großteil der Kaufentscheidungen wird von Frauen getroffen. 
  • Durch einen höheren Frauenanteil verbessert sich das Betriebsklima, die von Männern geprägten Spielregeln in Kommunikation und Karriereverhalten ändern sich mit mehr Frauen an der Spitze. 
  • Männer fördern eher Männer – und weil die Führungspositionen überwiegend mit Männern besetzt sind, rücken Frauen bei der Besetzung der Spitzenposten weniger ins Blickfeld. Es handelt sich um ein sich selbst erhaltendes System.
  • Frauen sind aufgrund ihrer geschlechtsspezifischen Sozialisierung oft nicht so stark darin, ihre Stärken und Erfolge zu kommunizieren. Sie machen weniger stark auf sich aufmerksam.
  • Es gibt viele Karrierenetzwerke und Eliteklubs, zu denen nur Männer Zutritt haben. Hier findet informelles Mentoring statt und hier werden die entscheidenden Karrierekontakte gemacht. Weil Frauen keinen oder nur schwer Zugang zu den Männernetzwerken haben, können sie von den Netzwerken kaum profitieren.

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Gegen eine Frauenquote
  • Eine Frauenquote diskriminiert Männer.
  • Eine gesetzliche Quote greift in die unternehmerische Freiheit ein.
  • Durch die Quote wird Geschlecht zum Kriterium für die Besetzung einer Spitzenposition. Dabei sollte die Leistung und die Qualifizierung entscheidend sein.
  • Frauen werden als Quotenfrau in Unternehmen stigmatisiert.
  • In einigen Branchen und Unternehmen gibt es nicht ausreichend qualifizierte Frauen, um eine Quote einzuführen und einzuhalten.
  • Mädchen und junge Frauen wählen immer noch traditionelle Frauenberufe, aus denen heraus eine Karriere in eine Führungsposition unwahrscheinlich ist.
  • Viele Frauen wollen gar keine Karriere machen, sondern entscheiden sich bewusst für Familie.

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Der Reeder, der mit drei Schwestern aufwuchs, war nicht immer ein Frauenförderer. Als er 1981 die Agentur gründete, stellte er Männer wie Frauen ein. Irgendwann fiel ihm auf, dass Frauen ihren Job noch so gut machen konnten und dennoch nicht weiterkamen. Mägli suchte nach den Gründen und stellte fest, dass es die Männer waren, die ihre weiblichen Kollegen ausbremsten. »Nicht jeder Mann kann mit einer Frau im Berufsleben umgehen«, sagt Mägli und erzählt, wie ein männlicher Mitarbeiter alle Papiere, die er nicht verstand, einfach in einer Schublade verschwinden ließ. »Er war nicht imstande, eine Frau zu fragen«, sagt er. Schon gar keine kluge. Mägli entließ ihn, seit den neunziger Jahren hat er fast nur noch Frauen eingestellt. Natürlich zu Männergehältern, wie er betont, und die Gewerkschaft bestätigt das.

Eingestellt zu Männergehältern

Mägli führt anders, weil Frauen anders geführt werden wollen. Mit weniger Hierarchie und mehr Freiheiten. Ein Drittel von Mäglis Angestellten arbeitet Teilzeit, manche teilen sich den Job zu zweit. Meetings fänden grundsätzlich vormittags statt, um 19 Uhr sei niemand mehr im Büro, sagt Mägli. Und wenn eine Frau nach der Babypause wieder einsteige, dürfe sie selbst entscheiden, wie viele Stunden sie arbeiten möchte. Fast alle kämen zurück, sagt Mägli. »Ich wäre doch blöd, wenn ich sie nicht halten würde, schließlich habe ich viel in sie investiert«, sagt er.

Vor einigen Jahren hat Mägli eine Umfrage gemacht. Die ergab, dass sich 43 Prozent der Frauen mehr männliche Kollegen wünschten. Aber je länger die Frauen bei MSC in Basel arbeiteten, desto weniger vermissten sie die Männer. Ein Praktikant fragte Mägli einmal irritiert, welche Toilette er denn eigentlich benutzen dürfe. Die Frauen bei MSC gehen inzwischen auch aufs Männer-WC.

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Leserkommentare
    • Gibbon
    • 05. Januar 2013 18:12 Uhr

    Man soll niemand aufgrund seines Geschlechts diskrimnieren (das steht im Grundgesetz), die Unterschiede zwischen Angehörigen eines Geschlecht sind größer als die zwischen den Geschlechter (das sagt die Wissenschaft). Trotzdem gibt es einige Fakten, die sich nicht negieren lassen. Zum Beispiel die Kriminalstatistik. 54000 Männer sitzen in Deutschlands Gefängnissen, aber nur 3300 Frauen (https://www.destatis.de/D...)
    Morde und Vergewaltigungen sind weitesgehend Männerdomäne.. Zufall, Genetik. Ich weiß es nicht.
    Bei Herr Mägli könnte ich mir aber auch vorstellen, dass er nicht einfach nur Frauen einstellt sondern bestimmte Frauen. Vielleicht ist dies einfach -aller Statistik zum Trotz-der Grund für seinen Erfolg.

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  • Schlagworte Frauenquote | Schweiz | Beruf | Gleichberechtigung
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