Gerd Harry Lybke"Zur Strafe musste ich in die Bibliothek"

Der Galerist Gerd Harry Lybke rebellierte während seines Wehrdienstes – und entdeckte durch Zufall seine Liebe zur Literatur. von Herlinde Koebl

ZEITmagazin: Herr Lybke, Sie haben der Leipziger Schule zum Erfolg verholfen und es immer wieder geschafft, die Bilder eben noch unbekannter Maler für große Summen zu verkaufen. Woher kommt Ihre Chuzpe?

GERD HARRY LYBKE

genannt Judy, 51, wurde in Leipzig geboren. In den achtziger Jahren gründete er dort seine Galerie Eigen+Art, die heute auch in Berlin vertreten ist. Er stellt unter anderem den Maler Neo Rauch aus

Gerd Harry Lybke: Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen Holzroller mit richtigen Luftreifen. Mit dem bin ich immer in Leipzig-Meusdorf rumgefahren, aber nur so ums Haus rum. Alles außerhalb dieses Kreises erschien mir wie ein anderer Planet. Doch irgendwann bin ich einfach mal über das hinausgefahren, was ich kannte. Es war unglaublich für mich, dass ich immer weiter und weiter fahren konnte. Meiner Mutter haben sie dann gesagt: Du, dein Sohn ist schon fast in Probstheida. Und da ist sie mir natürlich hinterher und hat mich wieder zurückgeholt. Ich habe an dem Tag etwas von der Freiheit gerochen, alles war großartig. Und ich habe gespürt, dass mich alle lieb hatten und dass man in einem Verbund wie der Familie aufgehoben ist.

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ZEITmagazin: Wie hat Ihre Familie Sie geprägt?

Gerd Harry Lybke: Wir haben immer viel miteinander gemacht, mit der ganzen Familie. Mein Vater ist jetzt 88, meine Mutter 84, und sie leben immer noch zusammen, immer noch in demselben Häuschen. Mein Bruder wohnt zwei Häuser weiter, und dessen Kinder wohnen wieder zwei Häuser weiter. Ich kann immer wieder in die Familie zurückkehren. Wobei sich der Begriff der Familie natürlich ändern kann: Als ich 18 war, wurden meine Freunde zu meiner Familie. Das hat sich dann mit Frau und Kind wieder verschoben.

ZEITmagazin: Sie leben mit Ihrer Lebensgefährtin und Ihrer gemeinsamen Tochter zusammen. Wie sieht Ihr Zuhause aus?

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Gerd Harry Lybke: Wir wohnen in Berlin in einer 70 Quadratmeter großen Wohnung. Ein Bett, Kleiderständer, aber keine Schränke, in der Küche ein großer Tisch mit Stühlen. Das ist alles. Ich habe keine Kunst an der Wand und keinen Fernseher. Ich habe auch noch dasselbe Auto wie vor 21 Jahren. Ich habe es jetzt seit elf Jahren nicht gewaschen, aber es fährt immer noch, und ich bin sowieso meist unterwegs.

ZEITmagazin: Sie geben Ihre Energie in die Arbeit. Was tun Sie, um Ihre Partnerschaft zu erhalten?

Gerd Harry Lybke: Seit meine Tochter in die Schule geht, verbringe ich alle Schulferien mit der Familie. Und wenn es gar nicht anders geht, zum Beispiel weil während der Herbstferien Messe in London ist und ich dabei sein muss, dann kommt die Familie eben mit. Aber sechs Wochen Sommerurlaub sind wirklich sechs Wochen Urlaub und nicht mit geschäftlichen Sachen verbunden. Ich muss auch mal haltmachen. Das ist überlebenswichtig.

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