Es gibt Lügen, die sind keine richtigen Lügen. Es gibt Lügen, die es braucht, Lügen, die aus Hoffnung erfunden werden oder aus Not, Lügen, die man nicht anderen, sondern sich selbst erzählt. Jeden Tag. Sie bestehen aus Geschichten oder aus Schweigen, aus Gesten oder Ritualen, kleinen Fluchthelfern der Fantasie, ohne die es kein Überleben gäbe in Gegenden wie diesen.

Für die 43-jährige Hekmat Bessio sind es die Schuhe, die sie braucht, um die Wahrheit noch ein wenig vor sich herzuschieben. Ein Paar handgefertigte Schuhe, die sie schon vor einer Weile gekauft hat. Hier, in Ramallah, der boomenden Stadt mit den modischen Geschäften im Westjordanland, wo die palästinensische Autonomiebehörde regiert. Braune Lederschuhe, Größe 45. Für ihren ältesten Sohn Mustafa. Er ist auf der anderen Seite, in Gaza, dem eingezäunten Streifen Land, das von Hamas regiert wird.

Aber dann hat Hekmat die Schuhe behalten. Sie hat sie bei sich zu Hause aufbewahrt in der grünen Plastiktüte des Geschäfts. »Solange ich die Schuhe bei mir habe«, sagt Hekmat und streicht sich über das Kopftuch, »solange glaube ich, dass wir uns wiedersehen eines Tages.«

Seit sechs Jahren lebt Mustafa getrennt von seiner Mutter und den drei Schwestern. Ursprünglich hatte er seine Freunde in Gaza besuchen wollen. Im Sommer 2006. Nicht lang, ein paar Wochen nur. In Gaza war Mustafa aufgewachsen, aus Gaza stammte seine Familie, in Gaza lebte auch noch sein Vater. 2005 erst war seine Mutter mit ihm und den Schwestern ins Westjordanland gezogen.

Aus einem Besuch wurde ein dauerhafter Ausnahmezustand

Er vermisste den Strand in Gaza und das Meer. Doch kaum war er zu Besuch in der alten Heimat angekommen, entführten militante Palästinenser den israelischen Soldaten Gilad Shalit und verschleppten ihn nach Gaza. Israel verhängte ein Ausreiseverbot für junge Männer unter 35 – und Mustafa saß fest.

Anfangs rief Hekmat immer bei Mustafa an, wenn sie beim Einkaufen in Ramallah ein hübsches T-Shirt oder einen Pullover entdeckt hatte. Sie wollte wissen, welche Farbe ihm gefalle. Anfangs suchte Hekmat noch nach ausländischen NGO-Mitarbeitern, die über den israelischen Grenzübergang Eretz nach Gaza reisen dürfen, und erkundigte sich, ob sie Geschenke mitnehmen könnten. Doch aus dem kurzen Besuch von Mustafa bei seinen Freunden in Gaza ist ein dauerhafter Ausnahmezustand geworden.

Hamas hat die Macht in Gaza übernommen. Die Fatah-Organisation, die in der Autonomiebehörde im Westjordanland das Sagen hat, und Hamas sind verfeindet und haben sich in ihrer Feindschaft eingerichtet. Jeder setzt im eigenen Gebiet die eigene Ordnung um. Zum Konflikt mit Israel ist so der innerpalästinensische Zwist hinzugekommen.

Illegal in Ramallah

Zwei Kriege hat Hekmat inzwischen am Bildschirm verfolgt, sie hat Demonstrationen organisiert im Westjordanland, weil ihr die Fatah-Leute unter Palästinenserpräsident Mahmud Abbas nicht solidarisch genug mit den Menschen in Gaza zu sein schienen. Und nahezu einhundert Anträge hat Mustafa von Gaza aus inzwischen eingereicht, um eine Genehmigung für einen Besuch bei seiner Familie zu erhalten. Erfolglos.

Seit sechs Jahren lebt Hekmat mit ihren Töchtern in Ramallah, ihre Aufenthaltsgenehmigung ist längst ausgelaufen, einen neuen Personalausweis bekommt sie von der Autonomiebehörde nicht, so bleibt sie offiziell in Gaza gemeldet und ist illegal in Ramallah. Sie fühlt sich frei hier, sie arbeitet als Trainerin in Anti-Gewalt-Workshops und Selbsthilfe-Seminaren und genießt es – aber sie vermisst Gaza und ihren Sohn, jeden Tag.

»Schließlich war es zu schmerzlich«, sagt Hekmat und schaut auf den gedeckten Tisch vor sich, es gibt Huhn mit Muskatnuss und Zimt und Reis mit gerösteten Mandeln und Joghurt, »diese Dinge, T-Shirts, Hosen, Schuhe, die waren so real, und damit wurde mir die Trennung von meinem Sohn zu real.« Sie schickt Mustafa inzwischen lieber Geld.