Von 50 Männern einer Spezialeinheit der griechischen Polizei zum Schutz der Verfassung verhaftet zu werden ist ohne Frage eine bemerkenswerte Erfahrung. Wenn man aber von denen, die einen verhaften, umarmt und geküsst wird, dann ist es eine totale Überraschung.

Als unsere Recherche-Gruppe des griechischen Magazins Hot Doc entschieden hat, die Namen der »Lagarde-Liste« zu veröffentlichen, wussten wir, dass für uns ein Abenteuer beginnt. Diese Liste wurde von einem Beamten der Schweizer Bank HSBC Christine Lagarde übergeben, die damals noch französische Finanzministerin war. Das Dokument enthielt die Namen Tausender Kontoinhaber. Die Mehrzahl von ihnen hatte offenkundig ihre Einkünfte nicht versteuert oder illegal erworben.

Mit dieser Liste konnten Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland mehrere Steuerhinterzieher ausfindig machen und somit weitere Einnahmen sichern. Nicht so Griechenland. Der damalige Finanzminister Giorgios Papakonstantinou – der vorgab, wegen der griechischen Finanzkrise händeringend Geld zu suchen – nahm die Lagarde-Liste als Sicherheitskopie auf einer CD entgegen. Sie ist dann irgendwo verschwunden. Später wurde die Liste an einige Finanzbeamte weitergegeben, bis sie schließlich auf einem USB-Stick in die Hände des nachfolgenden Finanzministers Evangelos Venizelos fiel. Aber auch er konnte sich anschließend nicht erinnern, was er damit gemacht hatte.

All dies sind keine Komödien-Drehbücher, sondern die offiziellen Erklärungen, die die Herren im zuständigen parlamentarischen Ausschuss abgaben. Drei Regierungen und zwei Finanzminister ersannen juristische Argumente, um keine Untersuchung über Steuerhinterziehungen im großen Stil machen zu müssen. Sie behaupteten, diese Liste sei illegal nach Griechenland gelangt und dürfe nicht verwendet werden. Die Liste war natürlich legal, da sie offiziell von französischen Behörden übergeben worden war. Zwei Jahre lang ist sie dann in verschiedenen Schubladen verschwunden; ihre Existenz diente dazu, Gegner finanziell und politisch zu erpressen.

Die Heuchelei der Herrschenden

Als wir die Liste veröffentlichten, haben wir deshalb nicht nur journalistisch korrekt, sondern auch moralisch richtig gehandelt. Man hat sich nicht deshalb an der Liste gestört, weil »persönliche Daten« bekannt wurden, sondern weil diese Liste die Realität widergespiegelt hat. Darauf waren die Namen griechischer Politiker, Publizisten, Geschäftsleute, Ministerfreunde, die von Besitzern griechischer Medien und von Bankern wiederzufinden, die bislang Immunität bei ihren politischen Gönnern genossen hatten.

Das war der Grund, warum jene Polizisten, die mich verhafteten, zugleich ihre Solidarität bekundeten. Sie erleben tagtäglich den Widerspruch und die Heuchelei der Herrschenden. Die jeweiligen griechischen Regierungen erscheinen nicht nur wegen der Einführung der rigorosen Sparmaßnahmen unsympathisch und unpopulär. Sie benutzen gleichzeitig die Krise, um bestimmte Interessen zu bedienen.

Das Ausland hat sich das Bild des faulen Griechen erdacht, der Ouzo trinkt, Sirtaki tanzt und sich nicht um die Zukunft kümmert. Ja, es gibt parasitäre Phänomene in Griechenland, wie in allen anderen Ländern auch. Doch wir sollten nicht vergessen, dass die Korruption in Griechenland deutsche Lehrmeister hatte. Eine Reihe von Technologieunternehmen bestach griechische Minister und Staatsangestellte, um ihre teuren Produkte zu verkaufen. Diese Minister regieren immer noch. Es wird also das bequeme Bild eines korrupten Volkes gezeichnet, um die Wahrheit zu verstecken. Korrupt jedoch ist der Kern der Macht.

Journalisten wie Prostituierte

Griechenland wird von einer geschlossenen Elite regiert: von bestimmten Geschäftsleuten, die illegal handeln, von Politikern, die sie begünstigen, und von Journalisten, die, anstatt die Wahrheit zu sagen, sie verschleiern. Von meiner Verhaftung wie auch meiner Strafverhandlung berichteten Medien weltweit – nur die griechischen nicht. Dutzende Kollegen riefen mich an und gaben mir recht, nur hat keiner etwas darüber geschrieben. Wie auch, wenn die Inhaber dieser Medien selbst auf der Lagarde-Liste stehen?

Die griechische Presse ist geknebelt; manchmal tut sie das sogar selbst. Vor einigen Monaten haben die Nachrichtenagentur Reuters und wir von Hot Doc zeitgleich einen Skandal in der Piräus-Bank enthüllt. Kein weiteres Medium hat darüber berichtet. Stattdessen wurde die Gegendarstellung der Bank veröffentlicht, ohne jemals die Nachricht dazu gedruckt zu haben. Die Zeitungsseiten sind voll mit Anzeigen, die Banken schalten – so lässt sich ganz diskret das Schweigen der Medien erkaufen.

In den vergangenen Tagen führte die Nachricht, die Banken würden unter die Aufsicht der Troika gestellt, zu Berichten über eine »Enthellenisierung der griechischen Banken«. Die Zeitungen hatten nie zuvor über die Steuerhinterziehung oder die Ungerechtigkeit bei der Umsetzung der Sparmaßnahmen berichtet. Und plötzlich sind sie aus ihrem Schlummer erwacht, weil die Banken, die den Medien Kredite ohne Bürgschaften und ohne Rückzahlung gewährten, angegriffen wurden. Die Journalisten, die nie etwas veröffentlicht haben über Offshore-Gesellschaften, die den gleichen Bankern gehörten und somit eine Pseudo-Aktienkapitalerhöhung erzielten, benehmen sich wie Prostituierte, die ihre verlorene Jungfräulichkeit zurückfordern.

Aber diesmal konnte man uns nicht einfach anrufen und die Veröffentlichung verbieten, weil ich der Inhaber von Hot Doc bin. Also haben sie den Weg der Strafverfolgung gewählt. Die griechische Justiz, die seit Jahren zusieht, wie Skandale vertuscht werden, hat mir schnell und brutal den Prozess gemacht.

Politische Erpressung und moralische Geiselnahme

In der Verhandlung, die zu einem internationalen Aufschrei führte, wurde ich dennoch freigesprochen. Das war eine Genugtuung für die öffentliche Meinung. Nicht aber für die Staatsanwaltschaft. Vor einer Woche erfuhren wir, dass sie eine Revision meines Freispruchs fordert. Die Begründung: Die Verhandlung sei nicht rechtens verlaufen. Offenbar meint die Staatsanwaltschaft, ein Prozess sei nur mit meiner Verurteilung richtig geführt.

Jeden Tag werden in Griechenland Gesetze für die eigene Klientel verabschiedet – für jene Personen, die dutzendfach auf der Lagarde-Listen zu finden sind. Der griechische Finanzminister, der Strafzahlungen für illegale Bauten verordnete, hat zugleich ein Gesetz in Kraft gesetzt, das die Reichen von dieser Strafzahlung befreite. Er hat nur fünf Wörter im Strafgesetzbuch geändert und so 700 Prominente seines Wahlbezirks vor dem Gefängnis bewahrt. In Griechenland, wo nicht einmal ein Kiosk ohne Spezialerlaubnis eröffnet werden kann, arbeiten die Fernsehsender mit Lizenzen, die jährlich erneuert werden. Diese Lizenzvergabe ist an ein System politischer Erpressungen und moralischer Geiselnahmen gekoppelt.

Die Politiker institutionalisieren die Korruption mit Gesetzen, um die eigene Clique zu bedienen. Im Ausland aber prangern sie die Korruption des kleinen Taverneninhabers an, der keine Quittung ausstellt. Wenn sie enttarnt werden, dann können sie auf ihre Macht setzen. Und die griechischen Medien, die von der Korruption profitieren, verschweigen alles.

Während mein Fall verhandelt wurde, hörten die Griechen BBC und Deutsche Welle, um über die Situation eines griechischen Journalisten im eigenen Land informiert zu werden. Das erinnert leider an eine andere bittere politische Ära – die der griechischen Militärdiktatur.

Übersetzt von Christina Avdi