Kostas VaxevanisDabei brauchen wir Griechen doch Geld

Ich habe veröffentlicht, wer in Griechenland Konten in der Schweiz hat, denn der Staat tat nichts. Dafür hat man mich verhaftet. von Kostas Vaxevanis

Schlagzeilen an einem Kiosk in Thessaloniki

Schlagzeilen an einem Kiosk in Thessaloniki  |  © Sakis Mitrolidis/AFP/Getty Images

Von 50 Männern einer Spezialeinheit der griechischen Polizei zum Schutz der Verfassung verhaftet zu werden ist ohne Frage eine bemerkenswerte Erfahrung. Wenn man aber von denen, die einen verhaften, umarmt und geküsst wird, dann ist es eine totale Überraschung.

Als unsere Recherche-Gruppe des griechischen Magazins Hot Doc entschieden hat, die Namen der »Lagarde-Liste« zu veröffentlichen, wussten wir, dass für uns ein Abenteuer beginnt. Diese Liste wurde von einem Beamten der Schweizer Bank HSBC Christine Lagarde übergeben, die damals noch französische Finanzministerin war. Das Dokument enthielt die Namen Tausender Kontoinhaber. Die Mehrzahl von ihnen hatte offenkundig ihre Einkünfte nicht versteuert oder illegal erworben.

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Mit dieser Liste konnten Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland mehrere Steuerhinterzieher ausfindig machen und somit weitere Einnahmen sichern. Nicht so Griechenland. Der damalige Finanzminister Giorgios Papakonstantinou – der vorgab, wegen der griechischen Finanzkrise händeringend Geld zu suchen – nahm die Lagarde-Liste als Sicherheitskopie auf einer CD entgegen. Sie ist dann irgendwo verschwunden. Später wurde die Liste an einige Finanzbeamte weitergegeben, bis sie schließlich auf einem USB-Stick in die Hände des nachfolgenden Finanzministers Evangelos Venizelos fiel. Aber auch er konnte sich anschließend nicht erinnern, was er damit gemacht hatte.

Kostas Vaxevanis

geboren 1966, ist Chefredakteur des griechischen Nachrichtenmagazins »Hot Doc«, das seit 2012 besteht. Das Verfahren gegen ihn soll neu aufgerollt werden.

All dies sind keine Komödien-Drehbücher, sondern die offiziellen Erklärungen, die die Herren im zuständigen parlamentarischen Ausschuss abgaben. Drei Regierungen und zwei Finanzminister ersannen juristische Argumente, um keine Untersuchung über Steuerhinterziehungen im großen Stil machen zu müssen. Sie behaupteten, diese Liste sei illegal nach Griechenland gelangt und dürfe nicht verwendet werden. Die Liste war natürlich legal, da sie offiziell von französischen Behörden übergeben worden war. Zwei Jahre lang ist sie dann in verschiedenen Schubladen verschwunden; ihre Existenz diente dazu, Gegner finanziell und politisch zu erpressen.

Die Heuchelei der Herrschenden

Als wir die Liste veröffentlichten, haben wir deshalb nicht nur journalistisch korrekt, sondern auch moralisch richtig gehandelt. Man hat sich nicht deshalb an der Liste gestört, weil »persönliche Daten« bekannt wurden, sondern weil diese Liste die Realität widergespiegelt hat. Darauf waren die Namen griechischer Politiker, Publizisten, Geschäftsleute, Ministerfreunde, die von Besitzern griechischer Medien und von Bankern wiederzufinden, die bislang Immunität bei ihren politischen Gönnern genossen hatten.

Das war der Grund, warum jene Polizisten, die mich verhafteten, zugleich ihre Solidarität bekundeten. Sie erleben tagtäglich den Widerspruch und die Heuchelei der Herrschenden. Die jeweiligen griechischen Regierungen erscheinen nicht nur wegen der Einführung der rigorosen Sparmaßnahmen unsympathisch und unpopulär. Sie benutzen gleichzeitig die Krise, um bestimmte Interessen zu bedienen.

Das Ausland hat sich das Bild des faulen Griechen erdacht, der Ouzo trinkt, Sirtaki tanzt und sich nicht um die Zukunft kümmert. Ja, es gibt parasitäre Phänomene in Griechenland, wie in allen anderen Ländern auch. Doch wir sollten nicht vergessen, dass die Korruption in Griechenland deutsche Lehrmeister hatte. Eine Reihe von Technologieunternehmen bestach griechische Minister und Staatsangestellte, um ihre teuren Produkte zu verkaufen. Diese Minister regieren immer noch. Es wird also das bequeme Bild eines korrupten Volkes gezeichnet, um die Wahrheit zu verstecken. Korrupt jedoch ist der Kern der Macht.

Leserkommentare
  1. Möglich ist allerdings, dass jemand der auf Liste stand ein Konto in der Schweiz hatte und gleichwohl steuerehrlich ist.

    Allein der Umstand, dass man in der Schweiz ein Konto hat ist für sich allein nicht ehrenrührig.

    Die Veröffentlichung sollte nur ein Anstoß dafür sein, dass die Kontoinhaber einmal in dieser Richtung überprüft werden. Das mag im Einzelfall zwar lästig sein, ist aber im Interesse der Gleichmäßigkeit der Steuererhebung unerlässlich.

    • bkkopp
    • 09. Dezember 2012 16:35 Uhr

    that there will be a Staatsbankrott in Greece - Originalton Schäuble. Im Zweifel geniesst jedes Regierungsmitglied jedes Landes, und sei es noch so korrupt, mehr Respekt und Vertrauen als der eigene Bürger (Stimmvieh).

    Das EU-Regierungshandeln, Troika usw., unterstellt immer wieder, dass man 'Griechenland helfen oder retten ' kann, indem man dem griechischen Staat Geld zur Verfügung stellt.

    Der Artikel belegt, dass diese staatsgläubige Vorgangsweise immer schon falsch war. Nur ein Staatsbankrott hätte das seit fast 40 Jahren verfilzte System hinwegfegen können. Diese Chance ist für GRE vertan worden. Bei den Bürgern der Nettozahler-Länder ist aber der Spaltpilz, der Europa zerreissen wird wenn man so weitergeht, tief eingepflanzt.

    It will not happen that we shall trust our politicians again.

    • Mr. Mo
    • 09. Dezember 2012 16:38 Uhr

    Es steht doch im Artikel, was das Problem ist: Die wichtigsten griechischen Medien berichten so, dass beim einfachen Menschen die Botschaft ankommt, dass das Ausland ihnen das Geld wegnehme und die griechische Regierung mit Sparauflagen ungerechtfertigt unter Druck setze. Nicht berichtet wird dagegen über die krassen Steuersünden der eigenen wirtschaftlichen und politischen Eliten, also die Lücken auf der Einnahmenseite des griechischen Staates.

    Wenn von allen Blätter und Sendern unabhängig von ihrer politischen Affinität so berichtet wird, halten die meisten Menschen es auch für wahr.

    Und natürlich haben deutsche Großunternehmen AUCH (nicht allein, aber AUCH) dieses Spiel zum eigenen Vorteil mitgespielt. Stichwort NATO-Partner: Fragen Sie doch mal in der Rüstungsindustrie, um nur mal einen Zweig zu nennen, nach. Ganz abgesehen davon gibt es auch noch andere Gründe für uns Deutsche, den Arm mit dem Finger dran nicht zu weit auszustrecken. Selbst in diesem Land gibt es genügend Korruption. Wieder sei als Beispiel auf die Rüstungsindustrie verwiesen. Oder das permanente Problemn der Steuerhinterziehung durch Schwarzarbeit. Ganz abgesehen von der Korruption von Unternehmen untereinander. Und übrigens tun sich die Medien auch hierzulande nicht durch sonderlich breite Recherche und Berichterstattung in diesem Segment hervor.

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    • keox
    • 09. Dezember 2012 17:37 Uhr

    "Wenn von allen Blätter und Sendern unabhängig von ihrer politischen Affinität so berichtet wird, halten die meisten Menschen es auch für wahr."

    ja gottlob völlig anders.

  2. Die Verquickung von politischer und finanzieller Macht ist in GR unübersehbar. Beide brauchen einander so dringend wie Atemluft.

    Störenfriede werden natürlich niedergemacht, damit keiner diese Komplizenschaft aufdeckt.

    Aber wir sollten darüber nicht vergessen, daß dieses System bei uns auch schon seit Jahrzehnten etabliert ist - nur noch nicht so deutlich.

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    • Jouba
    • 11. Dezember 2012 20:47 Uhr

    Mag sein - aber noch betteln wir nicht darum, von anderen Ländern finanziert zu werden ...

  3. Angesichts dieser zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit und der Alles erdrückenden Missstände stellt sich mir die Frage: Worauf warten die Griechen denn noch? Gibt es keine Tharirplätze in Griechenland?
    Ein griechischer Jouralist berichtete mir vor kurzem erst, dass mehr als 50% aller arbeitstätigen Griechen beim Staat angestellt seien. Und 5 Prozent führten ein Luxusleben aufgrund zweifelhafter Verbindungen zu jenen, die etwas zu sagen haben.
    Unter dem Strich muss die Mehrheit der Griechen befürchten, dass eine strikte Änderung des Systems der subtilen politischen Einflussnahme schädlich sein wird, und zwar für die eigenen finanziellen Verhältnisse. Die Mehrheit der Griechen wird -völlig rational- darauf hoffen, dass die Europäische Union mit ihren Milliarden das ihnen nützliche System immer und immer wieder retten wird.

    • Moika
    • 09. Dezember 2012 17:29 Uhr

    Das Schlimme ist, das rund 60 Prozent der Inserationen in den griechischen Medien von staatlichen Stellen direkt oder ihnen angeschlossenen Institutionen kommen und geschaltet werden. Diese Abhängigkeiten machen natürlich auch klar, warum die Korruptionen in der Politik und vieler Politiker dort nicht thematisiert werden.

    Wie es scheint, sind ein großer Teil der griechischen Eliten ein Fall für den Staatsanwalt. Das wir Steuerzahler für diese korrupte und menschenverachtende Bande die Rechnung bezahlen sollen, ist der Gipfel an Unverschämtheit.

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  4. Als Untertitel des Artikels sollte man darunter Verrat an demokratische Rechtsstaatlichkeit verstehen.

    Übrigens, Griechenland als Vorreiter steht leider bei solcher Entwicklung nicht allein, es bildet sich so gar eine Selbstverständlichkeit die schon mittelalterliche, aristokratische Art der Unantastbarkeit "der Herrschenden" erreicht.

    Einfach jämmerlich, wie leicht ein offen ausgetragener Nihilismus die Grundprinzipien verwirkt.!

    • keox
    • 09. Dezember 2012 17:37 Uhr

    "Wenn von allen Blätter und Sendern unabhängig von ihrer politischen Affinität so berichtet wird, halten die meisten Menschen es auch für wahr."

    ja gottlob völlig anders.

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    Antwort auf ""Wutvolk""

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