HelsinkiHelsinki kocht

Am Restaurant Day tischen weltweit Hobbyköche auf. Über 400 sind es allein in der finnischen Hauptstadt, wo alles anfing. Gegessen wird in Wohnzimmern, Einfahrten, Friseursalons. Es gibt Hanf-Burger und Möhrenwurst. Michael Allmaier futterte sich durch. von 

In der Straße Merimiehenkatu steht ein Mann und verhält sich unskandinavisch. Er lungert vor einer Hauswand herum. So etwas sieht man in Helsinki selten. Seine Brille beschlägt im Nieselregen, aber er rührt sich nicht von der Stelle. Ein Meinungsforscher? Ein Zeuge Jehovas? Sein schicker Kapuzenlodenmantel spricht dagegen. Passanten bleiben stehen und sprechen den Mann an. Meist sind es Wörter wie »Pelusa« oder »Boca«. Die schreibt der Mann auf bunte Zettel und lungert dann weiter herum. Was ist das überhaupt für eine Sprache? Finnisch jedenfalls nicht.

Des Rätsels Lösung kommt daher wie ein Requisit im Volkstheater. Ein Weidenkorb schwebt herunter, abgeseilt von einer Frau aus einem Küchenfenster in der ersten Etage. Der Mann nimmt den Korb und verteilt seinen Inhalt: dampfend warme Empanadas. Dann legt er die Zettel mit den neuen Bestellungen hinein. Die Frau zieht am Seil, der Korb verschwindet, so machen sie das stundenlang.

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Empanadas sind eine Spezialität der lateinamerikanischen Küche. Pasteten mit Fleisch- oder Gemüsefüllung, die aussehen wie gebackene Riesenravioli. Normalerweise fallen die nicht vom Himmel. Heute schon. Heute ist »Restaurant Day«.

Der Mann an der Hauswand heißt Perttu Jalkanen. Er hat ein Elektrounternehmen, um das er sich gerade nicht kümmert. Heute ist er der Oberkellner eines Straßenlokals ohne Tische und Stühle. Seine argentinische Frau Maria steht ein paar Meter höher als Küchenchefin am eigenen Herd. Maradonas Empanadas nennen die beiden ihr Restaurant. Nett ist das nicht. Der Extremfußballer fiel ja nach dem Ende seiner Karriere durch Leibesfülle auf. Aber was der Vordermann da isst, sieht lecker aus. Also bitte auch eine Empanada Boca. Sie ist ihre 3,50 Euro wert, schmeckt bloß nicht sehr argentinisch mit ihrer Füllung aus Mozzarella, Basilikum, Tomate und Oliven. Wahre Fans kennen den Grund: Die Boca Juniors, Maradonas Heimatverein, benennen sich nach einem italienischen Viertel von Buenos Aires. Alle Empanadas aus Marias Küche spielen auf Stationen seines Lebens an. Eine heißt Doping, eine andere Magenverkleinerung. Die ist besonders üppig mit Schinken und Käse gefüllt.

Die Finnen halten sich einiges auf ihre Verrücktheit zugute und sparen dabei das Essen nicht aus. Beliebte Lokale in Helsinki heißen Grotesk oder Bissar, Gaijin oder Los Cojones. Aber ein sarkastisches Themenstehcafé auf dem Bürgersteig eines Wohngebiets – das hat man auch hier noch nicht gesehen. Ebenso wenig wie die meisten der vierhundert anderen Restaurants, die heute in der Stadt eröffnen und abends wieder verschwinden.

Restaurant Day, das klingt banal, wenn man noch keinen erlebt hat. Wie eine dieser Lobbyveranstaltungen à la Weltlehrertag oder Tag des deutschen Biers. Es ist aber das Gegenteil: ein wilder kulinarischer Karneval, der, ausgehend von Helsinki, immer weiter um sich greift. Und hier werden gerade die Laien angesprochen. Sie sollen auch mal für Fremde kochen, nur ein paar Stunden lang. Egal, was. Egal, wo. Bloß eben zur gleichen Zeit. Zum ersten Mal passierte das vor eineinhalb Jahren im überschaubaren Rahmen. Heute, am Samstag, dem 17. November, steigt schon der siebte Restaurant Day mit über 700 Pop-up-Restaurants in 23 Ländern. Von Portugal bis Kasachstan, von Moskau bis Miami öffnen Hobbyköche ihre Wohnungstüren oder stellen sich auf die Straße. Wo die Lawine ins Rollen kam, ist nicht mehr so leicht zu ermitteln. In keiner Behörde jedenfalls und keiner PR-Agentur. Am ehesten wohl in einem Garten im Zentrum von Helsinki.

Ruttopuisto, der Pestpark, um drei Uhr morgens in der Nacht vor dem Restaurant Day. Vanha kirkkopuisto, Alter Kirchpark, heißt er im Reiseführer. Aber noch älter als die Kirche ist der angrenzende Friedhof, wo vor 300 Jahren über tausend Seuchenopfer beigesetzt wurden. Ein paar Grabsteine stehen noch auf der Wiese. Dahinter hat jemand mit Sinn für Kulissen ein Veranstaltungszelt aufgebaut. Drinnen sieht man erst mal gar nichts, nur das Glimmen von drei Zigaretten. An einer zieht Antti Tuomola, der Begründer des Restaurant Day.

Leserkommentare
  1. ...vielen Dank!

    Wenn der Restaurant Day seinen Weg nach Deutschland findet, würde ich da auch gerne mitmachen.

  2. Wäre schön, wenn es das bei uns auch gäbe, aber ich befürchte, dass die "german angst" bzw. div. Behörden uns einen Strich durch die Rechnung machen würden.

    • kentf16
    • 07. Dezember 2012 17:18 Uhr

    2 Freunde von mir kamen in Strasbourg auf die Idee: "Resto a'part". Jeden 1. Sonntag im Monat im Wohnzimmer des einen. 20 Euro fuer 3 Gaenge und Wein. 12 Leute maximal. Bedingungen fuer den Besuch: vorher reservieren, man durfte nur eine weitere Person mitbringen, die man kennt. Und die Gastgeber legten die Sitzordnung am Tisch fest. Ergebnis: gut gegessen und viele nette Leuet kennengelernt.

  3. Es gab ein paar deutsche Stände an den bisherigen Restaurant Days. Aber nicht so viele und lustige wie z.B. in Dänemark, Polen oder Österreich. Die deutsche Angst vor Igitt im Essen könnte ein Grund dafür sein. Oder der Umstand, daß die hiesige Restaurantszene ja schon seit den Sechzigern ziemlich international ausgelegt ist und Sehnsüchte nach Exotik bedient. Ziemlich deutsch ist wohl auch der Wunsch, jemand anderes möge den Anfang machen. Man guckt derweil "Das perfekte Dinner", wo jedes bißchen Mut am Herd mit einer Blamage bestraft wird. All die Kochshows vermitteln für mein Empfinden eine deprimierende Botschaft: "Kochen ist höhere Magie. Also gafft lieber die Profis an, statt selbst etwas zu versuchen." Der Restaurant Day tut das Gegenteil. Gut so, finde ich.

    • Jyrki
    • 15. Dezember 2012 17:37 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/jp

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