SahelzoneDer Mann, der die Wüste aufhielt

Jahrelang bekämpften Entwicklungshelfer den Hunger in der Sahelzone. Vergeblich. Dann kam ein Bauer, pflanzte einen Wald und machte den Boden fruchtbar. von Andrea Jeska

Es sind die Wochen vor dem Regen, als der alte Mann die Samen des Affenbrotbaumes in die Erde legt. Noch einmal sät er. Ernten wird er nicht mehr. Zehn Jahre dauert es, bis die Bäume die ersten Blüten tragen. Der alte Mann wird dann schon tot sein. 40 Jahre vergehen, bis die Bäume so stark sind, dass sie den Stürmen und hungrigen Tieren standhalten. Auch die Söhne des alten Mannes werden dann nicht mehr leben.

Seine Enkel und Urenkel aber werden einmal die Früchte der Bäume essen, die er im Jahr 2012 gepflanzt hat. Sie werden die Samenkörner kauen und aus den Blättern einen dicken Brei kochen, der gegen Ruhr und Koliken hilft. In feuchten Jahren werden sie die Bäume wachsen lassen. In trockenen Jahren werden sie die Bäume wässern. Und vielleicht werden sie sagen: Das sind die Bäume von Yacouba Sawadogo.

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70 Jahre ist er alt, ein großer, ergrauter Mann, der langsam müde wird und ahnt, dass sein Leben zu Ende geht.

Für die neuen Bäume hat sich Yacouba ein Stück Land gesucht, das seit Generationen niemand bestellt hat. Land, das niemandem gehört. Höchstens Gott. Und dem Wind und der vorwärtskriechenden Dürre, die die Hirse vertrocknen lässt, bevor die Halme auch nur so hoch gewachsen sind wie ein Kind.

Die gebackene rote Erde ist rissig wie ein altes Stück Papier. Kein Baum stand je auf diesem Land im Norden von Burkina Faso, inmitten der westafrikanischen Sahelzone. Das Wort Sahel kommt aus dem Arabischen. As sahil bedeutet Ufer. Es ist das Ufer der Wüste.

»Ein Verrückter«, so sprachen die Männer im Dorf

Lange vor der Regenzeit hat Yacouba mit der Arbeit begonnen. Die Löcher für die Samenkörner haben einen Durchmesser von 60 Zentimetern und sind 30 Zentimeter tief – doppelt so groß wie jene, die man für die Samen von Tamarinden-, Niem- und Nérébäumen braucht. Man kann diese Löcher nicht graben, man muss sie hacken. Die ersten Schläge der Spitzhacke lassen die krustige Oberfläche platzen, kleine Steine fliegen davon. Erst nach vielen weiteren Schlägen wird der Boden weicher.

Jahrelang hat Yacouba alleine gehackt. Fern den Feldern der anderen Männer, fern den Häusern des Dorfes. Sein Schatten war der einzige Schatten, das Geräusch seiner Hacke das einzige Geräusch. Nur Ziegen liefen um ihn herum. Monat für Monat, Jahr für Jahr ging er einsam seiner Arbeit nach, eine dunkle, hohe Silhouette unter einer zu heißen Sonne. »Ein Verrückter«, so sprachen die Männer im Dorf.

Im Norden von Burkina Faso, in der Provinz Yatenga, pflanzte Yacouba alleine einen Wald. Er machte unfruchtbare Erde fruchtbar, er ließ Hirse sprießen, wo Ödnis war, er schuf kühlenden Schatten, wo die Sonne brannte.

So rang der Ackerbauer Yacouba Sawadogo dem harten Nichts einen Garten Eden ab.

Man weiß nie, wann eine Erzählung wirklich beginnt. Der Anfang dieser Erzählung liegt vielleicht in uralter Zeit, als die Menschen begannen, Samenkörner in die Erde zu legen, und die Natur ihnen nicht entgegenkam. Als die Ernte vertrocknete oder nicht ausreichte und der Dürre der Hunger folgte. Vielleicht beginnt diese Erzählung aber auch erst in den frühen fünfziger Jahren, als Yacouba Sawadogo, Kind armer Bauern, auf eine Koranschule in Mali geschickt wurde, aber nicht lesen und schreiben lernte, trotz aller Mühe. Heute, 60 Jahre später, sagt der alte Mann Yacouba über den kleinen Jungen Yacouba, er sei wohl nicht klug genug gewesen. Zudem war er der kleinste und schwächste aller Schüler. Nur eines wusste der Junge besser als die anderen: wo die Bäume am grünsten waren und am höchsten wuchsen und wie sich aus ihrer Rinde und ihren Blättern Medizin machen lässt.

Spätestens aber beginnt die Erzählung in jenem Augenblick, der zur Legende wurde. Nach zehn Jahren vergeblichen Bemühens um den Jungen Yacouba schickte die Schule ihn nach Hause. An seinem letzten Tag wurde er zum Scheich gerufen, dem Leiter der Koranschule. Der Junge erwartete Vorwürfe, doch der Scheich prophezeite ihm Großartiges. »Du wirst ein Weiser sein«, sagte er zu Yacouba. Eines Tages, fuhr der Scheich fort, wenn Yacouba alt sei, würden viele Menschen seinem Weg folgen, und selbst kluge Männer aus fernen Ländern würden ihn um Rat bitten.

Der alte Mann hat kein Telefon, und die Post erreicht ihn selten. Wer Yacouba Sawadogo besuchen will, muss nach ihm fragen in Ouahigouya, einer kleinen Stadt, 182 Kilometer von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou entfernt. Muss nach ihm fragen auf dem Markt und wird weitergeschickt in das Dorf Gourga, wo Kinder auf einen Weg deuten, an dessen Ende der alte Mann in seinem Wald sitzt. Einfach auf der Erde sitzt und die Vögel mit Hirsekörnern füttert.

Was der Scheich ihm einst verkündete, sagt Yacouba, habe er nie bezweifelt, auch wenn er sich lange gefragt habe, wie ausgerechnet er dazu komme, anderen den Weg zu weisen – und wohin der wohl führen werde.

Als er seine ersten Samen gesät hatte, erinnerte sich Yacouba an den Aufruf des Korans, ein Mann solle Bäume pflanzen und von der Schöpfung nicht nur nehmen, sondern ihr auch etwas geben. Der Wald ist Yacoubas Gabe an die Schöpfung.

Yacoubas Wald, wie die Leute das Stück Land nennen, ist ein Ganzkörpererlebnis aus Kühle und Schatten, aus Vogelgesang und Bienengesumm. Mit Stämmen und Hirsestroh hat Yacouba einen Unterstand gebaut. Hasen laufen an Bäumen vorbei, Echsen funkeln. Der Wald ist ein Ort, der lebt, wo einst nur Hitze war.

Leserkommentare
  1. "Wir müssen die lokalen Bauern unterstützen" sagt der Büroleiter der GIZ in Burkina Faso. Der Satz legt nahe, dass dies in der Vergangenheit nicht oder zumindest zu wenig geschehen ist. Ich war viele Jahre als Berater für Kleingewerbe - darunter auch landwirtschaftliche Genossenschaften - in mehreren afrikanischen Ländern tätig und kann das nur bestätigen. Jahrhundertelang konnten sich afrikanische Völker den natürlichen Bedingungen anpassen und ausreichend Nahrungsmittel produzieren. Dezentrale, kleinbäuerliche Produktion kann auch heute noch ungeahnte Potenziale entfalten, wenn die dafür notwendigen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. Dazu können wir auf unterschiedlichste Art und Weise beitragen. Nachhaltiger Lebensstil und entsprechendes Konsumverhalten gehören mit dazu. Die Geschichte von Yacouba Sawadogo ist ein beeindruckender Augenöffner.

  2. Eine Geschichte, die mich aufwühlt hat,
    die Hoffnung spendet wo keine mehr zu vermuten war.
    Und das alles in Zeiten von Dienstleistungsgesellschaft, Globalisierung und Schwarzgeldkonten.

    Ein einzelner mit einer einfachen Einsicht
    gegen
    eine Menschheit beim Tanz mit goldenen Kalb auf einem Lavafeld.

    Eine Leserempfehlung
  3. Wie heisst es an einer Stelle? ein Titan.
    Das ist das Beste was ich seit Jahren gelesen habe.
    Was für ein grossartiger Mann!

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