KreativitätWo die Ideen herkommen

von , Christoph Markschies, Sibylle Lewitscharoff, Matthias Kleiner, Klaus Staeck und Erwin Osterkamp

Es sind die Sternstunden des Geistes – jene Momente, in denen uns plötzlich ein unerhörter Einfall durchzuckt, eine neue Idee Gestalt annimmt, ein nie gedachter Gedanke sich seinen Weg bahnt. Be creative! lautet der Imperativ unserer Zeit, doch wer immer kreativ tätig ist, weiß, wie schwierig das ist. Geniale Einsichten und Einfälle lassen sich nun einmal nicht planen, sie ereilen uns im Gegenteil oft gerade dann, wenn wir sie nicht herbeizuzwingen versuchen.

Kein Wunder, dass solch inspirierende Momente gern auf äußere Einwirkung zurückgeführt werden. Bis ins 17. Jahrhundert etwa ging man davon aus, dass alle Kreativität göttlichen Ursprungs sei. Schließlich bedeutet »Inspiration« wörtlich »Einhauchung«. Und wem plötzlich von Gott (oder der Muse) eine unerwartete Idee eingehaucht wurde, der erfuhr sich dann im Wortsinne als begeistert.

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Heutzutage wird die Schöpferkraft weniger im Außen gesucht, sondern mehr im eigenen Kopf. Hirnforscher und Psychologen verorten die Quelle kreativer Gedanken etwa im Erfahrungsschatz des »impliziten Wissen«, das all jene zufälligen, aufgeschnappten und wieder vergessenen Informationen beinhaltet, die wir unbewusst mit uns herumtragen. Um diese zu aktivieren und zu neuen Einsichten zu verknüpfen, muss man paradoxerweise gerade aufhören, zielgerichtet zu denken. Denn das bewusste Denken folgt meist nur bekannten, ausgetretenen Pfaden. Geistesblitze entstehen jedoch eher abseits der gewohnten Denkwege.

Doch wie sieht das in der Praxis aus? Dieser Frage widmet sich das Vademekum der Inspirationsmittel, eine im besten Sinne inspirierende Textsammlung, die der Theologe Christoph Markschies und der Literaturwissenschaftler Ernst Osterkamp zusammengestellt haben und von der wir vorab eine Auswahl dokumentieren. Darin berichten Altphilologen und Kognitionsforscherinnen, Malerinnen und Juristen, Musiker, Schauspielerinnen und Schriftsteller, wie sie sich dem Schrecken des weißen Blattes stellen und was sie tun, wenn die Gedanken nicht fließen wollen. 43 Autorinnen und Autoren sind es, Mitglieder der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Berliner Akademie der Künste, die hier einen seltenen Einblick in ihre Schaffensprozesse und -krisen gestatten.

Ernst Osterkamp etwa berichtet vom Fluch der Prokrastination, der Neigung also, eine Aufgabe immer weiter aufzuschieben und sich mit anderen Dingen abzulenken. Der Astronom Günter Hasinger und die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger gehen duschen (getrennt), der Germanist Wolfgang Frühwald schippt Schnee, Christoph Markschies spitzt obsessiv Bleistifte – alles Versuche, das bewusste Denken zu unterlaufen und den Schatz der unbewussten Genialität zu aktivieren.

Andere versuchen es mit Genussmitteln und Drogen: Der Mathematiker Günter Ziegler konsumiert Kaffee, sein Kollege Martin Grötschel Schokolade; Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, bekennt seine Leidenschaft zur Brühwürze Maggi, die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat es schon einmal mit LSD versucht, und der Jurist Christoph Möllers schwört auf Mandelhörnchen. Die einst so beliebte Droge Alkohol, so scheint es, hat dagegen ausgedient.

Dafür gelten heute Zeit und Stille als probate Mittel, die Gedanken so lange fließen zu lassen, bis die alten den neuen Platz gemacht haben. Die Zoologin Julia Fischer genießt die Morgenstunde in der afrikanischen Savanne, die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger das Ticken ihrer Standuhr. Andere schwärmen von besonderen Orten oder Situationen: Jörg Hacker, Präsident der Leopoldina, fährt Zug zwischen Berlin und Halle. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp zieht sich in die Marsch zwischen Kleihörn und Warmhörn zurück, wo ihn weder SMS noch E-Mails erreichen.

Doch manchmal hilft alle Ruhe und Entspannung nichts. Dann braucht es im Gegenteil gerade Druck und Stress. Erst wenn Abgabetermine näher rückten, Herausgeber eine allerletzte Deadline einräumten und bei Nichteinhaltung mit Suizid drohten, werde der vor sich hin Grübelnde aus seiner Lethargie gerissen und mobilisiere alle physischen und psychischen Kräfte, bekennt der Jurist Michael Stolleis. Stimmt genau. Und... Ja, Chef, ich bin ja schon fertig!

Ulrich Schnabel

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