Es sind die Sternstunden des Geistes – jene Momente, in denen uns plötzlich ein unerhörter Einfall durchzuckt, eine neue Idee Gestalt annimmt, ein nie gedachter Gedanke sich seinen Weg bahnt. Be creative! lautet der Imperativ unserer Zeit, doch wer immer kreativ tätig ist, weiß, wie schwierig das ist. Geniale Einsichten und Einfälle lassen sich nun einmal nicht planen, sie ereilen uns im Gegenteil oft gerade dann, wenn wir sie nicht herbeizuzwingen versuchen.

Kein Wunder, dass solch inspirierende Momente gern auf äußere Einwirkung zurückgeführt werden. Bis ins 17. Jahrhundert etwa ging man davon aus, dass alle Kreativität göttlichen Ursprungs sei. Schließlich bedeutet »Inspiration« wörtlich »Einhauchung«. Und wem plötzlich von Gott (oder der Muse) eine unerwartete Idee eingehaucht wurde, der erfuhr sich dann im Wortsinne als begeistert.

Heutzutage wird die Schöpferkraft weniger im Außen gesucht, sondern mehr im eigenen Kopf. Hirnforscher und Psychologen verorten die Quelle kreativer Gedanken etwa im Erfahrungsschatz des »impliziten Wissen«, das all jene zufälligen, aufgeschnappten und wieder vergessenen Informationen beinhaltet, die wir unbewusst mit uns herumtragen. Um diese zu aktivieren und zu neuen Einsichten zu verknüpfen, muss man paradoxerweise gerade aufhören, zielgerichtet zu denken. Denn das bewusste Denken folgt meist nur bekannten, ausgetretenen Pfaden. Geistesblitze entstehen jedoch eher abseits der gewohnten Denkwege.

Doch wie sieht das in der Praxis aus? Dieser Frage widmet sich das Vademekum der Inspirationsmittel, eine im besten Sinne inspirierende Textsammlung, die der Theologe Christoph Markschies und der Literaturwissenschaftler Ernst Osterkamp zusammengestellt haben und von der wir vorab eine Auswahl dokumentieren. Darin berichten Altphilologen und Kognitionsforscherinnen, Malerinnen und Juristen, Musiker, Schauspielerinnen und Schriftsteller, wie sie sich dem Schrecken des weißen Blattes stellen und was sie tun, wenn die Gedanken nicht fließen wollen. 43 Autorinnen und Autoren sind es, Mitglieder der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Berliner Akademie der Künste, die hier einen seltenen Einblick in ihre Schaffensprozesse und -krisen gestatten.

Ernst Osterkamp etwa berichtet vom Fluch der Prokrastination, der Neigung also, eine Aufgabe immer weiter aufzuschieben und sich mit anderen Dingen abzulenken. Der Astronom Günter Hasinger und die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger gehen duschen (getrennt), der Germanist Wolfgang Frühwald schippt Schnee, Christoph Markschies spitzt obsessiv Bleistifte – alles Versuche, das bewusste Denken zu unterlaufen und den Schatz der unbewussten Genialität zu aktivieren.

Andere versuchen es mit Genussmitteln und Drogen: Der Mathematiker Günter Ziegler konsumiert Kaffee, sein Kollege Martin Grötschel Schokolade; Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, bekennt seine Leidenschaft zur Brühwürze Maggi, die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff hat es schon einmal mit LSD versucht, und der Jurist Christoph Möllers schwört auf Mandelhörnchen. Die einst so beliebte Droge Alkohol, so scheint es, hat dagegen ausgedient.

Dafür gelten heute Zeit und Stille als probate Mittel, die Gedanken so lange fließen zu lassen, bis die alten den neuen Platz gemacht haben. Die Zoologin Julia Fischer genießt die Morgenstunde in der afrikanischen Savanne, die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger das Ticken ihrer Standuhr. Andere schwärmen von besonderen Orten oder Situationen: Jörg Hacker, Präsident der Leopoldina, fährt Zug zwischen Berlin und Halle. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp zieht sich in die Marsch zwischen Kleihörn und Warmhörn zurück, wo ihn weder SMS noch E-Mails erreichen.

Doch manchmal hilft alle Ruhe und Entspannung nichts. Dann braucht es im Gegenteil gerade Druck und Stress. Erst wenn Abgabetermine näher rückten, Herausgeber eine allerletzte Deadline einräumten und bei Nichteinhaltung mit Suizid drohten, werde der vor sich hin Grübelnde aus seiner Lethargie gerissen und mobilisiere alle physischen und psychischen Kräfte, bekennt der Jurist Michael Stolleis. Stimmt genau. Und... Ja, Chef, ich bin ja schon fertig!

Ulrich Schnabel

Bleistift spitzen

Vor gar nicht so langer Zeit sah ich in einem verwunschenen Schloss des 19. Jahrhunderts, das einer Dynastie von Fabrikanten gehört, die sich ihr Geld mit Bleistiften, Buntstiften, Farbstiften, Farbkreiden und anderen Utensilien verdient haben und noch immer verdienen, eine Zeichnung des Schriftstellers Günter Grass. Sie zeigt einen wunderbaren hellbraunen Tontopf, wie ihn meine Großmutter zum Einwecken von Pflaumenmus verwendete. In den Topf hat Grass nun aber kein Pflaumenmus gemalt, sondern – wenn ich richtig zähle – 28 grüne Bleistifte der Sorte Castell 9.000 Härtegrad HB. Ob es nun wirklich dieser Härtegrad ist, mit dem der Schriftsteller nicht nur über den Butt schreibt, sondern den Butt auch so unvergleichlich zeichnet – ich weiß es nicht. Aber es ist die Bleistiftsorte, die ich, wenn ich Bleistifte kaufe, ohne viele Umstände aus dem Regal greife.

Ich greife oft Bleistifte aus dem Regal, denn ich schreibe viel. Randbemerkungen und Unterstreichungen in Büchern, zornige Kommentare in Hausarbeiten meiner Studierenden oder begeisterte, je nachdem, und immer wieder Aufsätze und Bücher. Auf einen guten Aufsatz kommen etwa vier Bleistifte. Oder anders formuliert: Jeder halbwegs gute Aufsatz verschlingt vier Bleistifte. Mindestens. Drei verspitze ich einfach, zwei davon drehe ich einfach durch eine wunderbar altertümliche Schweizer Spitzmaschine mit schwarzgriffiger Kurbel und kleinem, herausnehmbarem Fächlein für den Spitzabfall. Allerdings ist sie über die Jahre etwas stumpf geworden, und ihre Spitzleistung lässt inzwischen erheblich zu wünschen übrig. Glücklicherweise hat mir jüngst ein Mensch, der mich samt meinen Nöten nur zu gut kennt, einen wunderbaren neuen, silberfarbigen Doppelspitzer für dicke und dünne Stifte geschenkt, in einem edlen, rotschwarzen kleinen Kästchen. Diesem kleinen Kästchen mit Klettverschluss entnehme ich, wenn die Schweizer Spitzmaschine wieder einmal versagt hat, feierlich den neuen, silberfarbigen Doppelspitzer und spitze, wenn es wirklich auf jedes Wort ankommt, sorgsam für solche besonderen Momente den dritten Stift. Immer wieder. Bis auch dieser Stift in den Papierkorb wandert, da er längst zu klein geworden ist, um ihn weiter anzuspitzen.

Ich verspitze pro Aufsatz also mindestens drei Bleistifte und für ein ganzes Buch in etwa einen braunen Tontopf mit rund 28 Bleistiften, wie ihn Grass malt. Ich verspitze so viel kostbares grün lackiertes Holz, weil ich unangespitzte Bleistifte nicht ertragen kann. Sie machen mich nervös und ziehen alle Aufmerksamkeit von den schönen Themen ab, über die ich schreibe oder von denen ich lese. Und ich verspitze so viel kostbares grün lackiertes Holz, weil die besten Inspirationen beim Spitzen kommen. Wenn der grüne Stift in der grauen Maschine verschwindet, wie ich die schwarzgriffige Kurbel lustig drehe, oder in einer der beiden Öffnungen des neuen, silberfarbige Spitzers aus dem rot-schwarzen kleinen Kästchen mit dem Klettverschluss – dann entsteht vor meinen Augen der bunte Kosmos der antiken Christenheit, dann balgen sich Orthodoxe und Häretiker, laufen Menschen in Scharen aus den sittenstrengen Predigten der Kirchenväter in wüste Orgien heidnischer Feste, dann hüstelt mit schwacher Stimme der große, aber asthmatische Bischof Augustinus gegen die Gesänge der Donatisten in der Häretikerkirche gegenüber. Wenn ich frech einen ganzen Stift verspitze, dann gerät mir der Aufsatz frech. Drehe ich zögerlich und mit Gespür für den Widerstand des brasilianischen Tropenholzes, aus dem die fränkische Firma produzieren lässt, dann wird es ein sensibler, zögerlicher Beitrag, gerade so, wie wir uns seriöse deutsche Wissenschaft wünschen. Ein Bleistift für die Fußnoten.

Grass muss übrigens auch so ein Künstler des Anspitzens sein, so ein Virtuose der Gespitztheit. Sind doch alle Bleistifte im hellbraunen Tontopf identisch angespitzt, nicht zu stumpf ist die Spitze, aber eben auch nicht zu spitz: »Die allzu spitz sind, stechen und brechen ab sogleich« (Biermann, nicht Grass). Bleibt für den Schluss der vierte Bleistift, der für einen Aufsatz gewöhnlich geopfert wird. Es ist mir peinlich, davon zu reden. Er fällt nämlich nicht dem unauflöslichen Nexus von Inspiration und Anspitzen, von Gedanken und Gespitztem, zum Opfer. Nein, der vierte Bleistift fällt dem zum Opfer, was die Kollegen aus der Technikwissenschaft Materialermüdung nennen: Die meisten Lacke von Bleistiften halten kein Wasser ab vom Holz. Auch nicht die weltberühmten grünfränkischen, die einer uralten Adelsfamilie das anfangs erwähnte große Schloss einbrachten. Ich kenne nur eine einzige Schweizer Sorte – eben Schweizer Wertarbeit, rot lackiert übrigens und in einer großen Kette erhältlich. Jene dunkelrote Schweizer Wertarbeit, aus jahrhundertealtem Zedernholz amerikanischer oder kanadischer Provenienz – die nimmt es mir nicht übel, wenn ich verlegen, inspirationslos und ohne alle Idee auf ihr herumkaue. Ihr Lack hält. Und hält. Und hält. Jedenfalls so lange, bis unendliches Spitzen auch die Ideen schärfte und ich mit den Stiften schreibe. Bis es ein Ende hat mit dem Malträtieren der armen Werkzeuge des Geistes, ohne die doch aller Geist nichts wäre. Die grünen Lacke aus Franken bröseln dagegen dahin, blättern in langen kleinen Streifen ab vom Holz, das mit Speichel vollgesaugt brüchig wird und abbricht – spätestens dann werfe ich angewidert fort, wovon ich eigentlich schweigen sollte, wenn es um Inspiration geht. Wovon niemand gern redet, wobei niemand gern ertappt wird. Aber zur Inspiration gehört nun einmal nicht nur das Anspitzen der müden Gedanken und matten Einfälle, sondern auch das angewiderte Verwerfen des Unsinns, den andere, vor allem aber ich selbst verbrochen haben. Nicht wiederholen soll ich, so haben mir meine akademischen Lehrerinnen und Lehrer gesagt, sondern zuspitzen. Also spitze ich an zur Inspiration. Und werde beim Anspitzen inspiriert.

Christoph Markschies, Kirchenhistoriker

LSD

Seit ich zwölf Jahre alt geworden bin, bin ich ein überspannter Mensch. Vorher war ich ein braves, frommes Kind. Überspannt, weil ich mich nicht selten vom Allerhöchsten und Allerwichtigsten beglaubigt wähne, zum Beispiel bin ich öfter davon überzeugt, dass mir Deutschland zuflüstert, was zu tun sei. Davon besessen, das Land zu reinigen, wäre ich in der Politik ein gefährlicher Mensch geworden. So bin ich gottlob zum Schriftsteller verzwergt und harmloser als die meisten Menschen. Es mildert sich der Deutschlandbefehl, der ja ein Tatbefehl ist, zum Schreibbefehl.

In meinem Besitz befindet sich ein Obstteller aus dem Haushalt von Christiane Vulpius. Geformt wie ein großes sandfarbenes, gewelltes Blatt. Auf ihm liegen Büroklammern in Form von Spirälchen und laden Gedanken, die zu matt sind, sich zu erheben, zu faustischer Auffahrt ein.

Sehr hoch, viel höher als mit diesen Spirälchen, kommt man mithilfe von LSD. Weggezogen urplötzlich, die Filter; das Auge seitlich in die Schläfen hinein verlängert wie bei einem Huftier, pferdlich und panisch wird alles eingefangen, fast schließt sich der Blick zur Rundumsicht, alle Schilder verkünden Botschaften, Taxis fahren Verwandte durch die Gegend, überlebensklein, Namen zeugen Namensnamen, Eichen schütteln ihre stammbäumlichen Häupter, die Blätter der Blutbuche säuseln und wispern, Häuser mit Leuchtschriften um die Häupter fliehen auf dich zu, alles flieht, ins Schiefe geraten – von wem oder was weg? –, auf dich zu, bist ja nicht umsonst der Mittelpunkt des Universums, nicht umsonst Auge, Ohr und Nabel der Welt. Wer da? Ich da! Konfusion um dies Ich oder alles streng geordnet? Jeder Knopf ein Wortfänger, ein raffinierter Behauptungsaufsteller, er sei auch ein bedeutendes Ich; Ich-Wort sogleich in Aktion, schafft Erinnerungsdurchstich zu lose schwebenden Wortnetzen dahinter, koste es, was es wolle, wolle es, was es koste, Fragen drängeln heran, ist alles durchblutet, sind Telefone durchblutet, sind Fernseher durchblutet, sind Lampen an, wenn Blut an, sind Lampen aus, wenn Blut aus; mal anders gedacht, mal andere Materiefrage hergenommen, ist alles papiern, ist eigene Hand aus Papier, abschneiden, sie vielleicht abschneiden, den Kopf gleich auch abschneiden, Papierkopf du, warum plötzlich so leicht? Ohr? Was macht Ohr? Ohr fängt alles ein, empfängt sichelscharf, Trommelfellmesser ritzen klein t klein s klein z, immerzu, immerzu, Adern tuckern, Schläfen zucken, Verse verschallt, Widderhorn kaputt, Posaune im Etui, gute alte Frage nach dem Lobgesang ennui.

Nach drei, vier Jahren, spätestens mit sechzehn, war es vorbei. Zu gefährlich. In der Drogenszene verkehrten überdies keine Buchmenschen, die Drogenleute waren nichts für mich. Auf die Dauer zu stumpf, zu verkommen. Trotz LSD, ich blieb, was ich immer gewesen bin: ordentlich, fleißig, sauber, ein Schwabenkind, das an der Kehrwoche nichts Schlechtes finden kann. Aber die Aufflüge von damals haben sich mir eingeprägt – ich brauche bloß den Kopf etwas schiefzulegen, das Wort höhererseits zum höher gelegenen Ohr einfliegen lassen, und schon geht’s in Wellen wieder los, über den Teppich, zum Fenster hinaus, über Stock und Stein, über die Dächer hinweg, wolkenwärts, himmelzu, mitten ins große Getreibe hinein.

Sibylle Lewitscharoff, Schriftstellerin

Dunkelheit

Für viele Menschen ist Licht ein Symbol für Aufmerksamkeit, für Wachheit und für Konzentration. Die meisten denken dabei an Tageslicht, helle Büros, sonnendurchflutete Werkstätten, ausgeleuchtete Labore und angestrahlte Arbeitsflächen. Ich aber denke an ein anderes Licht. Ich denke an Dunkelheit. Sie ist der eine Pol auf der Skala des Lichts und dabei auch eine subjektive Empfindung. Deswegen hat jeder Mensch seine eigene Dunkelheit.

Für mich ist die Dunkelheit absolut, nicht Dämmerung, nicht Morgengrauen. In ihr gibt es nur noch einzelne Quellen von Licht, die den Blick auf die Arbeit lenken, die dann allein wichtig ist. Kontraste verlieren außerhalb des Fokus an Schärfe, Reize verblassen, Geräusche scheinen sich zu verlieren, und es herrscht eine Abgeschiedenheit, die weder Leere noch Einsamkeit ist. Denn die Umgebung bleibt. Aber ihre Vielfalt und Buntheit weicht zurück und lässt dem einen Gegenstand der Arbeit den Vortritt – für ein paar Stunden in der Nacht, die für mich die produktivsten sind. Ich bin eingeladen, mich zu fokussieren, wenn es dunkel ist.

Die Nacht ist die uneingeschränkte Dunkelheit, an der ich schließlich auch die Zeit nicht mehr ablesen kann. So kommt es nicht selten vor, dass ich E-Mails zu dieser doch eher unüblichen Zeit versende. Wer sie in der Helligkeit seines Arbeitstags empfängt, wird dann vielleicht verständnislos den Kopf schütteln. Wenn aber jemand wie ich in der Dunkelheit erst die nötige Ruhe findet, wird auf »Antworten« gedrückt, ohne die Uhrzeit zu kommentieren oder überhaupt zu registrieren (...)Merkwürdig, werden Sie womöglich denken, ein Ingenieurwissenschaftler im dunklen Labor, in einer dunklen Maschinenhalle? Nein, das wäre wohl nicht möglich. Für den Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft besteht der eine Teil der Arbeit aus Sitzungen, Gesprächen und Treffen, Reisen und Besuchen. Für den anderen Teil benötige ich Papier und Stift, mehr aber noch den Computer für das Schreiben, Lesen und Beantworten, und der Bildschirm, an dem ich dann in der Dunkelheit sitze, ist meine Verbindung in die Welt (...).

»Ein Licht ins Dunkel zu bringen« bedeutet Klärung. Für mich ist es auch das Dunkel, das Klärung bringt. Klärung meiner Gedanken, meiner Fragen, meiner Überlegungen. Deswegen meint das alte Wort »When night is darkest, dawn is nearest« für mich so viel wie: Die Nacht und ihre produktive Dunkelheit bringen mich meinen Antworten, meinen Lösungen und meinen Erkenntnissen am nächsten.

Matthias Kleiner, Maschinenbauer

Maggi

Es mag der einen oder dem anderen merkwürdig vorkommen, aber seit meiner frühesten Jugend begleitet mich Maggi als ein Mittel der irdischen Inspiration. So bin ich schon als Kind in die elterliche Speisekammer geschlichen, um etwas aus der Familienflasche abzuzweigen. Immer in kleinen Dosen, um keinen Argwohn zu erregen. Aus heutiger Sicht würde ich diesem Verhalten leichte Suchtstrukturen attestieren.

Am Ende des Krieges war ich sieben Jahre alt. Neben vielem anderen gab es fortan auch kein Maggi mehr. Die alten Vorräte waren schnell aufgebraucht. Dennoch kann ich mich nicht erinnern, durch deutlich erkennbare Entzugserscheinungen aufgefallen zu sein. Die Nachkriegszeit machte erfinderisch, auf vielen Gebieten. So erschien eines Tages in den Konsum- und HO-Läden ein in Flaschen angebotenes Produkt mit dem Markennamen Bino-Würze, abgeleitet vom Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld Nord. Diese ebenfalls braune Flüssigkeit erinnerte nur entfernt an den typischen Maggi-Geschmack, doch in Ermangelung eines Besseren wurde sie in den Küchen der DDR als Ersatz akzeptiert.

Bereits weitgehend entwöhnt, griff ich nur selten nach dieser neuen Würze aus volkseigener Produktion und ich verzichtete ganz auf sie, nachdem mein Bitterfelder Klassenkamerad Horst Püschel sich verpflichtet gesehen hatte, mich über ihre Produktionsgeheimnisse aufzuklären. Auf irgendeinem Wege hatte er von meiner Vorliebe erfahren, ich vermute während eines Schulausfluges am Fuße des Ostharzes. Ob ich denn wisse, woraus diese braune Brühe hergestellt würde, fragte er mich mit gespielter Freundlichkeit. Sein Vater betreibe nämlich eine Rossschlächterei. So könne er mir versichern, dass bei ihrer Herstellung unter anderem die Haare und das Horn der Pferdehufe wichtige Zutaten bildeten.

Was ich damals nicht wusste: Zu den Grundstoffen gehörten zeitweilig sogar Abfälle aus der Igelit-Produktion des Werkes. Igelit war ein Kunststoff, aus dem auch Schuhe hergestellt wurden, und er verschwand wieder aus der Bino-Würze, als er in Verdacht geriet, Krebs auszulösen. Ob tatsächlich jemals Pferdehufe verarbeitet wurden oder es sich in Wahrheit doch nur um ein DDR-typisches Gerücht handelte, ließ sich auch mit den neuen Möglichkeiten des Internets nicht herausfinden.

Dass mich diese Information endgültig zum Abstinenzler machte, bedarf wohl keiner Erörterung. Doch an das mir vom Mitschüler abverlangte Schweigegelübde hielt ich mich nicht. Im Gegenteil. Das eine und andere Mal bereitete es mir ein gewisses Vergnügen, meine Mitmenschen möglichst drastisch mit der ausführlichen Beschreibung der Zutaten des Produktes Bino zu konfrontieren.

Nach meiner Flucht in den Westen kam es wieder zu einer Annäherung an das echte Maggi. Somit war ich mental gut darauf vorbereitet, als mich 1999 eine »SOS-Bürgerinitiative« sowie der Betriebsrat des Maggi-Werkes in Singen baten, für die Unterstützung ihrer Kampagne gegen den Nestlé-Konzern zur Rettung von 380 Arbeitsplätzen ein Plakat zu entwerfen.

Dass ich mit meiner Leidenschaft für Maggi nicht allein bin, erfuhr ich auf einer meiner Reisen mit Joseph Beuys. Bekennerhaft hat er sein besonderes Verhältnis zu diesem Extrakt sogar in einem seiner Multiples belegt. Die Arbeit mit dem Titel Ich kenne kein Weekend besteht aus einem flachen, schwarzen Koffer, darin enthalten sind eine Reclam-Ausgabe von Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft und eine Maggi-Flasche.

Klaus Staeck, Grafiker

Abenddämmerung

Dies wird ein wunderbarer, ein vom Glück des Schreibens erfüllter Tag! Die Nachtruhe war erquickend, das Frühstück ausgezeichnet, der Rotwein des gestrigen Abends hat keine nennenswerten Spuren im Kopf hinterlassen, die Sonne tönt ebenfalls nach alter Weise, und Termine gibt es heute keine. Die Gedanken für den Festvortrag liegen längst bereit; elegant soll er werden, gehaltvoll sowieso, aber doch auch für ein breiteres Publikum von Interesse sein. Das Thema ist glücklich gewählt; so etwas schreibt sich fast von selbst. Nur noch ein kurzer Blick in die Notizen, dann kann es losgehen.

Die Notizen sind, man muss da ehrlich mit sich sein, insgesamt eine Enttäuschung. Ich hatte sie irgendwie substanzieller, origineller, mit einem Wort: glänzender in Erinnerung. Konsistenter auch. Bei Lichte besehen – herrlich die Morgensonne, der Rasen müsste auch wieder einmal gemäht werden –, bei Lichte besehen also lässt sich keine rechte Kohärenz zwischen den leitenden Stichworten ausmachen; das wird kein Festvortrag, das wird Schmock, also nur fast ein Festvortrag. Aber der Tag ist ja noch lang, der Optimismus ungebrochen, der leichte Grauschleier, der aus unteren Seelenschichten ins lichtdurchflutete Gemüt zu dringen beginnt, wird lächelnd ignoriert. Ein Anfangssatz wäre jetzt gut! Ich hatte mir da doch dies herrliche Zitat notiert...leider ungenau. Leider auch die Quelle ungenau. Außerdem klingelt gerade das Telefon.

Drei Stunden später. Schon ist das Zitat gefunden. Manchmal hat man eben Glück. Allerdings eignet es sich, wie sich bei genauerer Betrachtung zeigt, nicht für den Anfang. Manchmal hat man eben Pech. Aber der Rasen ist gemäht. Immerhin. Draußen ist es viel zu hell; der Kontrast zu dem schwarzen Deckel, der sich auf die Seele gelegt hat, ist nicht mehr verkraftbar. Klarer Fall: Unterzuckerung. Mit einem kleinen Lunch lässt sich das Problem beheben. Und dann liegt ein langer glücklicher ungestörter Schreibnachmittag vor mir.

So lang ist der Nachmittag dann doch nicht. Auch Kaffee kann, was viel zu wenig bedacht wird, müde machen! In den Zeitungen war heute merkwürdig viel Interessantes. Aber meine beste Schreibzeit beginnt ohnehin erst um 16.30 Uhr. Außerdem habe ich nun den ersten Satz ganz fest im Kopf; ich weiß auch nicht, woher er mir zugeflogen ist, aber so ist das eben mit der Inspiration. Es kann nun eigentlich nichts mehr passieren; raumgreifend wird die Feder von nun an Stunde um Stunde übers Papier eilen. Gäbe es da nicht plötzlich dies sonderbare kleine anthropologische (anthropologisch deshalb, weil hier Körper und Geist in gleicher Weise betroffen sind) Problem, dass der erste Satz so fest im Kopf sitzt, dass er partout den Weg nicht über Hals, Schulter, Arm und Hand aufs Papier findet. Ein interessantes Phänomen! Leider zugleich tief deprimierend. Zumal sich plötzlich herausstellt, dass der schwarze Deckel auf der Seele so massiv geworden ist, dass offensichtlich auch das Gehirn in Mitleidenschaft gezogen worden ist: Die Gehirnsubstanz hat sich in Beton verwandelt. Panik! Mach dir nichts vor: Es ist aus! Ich werde nie wieder einen Satz schreiben. Leider ist der Festvortrag schon am Mittwoch der kommenden Woche; ich weiß jetzt schon, wer in der ersten Reihe sitzen wird. Paralyse.

Der Blick hebt sich vom Schreibtisch und fällt auf die Birke vorm Fenster. Sobald die Sonne sinkt, ist das Spiel des Lichts in ihren Blättern besonders bezaubernd; außerdem geht ein leichter Wind durch die Äste. Es gibt ein Leben jenseits der Festvorträge. Kann erstarrter Beton sich verflüssigen? Heute sicher nicht mehr, aber der Gedanke an sich ist tröstlich. Heute selbst wird nichts mehr geschehen; der große schöne Schreibetag ist fruchtlos verstrichen. Nun ist die Sonne fast untergegangen; die Konturen der Außenwelt lösen sich in der Dämmerung auf; es kehrt Stille ein – Stille auch in meiner Seele: Ich muss heute nicht mehr schreiben; ich habe mich fürchterlich angestrengt, und es ist nichts dabei herausgekommen. Vielleicht geht es morgen besser. Resigniert atme ich durch, blicke noch einmal in die Krone der Birke, aber viel ist nun nicht mehr zu erkennen. Die Dämmerung schreitet voran; vielleicht wäre es das Beste, wenn ich mir heute Abend einen Fred-Astaire-Film anschauen würde. Der Druck, der während des gesamten Tages auf mir lag, hat sich irgendwie aufgelöst. Bevor ich zum Abendessen gehe, blicke ich noch einmal entspannt und mit sanfter Selbstironie auf das leere Blatt, auf dem die Erträge eines arbeitsreichen Tages fixiert sind.

Als ich drei Stunden später den Blick wieder hebe, liegen fünf eng beschriebene Blätter vor mir. Die erste Hälfte des Festvortrags; ich habe doch gesagt, dass sich so etwas fast von selbst schreibt. Fünf Seiten, das ist kein schlechter Ertrag für einen vom Glück des Schreibens erfüllten Tag. Außerdem habe ich jetzt ein gutes Glas Rotwein verdient. Apropos Rotwein: Die Eule der Minerva beginnt in der Dämmerung ihren Flug. Ich weiß, dass Hegel es irgendwie anders gemeint hat, aber wo er recht hat, da hat er recht.

Ernst Osterkamp, Literaturwissenschaftler