Rainald GoetzWut ist Energie

»Johann Holtrop« heißt der neue Roman von Rainald Goetz. Die Kritik hat ihn mit ziemlich spitzen Fingern angefasst. Ijoma Mangold und Moritz von Uslar sprechen mit dem Autor erstmals über sein Buch. von  und Moritz von Uslar

Rainald Goetz legt einen Stapel Zeitungsausschnitte auf den Redaktionstisch.

DIE ZEIT: Bei allen Ihren öffentlichen Auftritten sieht man Sie immer mit einem Packen Zeitungen unter dem Arm.

Rainald Goetz: Ja, leider. Es nervt, aber egal. Fangen wir einfach an.

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ZEIT: Gut. Wir wollen über Johann Holtrop reden.

Goetz: Genau.

ZEIT: Kein anderer Roman ist so lange erwartet worden wie Johann Holtrop . Seit Jahren hieß es: Jetzt kommt der neue Roman von Rainald Goetz , aber dann wurde sein Erscheinen doch wieder verschoben. Gleichzeitig wurde der Verdacht formuliert: Vielleicht kann Rainald Goetz die Form des Romans gar nicht mehr ausfüllen, vielleicht packt er es nicht mehr, weil er doch eher der Gegenwartsanalyst ist, der vom eigenen Ich ausgeht. Und dann gab es in diesen Jahren auch einen Themenwechsel. Johann Holtrop ist ein Roman aus der Wirtschaftswelt, ursprünglich rechnete die Öffentlichkeit mit einem Roman über den Berliner Politikbetrieb.

Goetz: Ja, so war das. Es ist alles nicht so gelungen, wie ich mir das vorgestellt habe.

ZEIT: Warum?

Goetz: Ich bin nicht richtig dahintergekommen.

ZEIT: Sie hatten einmal gesagt: So gut wie der politische Korrespondent der FAZ , Günter Bannas, den Politikbetrieb aufschreibt, könne es eh kein Schriftsteller.

Goetz: Ja.

ZEIT: Gilt das für die Welt der Wirtschaft nicht in gleicher Weise? Ist die Wirtschaftswelt journalistisch weniger erschlossen?

Goetz: Im Gegenteil. Die Wirtschaftsvorgänge finde ich fast noch aufgedeckter als die der Politik, weil die Wirtschaftsunternehmen bestimmte Offenlegungspflichten haben, es muss ja alles erklärt und niedergelegt und ausgewiesen werden. Es gibt ja keinen Cent, der unverbucht durch eine Firma geistern darf. Die Politik muss öffentlich debattieren, muss sich der Wahl stellen, aber die Politik muss keine Bilanzen offenlegen. Der Haushalt ist ein Fetisch des Parlaments, aber nicht die Essenz der politischen Vorgänge.

Und die Interpretation dieser Dinge auf den Wirtschaftsseiten, auch das große Darstellungsbedürfnis der Wirtschaftsführer, auf allen Ebenen, der Manager, ist gigantisch. Das ist viel größer als das der Politiker, weil die Wirtschaftsleute weniger in einem ständigen öffentlichen Fokus sind. Man kann jede Woche mehr Interviews von Wirtschaftsleuten lesen, als man geistig erfassen kann. Gerade jetzt zum Beispiel war in der FAS , da gibt es auf der hinteren Seite der Wirtschaft immer so ein großes Porträt, von dem Henkel-Chef eines, Kasper Rorsted, total interessant. Wenn man sich da reinvertieft, und das habe ich für den Roman gemacht, wenn man diese Interviews nicht einmal liest, sondern dreimal und nach einem halben Jahr nochmal zweimal, wenn man wirklich versucht, sich diese Leute echt vorzustellen aus dem, was sie sagen, wie sie denken, wie sie leben; sie geben ja alle Auskunft über ihr Leben auf ganz erstaunlich offene Art, man weiß darüber wahnsinnig viel, wie Manager wirklich leben; und all das dauernd zusammenzuführen versucht mit eigenen Menschenbegegnungserfahrungen: das ist quasi die Produktionsmethode für diesen Roman gewesen.

ZEIT: Sie haben von der Empfänglichkeit für »Körper in Räumen« gesprochen.

Goetz: Ja, ich schaue mir Bilder an, ich habe Ihnen das auf der Buchmesse gezeigt, das Zeitungsfoto dieser Konferenz, »Medientreff 2012. Herr oder Knecht«, das Bild dieser Situation schaue ich mir an, wie die Menschen da im Raum zueinander angeordnet sind, was zwischen ihnen vorgeht. Oder zum Beispiel jetzt in der Welt , da war ein Foto von Hitler mit irgendwelchen Generälen abgebildet, vielleicht im Rommel-Craze-Kontext, wo man genau sieht, wie die ihn beobachten. Hitler redet auf den einen dort ein; drei, vier stehen herum. Was da für Beobachtungs- und Gedankenvorgänge am Ende auf den Gesichtern abgespiegelt zu sehen sind, das führe ich aus.

Das war die Arbeit an diesem Buch. Situationen, die ganz einfach sind – also das Geschehnis, das der Roman schildert, ist simpel, das ist einerseits die Geschichte von diesem Typen, Absturz eines Wirtschaftsführers, und dann sind es diese Bürovorgänge, dann sind es die Reisevorgänge, dann sind es öffentliche Situationen auf Festen usw – und die Interaktionen in diesen Situationen dann genau zu fokussieren in der Vorstellung. Jetzt fahre ich morgen nach Wien, da lese ich Sachen vor, die diese Wiener Sozialhysterie, Wien-Figuren und Wiener Sozialhysterie zeigen, dieses: ah, der meint doch eigentlich dies!, und wenn der so zuckt, dann heißt das doch genau das usw, all das. Und mit dieser Nervosität dann die Spekulation aufzuladen, wie solche Situationen ablaufen, das war die Idee.

ZEIT: Um diese »Sozialhysterie« abzubilden, haben sie sich der Form des Romans zugewandt.

Goetz: Nein, ich wollte, dass meine Argumente besser erkennbar werden, die waren vom Ich-Effekt meiner Bücher verdeckt. Das hat mich gestört. Mit dem loslabern -Buch habe ich das nochmal in einer Weise durchgerissen, die mir unglaublich Spaß gemacht hat, und habe dann aber festgestellt, dass die Resonanz das nicht so künstlich auffasst, wie ich das selber sehe. Für mich ist das Ich immer auch eine Kunstfigur gewesen. Ich habe nie quasi unmittelbar von mir selbst irgendwas erzählt.

Aber die Leute dachten: immer dieselben echten Typen! Die Leute wollen sich mit echten Typen nicht als Figuren auseinandersetzen, was für mich ganz normal ist. Für mich bin ich selbst als öffentliche Figur nicht das Ich, das ich bin. Und jeder andere, der am Diskurs teilnimmt, Bodo Kirchhoff , den ich jetzt wieder getroffen habe, der ist einerseits dieser Mensch, aber der ist andererseits eben der Autor dieser Bücher, der diese Interviews gibt; genauso Händler oder so. Aber ich habe gemerkt, dass ich damit allein stehe. Die Leute sehen das nicht so. Für die Leute ist Schirrmacher die Person Schirrmacher und nicht die öffentliche Figur, die diese Karriere hat und diese Position einnimmt.

ZEIT: Und Schirrmacher selbst wird sich vermutlich persönlich beleidigt gefühlt haben?

Leserkommentare
    • Riks
    • 29. November 2012 13:19 Uhr

    Informatives Interview, kluge Fragen an einen empfehlenswerten Autor und sein empfehlenswertes Buch.

  1. macht wahnsinnig spaß dieses interview zu lesen. schnell, scharf, genau und witzig.
    i adore !

  2. Großartiges Interview! Beide Interviewer sind einfach unübertroffen gut und klug. Gute Idee: die fettgedruckten Hinguckerwörter und auch "Die Figuren dieses Gesprächs", es geht doch eben immer noch was im guten alten Format "Interview". Und ich hatte das Gefühl: Goetz durfte ausreden. Welch ein Vergnügen, über seine Gedanken und Beobachtungen zu staunen - z.B. "die unterentwickelte Diskursivität" im literarischen Leben. Gut, gut, gut!

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