Als der große Michael Jackson 28 Jahre alt war, besuchte er das Konzert eines anderen Genies. Es war Leonard Bernstein. In der Pause schlich sich Jackson zu dem Dirigenten, um ihm zu huldigen. Lenny, überwältigt von diesem unerwarteten Besuch, nahm Jackson in die Arme, hob ihn hoch und küsste ihn auf den Mund. Jackson war so verdattert, dass er den Maestro nur fragen konnte: »Benutzen Sie immer denselben Taktstock?«

Es sind Episoden wie diese, die man gern liest in diesem wundervollen Buch, das soeben unsere Meinung über den bedeutenden Musiker Leonard Bernstein um ein paar Mosaiksteinchen erweitert hat. In Wahrheit ist Kein Tag ohne Musik mehr als nur die Anekdotensammlung eines Giganten. Es umfasst das komplette Interview, das der New Yorker Journalist Jonathan Cott am 20. November 1989 mit Leonard Bernstein in dessen Haus in Fairfield (US-Bundesstaat Connecticut) führte. Das Dinner dauerte die ganze Nacht. Bernstein ließ sich hierbei mitnichten als Saftpresse missbrauchen: Er warf seine vitaminreichen Essenzen von selbst ins Gespräch. Eine Light-Version war bereits im Magazin Rolling Stone erschienen.

Der Abend begann mit Wodka und endete ähnlich hochprozentig. Und zwischendurch, in zwölf Stunden am Tisch und auf dem Sofa, redete Lenny über alles, was ihn als Musiker definierte, und legte Platten auf. Begonnen hatte seine imposante Karriere mit einem skurrilen Moment, wie wir ihn von Loriot kennen: Familie Bernstein bekam ein altes Klavier von einer Tante. Bernstein sagte, es habe einen »verknautschten Mandolinenklang« gehabt. Doch konnte er nicht anders: Er musste sich in dieses Klavier verlieben. Aus Liebe wurde Obsession: Keinen Tag könne er ohne Musik verbringen, sagte Bernstein, und mit dem Impetus der Wühlmaus und dem Raffinement eines Rabbiners eignete er sich alles an, was er dazu brauchte: Partituren, Techniken, Freunde, Kontakte, leider auch Zigaretten und Alkohol. Er war ein unmäßiges Raubtier, nicht bereit, auf einem konservativen Niveau zu leben.

Aber Bernstein war nicht nur Musiker, er war lebenslang auch ein Lehrer, ein Vermittler – und wenn er vor Harvard-Studenten oder vor Kindern sprach, änderte sich sein Vokabular kaum: Immer redete er so griffig, dass alle ihn verstanden, auch die Platzanweiserinnen. Bernstein glaubte, dass jeder Mensch »mit der Liebe zum Lernen geboren« sei.

Nun war Cott für diesen Anlass und an diesem Abend aber auch ein großartiger Interviewer. Am Anfang tat er laienhaft wissbegierig wie ein 19-jähriger Reporter-Eleve, der vor Fracksausen einen Fußballstar nach der Schuhgröße fragt. Bernstein gab sich in diesen ersten Gesprächsrunden entsprechend gönnerhaft, aber nicht unsympathisch, sondern herzlich dozierend – bis er merkte, dass Cott etwa die Partituren Gustav Mahlers, den Bernstein so liebte, fast so genau kannte wie er. Da taute Lenny im Interview ein zweites Mal auf. Und dann nahm er Cott mit auf eine Reise, die über 80 Seiten um die Welt führte – und irgendwann auch in Salzburg Visite machte. Dort spielte Bernstein auf Mozarts originalem Klavier: »Mein Gott, was das für einen Lärm machte!«

Vor Beginn hatte sich Bernstein verbeten, nach seinen Lieblingskomponisten oder Lieblingsspeisen befragt zu werden. Da kannte er Cott noch nicht. Am Ende legte er aber seine Lieblingsplatte von sich auf: die Einspielung von Beethovens Streichquartett op. 131 in der Bearbeitung für 60 Streicher der Wiener Philharmoniker. Da saßen zwei auf der Couch, versunken im Klang.

Wenn uns Bernstein immer vorkam wie ein Noah, der das Wesen des Musizierens vor der Sintflut der Beliebigkeit zu retten suchte, so resultierte diese Position aus Bescheidenheit. Mehr als einmal sagte er im Gespräch: »Ich bin Anfänger – immer!« Das war keine Koketterie, sondern Ausdruck eines schier pränatalen Denkens: In jedem Stück, das er dirigierte, kam Bernstein neu zur Welt. Dass wir bei diesen Menschwerdungen in diesem Fall anwesend sein dürfen, ist das größte Geschenk, das uns dieses schöne Buch macht. Und dass aus Strawinskys Psalmensinfonie (Bernsteins Leibstück) eine »Palmensinfonie« wurde, hätte Lenny selbst bei der Lektüre zu infernalischem Gelächter animiert.