Junge ElternMutti ist die Jüngste

Sie sind selbst kaum älter als 40 – doch ihre Kinder sind schon erwachsen. Vom Glück der frühen Eltern Ost. von Anne Hähnig

Gundula Prywerek war 39 Jahre alt, als sie weinend im Kinderzimmer ihrer Tochter Delia stand. Sie hatte Delia wenige Stunden zuvor von Magdeburg aus nach Leipzig gefahren. Die Tochter, damals 19, war zum Studium nach Sachsen gezogen.

Schon früh hatte sich Gundula Prywerek Kinder gewünscht, mit 20 war sie schwanger geworden. Delia kam 1989 zur Welt, im Jahr des Mauerfalls. Zwei Jahre später gründeten die Prywereks ein Unternehmen. Die Nachwendejahre waren dichte, aufreibende Jahre.

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Doch nach Delias Auszug war da plötzlich freie Zeit. Seit dem vergangenen Jahr haben Gundula Prywerek und ihr Mann den Bootsführerschein. Vier Monate lernten sie für die Prüfungen. »Wir hätten das wahrscheinlich nicht gemacht, wenn unsere Tochter noch bei uns wohnen würde«, sagt die heute 44-Jährige. »So etwas gönnt man sich erst, wenn das Kind aus dem Haus ist.« Wenn die Prywereks morgen in den Urlaub fliegen wollten, sie könnten es tun, und vor allem: Sie könnten es sich leisten. Sie haben nicht nur die Zeit, sondern inzwischen auch das Ersparte dafür. Unabhängigkeit bedeutet für sie, mit 40 eine Freiheit zu haben, die andere mit Anfang 20 auskosten. »Für uns«, sagt Prywerek, »ist es eine späte Sturm-und-Drang-Phase.«

Heute gehört sie zu einer Generation ostdeutscher Mütter und Väter, die mitten im Leben stehen, aber deren Kinder längst erwachsen sind. Zu einer Generation, für die es üblich war, mit Anfang 20, unmittelbar nach der Berufsausbildung, ein erstes Kind zu bekommen. Eltern wie die Prywereks sind selbst noch relativ junge Menschen, aber sie sehen sich nun vor der Herausforderung, jene Lücke in ihren Leben füllen zu müssen, die ihre Kinder hinterlassen haben, als sie fortzogen.

Noch nicht einmal 40 Jahre alt, aber bereits ohne die Tochter im eigenen Haushalt: Im Westen wäre das exotisch, ein Einzelschicksal. In den neuen Ländern gehört man mit dieser Biografie zum Mainstream. Heute profitieren die Prywereks und viele andere Ostdeutsche davon, in jungen Jahren Kinder bekommen zu haben. Ihre frühe Familienplanung – damals selbstverständlich – gibt ihnen heute eine Freiheit, die die gleiche Generation Westdeutscher in der Regel nicht hat. Während Gleichaltrige West noch ihren Nachwuchs zum Babyschwimmen bringen, organisieren im Osten Abertausende Väter und Mütter ihren Kindern schon den Auszug. Wie ist das: 40 zu sein, und die Kinder sind groß? Fühlt man sich alt? Oder hält einen die neu gewonnene Freiheit jung?

Kinder zu kriegen, das wurde in der DDR nicht nur gefördert – sondern belohnt. Wohnungen bekam oftmals nur, wer verheiratet war und Nachwuchs hatte. Für schwangere Studentinnen wurde ein Sonderstudienplan erstellt. Hinzu kam die medizinische Rhetorik der damaligen Zeit: Wer mit 25 das erste Mal zur Entbindung in den Kreißsaal kam, der galt als spätgebärend. Noch 1987 dachte die Mehrheit der Ostdeutschen, eine Frau sollte höchstens bis zu ihrem 30. Geburtstag Nachwuchs bekommen. Danach sei man zu alt; danach wünsche man sich ein ruhigeres Leben – ohne kleine Kinder.

Wenn diskutiert wird, was die Familien in der DDR von denen des Westens unterschied, dann sprechen die meisten zuerst von der Kinderbetreuung. Oft wird vergessen, wie jung die Frauen in der DDR oft waren, als sie Mütter wurden. Hatten sie nicht schon altersbedingt eine andere Einstellung zur Familie? Und: Taugen sie inzwischen gar zum Vorbild in Zeiten, in denen die Deutschen zu wenige Kinder zur Welt bringen?

Heute sind sich Soziologen – so unterschiedlich sie die Familienpolitik vor 1989 auch interpretieren – meist einig in einem Punkt: Die Eltern im Osten sind gelassener, pragmatischer. Sie betrachteten ihre Kinder als ein Glück, aber nicht als alleinigen Lebensinhalt. »Die Ostdeutschen hatten einen sachlicheren Blick auf die Familie, nicht so emotionalisiert wie in den alten Ländern«, sagt die Soziologin Gitta Scheller. Vermutlich zögen die Kinder in diesem Teil Deutschlands deshalb im Schnitt zeitiger aus als in Westdeutschland. »Den Eltern fällt es leichter, ihre Kinder gehen zu lassen«, sagt Scheller.

Leserkommentare
    • Fabiana
    • 29. November 2012 11:53 Uhr

    Es scheint mir klar, dass Eltern, die mit 20 das erste Kind bekommen, dann unter den heutigen Bedingungen (vor 200 Jahren starben sie noch mit 40) eine späte Freiheit erleben wollen. Nur finde ich an einer Umkehrung der Lebensphasen nichts wirklich Attraktives. Auch was die Generationenfolge in einer Zeit der Langlebigkeit betrifft, führt eine frühe Reproduktion zur 4-5-Generationenfamilie. Ob das wirklich wünschenswert ist? Wenn man an junge Eltern gewöhnt ist, scheint es sicherlich seltsam, wenn Väter von Babys schon halb kahl sind und deren Mütter erste graue Haare und Falten bekommen. Aber ansonsten sehe ich für die Kinder nur Vorteile darin, dass sie nicht gezeugt werden, weil man etwas dafür bekommt, dass sie nicht einen vollen Tag außer Haus verbringen müssen, weil Mutter und Vater studieren oder am Anfang einer Berufstätigkeit stehen, und auch dass sie mehr Aufmerksamkeit bekommen, weil man sie sich vielleicht länger gewünscht und den Partner sorgfältiger ausgesucht hat als man mit 20 dazu in der Lage ist.

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    braucht man sich über rückgängige Kinderzahlen nicht wundern.

    Ich sehe mit einer gewissen Belustigung Mittvierziger ihre ersten Kinder bekommen, zu einer Zeit, wo mein Sohn gerade mitten im Studium ist. Die Betroffenen merken etwas spät, dass sie nun bis zum Renteneintritt brauchen werden, um die Kinder "aus dem Haus" zu haben. Wenn dann noch die eigenen Eltern pflegebedürftig werden, ja das ist korrekte Abfolge der Lebensphasen, 40 Jahre Freiheit und dann ab ins Joch.

    Ich finde es schrecklich, welche Unreife jüngeren Menschen zugesprochen wird. Wobei sich jünger hier als U30 definiert. Wieso sollten denn 25-Jährige schlechter in der Lage sein Kinder zu bekommen und großzuziehen als 45-Jährige? Ich denke doch, dass man mit 25 Jahren über die nötige Reife und das Verantwortungsbewusstsein verfügt, wenn man sich dann dazu entscheidet. Ebenfalls sind Mittzwanziger wohl kaum "Beziehungsanfänger" und somit auch durchaus nicht unbedingt gefährdeter als Mittdreißiger, sich nach ein paar Jahren zu trennen.

    Aber anscheinend wird bereits davon ausgegangen, dass Beziehungen heute ein Haltbarkeitsdatum haben.

    Auch: Eine getrennte Familie heißt auch nicht, dass es eine zerbrochene Familie ist. Es gibt unzählige Beispiele von wunderbar funktionierenden Patchwork-Familien!

    Bei der Einschulung meines ältesten Enkels (ich bin 56) war ich mir bei einer ziemlichen Anzahl von "Betreuungspersonen" nicht immer sicher, ob das Mama und Papa oder doch vielleicht Oma und Opa sind. Ich weiß nicht, soll ich es für erstrebenswert erachten, wenn man die studierende "Brut" als Rentner begleitet...?

    Also, wenn man schon mit Lebensphasen argumentiert, dannn würde ich doch eher davon ausgehen, dass die Familiengründung mit der Zeit größter Fruchtbarkeit und noch relativ guten Nerven (nicht nur bei der Geburt des Kindes sondern bis in die Pubertät hinein) zusammenfällt. Und die ist definitiv von Anfang bis Mitte/Ende zwanzig. Warum sonst wäre das Thema künstliche Befruchtung/Leihmutterschaft/Kinderplanung nach Zyklus etc. so brandaktuell- weil man Lebensphasen umdreht.

  1. braucht man sich über rückgängige Kinderzahlen nicht wundern.

    Ich sehe mit einer gewissen Belustigung Mittvierziger ihre ersten Kinder bekommen, zu einer Zeit, wo mein Sohn gerade mitten im Studium ist. Die Betroffenen merken etwas spät, dass sie nun bis zum Renteneintritt brauchen werden, um die Kinder "aus dem Haus" zu haben. Wenn dann noch die eigenen Eltern pflegebedürftig werden, ja das ist korrekte Abfolge der Lebensphasen, 40 Jahre Freiheit und dann ab ins Joch.

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    Antwort auf "Lebensphasen"
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    • spacko
    • 05. Dezember 2012 9:46 Uhr

    sind mehr, als die meisten Teenage-Mammis je erleben werden. Ich kenne jemanden, der ist 42 und Opa. Statt seiner Kinder hat er halt nun die Enkel an der Backe. Das Bootsführerscheinleben wie im Artikel klappt doch nur, wenn der eigene Nachwuchs die Frühelternschaft nicht kopiert, sonst ist diese Ost-West-Wechselgeneration doch eigentlich nur ein Anekdötchen.
    Mit dem Rucksack um die Welt ziehen macht mit Mitte 20 deutlich mehr Spaß, da kommt keine Luxusrundreise mit, die man dann vielleicht mit 50 noch machen kann, wenn die Gelenke/ der Kopf/ wasauchimmer noch fit und willig sind und man wirklich Geld verdient. Lieber 40 Jahre jung und frei sein (okay, bei mir waren es nur 35) als vielleicht mal später oder auch nie.
    Jepp, ich habe kleine Kinder, und ich bin "alt", aber ich vermisse nix! Und ich kann mir nicht vorwerfen, irgendwas verpasst zu haben, was ich nachholen müsste....

    • Fabiana
    • 05. Dezember 2012 10:42 Uhr

    Abstrakt wollte ich immer Kinder haben, konkret allerdings mit knapp über 20 wirklich nicht. Mein richtiger Zeitpunkt lag bei Anfang 30. Da hatte ich meine Jugendfreiheit so weidlich ausgekostet, dass ich die Kinder als eine große Bereicherung erlebte und wirklich nie das Gefühl hatte, dass sie mich einschränkten oder das ich wer weiß was versäumte. Das Leben wurde anders, ruhiger, aber nicht weniger aufregend. Hätte ich die frühere Freiheit nicht gehabt, hätte ich diese Ruhe sicherlich nicht gut akzeptieren können. Außerdem denke ich, dass eine gewisse Reife gut ist, wenn man Kinder bekommt. Ich kenne ein paar knapp 40-jährige Mütter von Teenager-Töchtern, die sich auf einen verzweifelten Konkurrenzkampf einlassen, wer mehr Sexappeal hat, was beiden nicht gut tut, denn die Mütter stehen den Töchtern im Weg. Zehn Jahre später ist man bereiter, das eigene Älterwerden etwas selbstironischer zu akzeptieren und der Jugend neidlos ihre Blüte zu gönnen.

  2. damals an den westen verkaufte während der wiedervereinigungsphase. gerade die skandinavischen länder hatten und haben noch viele paralellen zur familien- kinder und schulpolitik der ddr. auch kommt die frage auf warum der westen das garnicht wahrnimmt, was in der ddr damals ausser der stasi noch existierte.

    das schon seit dem 2.weltkrieg unterentwickelte westliche schulsystem hätte z.b. profitieren können. auch der späte auszug der kinder, wie in westdeutschland ueblich, ist in skandinavien eher die ausnahme

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    • Narses
    • 05. Dezember 2012 11:27 Uhr

    Völlig richtig, was Sie da schreiben.

    Sie haben lediglich vergessen, dass an der DDR aber auch nun wirklich rein garnichts gut war, oder lohnenswert war, übernommen zu werden.

    Denken Sie nur mal an den grünen Abbiegerpfeil oder diese Unsinnsdiskussion über das Ampelmännchen..........!!

    Nee nee, nur aus dem WESTEN kommt aller Segen.
    (Ironie off)

    • spacko
    • 05. Dezember 2012 9:46 Uhr

    sind mehr, als die meisten Teenage-Mammis je erleben werden. Ich kenne jemanden, der ist 42 und Opa. Statt seiner Kinder hat er halt nun die Enkel an der Backe. Das Bootsführerscheinleben wie im Artikel klappt doch nur, wenn der eigene Nachwuchs die Frühelternschaft nicht kopiert, sonst ist diese Ost-West-Wechselgeneration doch eigentlich nur ein Anekdötchen.
    Mit dem Rucksack um die Welt ziehen macht mit Mitte 20 deutlich mehr Spaß, da kommt keine Luxusrundreise mit, die man dann vielleicht mit 50 noch machen kann, wenn die Gelenke/ der Kopf/ wasauchimmer noch fit und willig sind und man wirklich Geld verdient. Lieber 40 Jahre jung und frei sein (okay, bei mir waren es nur 35) als vielleicht mal später oder auch nie.
    Jepp, ich habe kleine Kinder, und ich bin "alt", aber ich vermisse nix! Und ich kann mir nicht vorwerfen, irgendwas verpasst zu haben, was ich nachholen müsste....

    8 Leserempfehlungen
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    Ihr ziemlich normativer Kommentar ist allein schon deshalb fragwürdig, als er sehr westlich ist. Wer sagt denn eigentlich, dass das gutbürgerliche "einmal um die ganze Welt reisen" mit Anfang 20 der heilige Gral in Sachen Freiheitsfindung ist? Es gibt auch andere Wege, Freiheit zu erlangen, als sich mit viel Geld und nem iPhone bewaffnet in überfüllte Interrail-Züge zu hocken.
    Das mal als Denkanstoß.
    Ich habe selbst übrigens noch eine 2 vorne stehen und bin ebenfalls mit dem Rucksack durch Europa gezogen.

    • YMB
    • 05. Dezember 2012 9:52 Uhr

    Also mit den 20-jährigen arbeitslosen alleinerziehenden Müttern hier in Brandenburg möchte ich nicht tauschen...

    6 Leserempfehlungen
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    ...welch ein Klischee!! Ich habe meine erste Tochter mit 23 Jahren mitten im Psychologiestudium (geplant) bekommen, die zweite vier Jahre später. Meinen Abschluss habe ich trotz allem mit sehr gut gemacht und starte nun (die Kinder sind mittlerweile 3 und 8 Jahre alt) voll im Berufsleben durch. Ich bin keine rühmliche Ausnahme, ich kenne auch eine vierfache Mutter, die es ähnlich gemacht hat. Von wegen jung, arbeits- und ahnungslos!

    • Hesslon
    • 05. Dezember 2012 9:58 Uhr

    letzten Reise durch Mittelamerika habe ich Menschen getroffen die deutlich jünger (20 Jahre) waren und deutlich älter (60 Jahre).
    Alle in Hostels und auf irgendwelchen Busreisen quer durch die Länder, soviel mal dazu wann man mit dem Rucksack durch die Gegen turnen kann.
    Ich bin Ende 20 und wenn jetzt Kinder kommen würden gut, wenn nicht dann eben später.
    Ist es nicht wichtig sich wohl zu fühlen und zu machen wonach einem der Sinn steht. Ich fühle mich jedenfalls nicht verpflichtet irgendwelche Nachkommen zu zeugen, es gibt ohnehin genug Menschen auf der Welt.

    3 Leserempfehlungen
  3. Ich habe Frauen kennen gelernt, die mit 20 ein Kind bekamen. Irgendwann ging die Beziehung mit dem Partner in die Brueche. Mit 35+ haben sie dann mit einem neuen Partner noch mal Kinder bekommen.
    Auch eine Moeglichkeit.

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