Bratschistin Kim KashkashianGroße alte Ungarn

von Volker Hagedorn

Kim Kashkashian

Kim Kashkashian  |  © Thomas J. Krebs/ECM Records

Wer diese Stücke für einfach hält, der sollte herausfinden, wo der 86-jährige Komponist demnächst eines seiner Werke probt, hinreisen und erleben, wie lange György Kurtág mit seinen Interpreten mitunter an einem einzigen Takt feilt. Freundlich, aber unerbittlich, Klänge bis an die Nervenenden zerlegend, in jedem Detail ein Stück Leben sehend, das zum Blühen gebracht werden muss. Kurtág ist das Gewissen der Musik, aber man braucht kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn man seinen Signs, Games and Messages ganz locker und ohne Noten lauscht.

Dafür müssen sie freilich so durchgereift gespielt werden, wie Kim Kashkashian das auf ihrer CD tut. Vielleicht gibt es keinen besseren Einstieg in Kurtágs Welt als diese Stücke für Solobratsche, die aus einem 1989 begonnenen work in progress für mehrere Instrumente kombiniert wurden. Komplexität schlägt in Klarheit um, sogar in genießerische Erkundung des Instruments. Der Einsatz der leeren Saiten zieht sich wie ein »back to the roots« durch die Zeichen, Spiele, Botschaften, deren kürzeste kaum 30 Sekunden währt und mit deren längster – knapp fünf Minuten – der Zyklus anhebt wie ein Morgen-Raga.

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Manche Stücke zerfallen in fragende Seufzer wie die Notenzeilen für Vera Ligeti und John Cage. Mal wird, wie in einer Meditationsübung, nur eine Abwärtsbewegung immer neu formuliert. Den meditativen Aspekt unterstreicht Kashkashian in halliger Kirchenakustik mitunter zu sehr. Man könnte sich manches auch trockener, sprechender, extremer kontrastiert vorstellen.

Aber die reife Intensität macht der 60-jährigen US-Armenierin niemand nach. Ihr Ton verbindet zwei Komponisten noch enger, die sich schon im Herbst 1945 in der Budapester Musikakademie kennenlernten. Gerade war Bartók gestorben, bei dem sie hatten studieren wollen, Kurtág und der drei Jahre ältere György Ligeti. Von ihm spielt Kashkashian die Solosonate, auch sie in späten Jahren entstanden – und trotz mikrotonal verzerrter Einstiegslinien verblüffend retrospektiv. Es gibt da akkordgenaue Zitate aus Hindemiths Solosonate von 1922, und in der Chaconne mag man gar an Pfitzners fiktive Renaissance denken. Das finale H-Dur ist freilich ein solch großes Fragezeichen, als grinse Ligeti: Macht’s euch nicht zu einfach! Aber schön klingt es doch, was große alte Ungarn schreiben.

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    • Schlagworte Klassik | Musik | Ungarn
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