SchnäppchenjägerMacht am Wühltisch

Der deutsche Konsument hat es gern preiswert – die Arbeiter in Bangladesch bezahlen dafür. von 

Haben Sie sich unlängst ein T-Shirt gekauft? Für 4,99 Euro vielleicht? Und haben Sie gelesen, wo es hergestellt wurde? In Bangladesch möglicherweise, immerhin ist dieses Land der zweitgrößte Textilexporteur der Welt. Dort sind vor wenigen Tagen 112 Menschen in einer Textilfabrik verbrannt, die große Mehrheit der Opfer waren junge Frauen.

Es sind nicht die ersten, sondern die vorerst letzten Toten. Seit 2006 sind in Bangladesch 470 Menschen ums Leben gekommen, bei der Herstellung von Textilien, die man in unseren Breiten zu Spottpreisen kaufen kann. Im September sind in Karatschi, Pakistan, bei einem einzigen Brand mehr als 300 Menschen gestorben. Auch Pakistan ist ein großer Exporteur von Textilien – auch hier zahlen die Arbeiter und Arbeiterinnen oft mit ihrem Leben. Und nun noch eine Frage an Sie: Wissen Sie, wie hoch der Lohnanteil am T-Shirt für 4,99 Euro ist? 13 Cent.

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Nein, Sie als Konsument sollen nicht auf die Anklagebank kommen. Selbst wenn Sie es verdienten, es brächte nichts. Man kann nicht von allen verlangen, dass sie gut sein sollen, immer und jederzeit. Außerdem passt ein schlechtes Gewissen nicht zum Einkaufen. Das verdirbt die Laune. Wenn wir kaufen, wollen wir uns von Sorgen frei fühlen. Wir sind ohnehin eher fürs Verdrängen gemacht, weniger fürs Problematisieren. Also, keine Appelle an das Gewissen des Konsumenten. Sie verhallen meist ungehört.

Die Arbeiterinnen demonstrieren, die Behörden reagieren mit Härte

An den Wühltischen der Kaufhausketten findet man häufig die sozial Benachteiligten, die billige Ware suchen, weil sie keine andere Wahl haben. Da herrscht weniger Kauffreude denn Kaufzwang. Hartz-IV-Empfänger sind auf solche Angebote angewiesen. Ein Teil der deutschen Sozialreformen stützt sich auch darauf, dass unser Markt mit billigster Ware versorgt wird.

Ausgerechnet am Wühltisch aber haben die Benachteiligten in der Gestalt des Schnäppchenjägers so viel Einfluss wie selten in ihrem Leben. Hier treffen sie auf jene Frauen, die für 30 Euro im Monat zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche Textilien herstellen. Hier begegnen sie jenen, die morgen schon verkohlt in einer ausgebrannten Fabrikhalle liegen können. Hier kann sich der Konsument fragen: Warum hat diese Frau nur 13 Cent für ihre Arbeit erhalten?

Das ist eine fast revolutionäre Frage, denn sie zielt auf die Wurzel des Problems: auf soziale Ungleichheit. Es gäbe kein Billigangebot ohne die Ausbeutung Hunderttausender Menschen.

Wann immer es in den vergangenen Jahren zur Katastrophe in einer Textilfabrik kam, war vor allem von Brandschutzbestimmungen die Rede. Zu Recht. Denn viele Menschen verloren ihr Leben, weil es nicht den minimalsten Schutz gab. Die Debatten zeigten Wirkung. Viele westliche Firmen – nicht alle – bemühen sich heute um Sicherheit in jenen Fabriken, in denen für sie produziert wird. Aber selbst wenn man den großen Textilimporteuren aus Deutschland die besten Absichten unterstellte, bliebe die Tatsache, dass es immer wieder zu Katastrophen kommt. Korruption, Profitgier, Unfähigkeit – die Ursachen sind vielfältig, doch eines ist entscheidend: Die Arbeit, die in den Fabriken geleistet wird, ist zu schlecht bezahlt. Sie ist gesellschaftlich nichts wert. Darum haben jene, die diese Arbeit verrichten, keine Macht. Sie sind ersetzbar.

Das wirksamste Mittel zur Veränderung besteht darin, die Verhandlungsmacht dieser Menschen zu stärken. Das geht nur – wer wüsste es besser als die Deutschen – über eine gewerkschaftlich gut organisierte Arbeiterschaft. 2010 gingen in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Zehntausende Arbeiterinnen zum ersten Mal auf die Straße. Sie haben ihr Land zu einem der größten Textilexporteure der Welt gemacht, jetzt wollten sie dafür auch die Früchte ernten. Sie demonstrierten für einen Mindestlohn von 46 Euro monatlich. Die Behörden reagierten mit außergewöhnlicher Härte. So wie sie es auch in Pakistan tun. Dort hat man vor Kurzem zwölf Gewerkschafter, die sich für die Rechte der Textilarbeiter einsetzten, kurzerhand festgenommen, gefoltert und der terroristischen Verschwörung angeklagt.

Leserkommentare
  1. „Jedes Jahr werden in Usbekistan für zwei Monate die Schulen geschlossen und 1,5 Millionen Kinder zur Baumwollernte auf die Felder geschickt. Die staatlich organisierte Zwangsarbeit garantiert dem Regime von Präsident Karimow satte Profite.

    „Von morgens bis abends sammeln sie (die Kinder) in gebückter Haltung kleine Wattebäuschchen, die sich später zu großen Baumwollbergen auftürmen werden. Bisweilen fordert die Lehrerin sie auf, schneller zu arbeiten. Am Rand der Plantage patrouillieren Einsatzwagen der Polizei. Nach Sonnenuntergang fahren die Polizisten die erschöpften Schüler zu ihren Schlaflagern, wo sie sich selbst eine dünne Suppe kochen müssen.“

    http://www.dradio.de/dlf/...

    Wie man sieht, wird ein Großteil de Kleidung, die wir tragen, in einem menschenverachtenden kriminellen System hergestellt.

    Übrigens, wenn man der Wikipedia glauben schenken darf, hat(te) Joschka Fischer ein gutes Verhältnis zu dem usbekischen Diktator Islom Karimov:

    „Unterstützung erhielt Karimov sowohl von der US-Regierung, die im Jahr 2002 für die usbekische Armee und Sicherheitseinheiten 202 Mio. Euro überwiesen, als auch von dem ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer, der sich mehrfach sehr wohlwollend gegenüber dem Regime äußerte.“

    http://de.wikipedia.org/w...

  2. Da herrscht permanent Krieg auf allen Ebenen. Seien wir also froh das wir "noch" auf der Gewinnerseite stehen. An Hand der Griechen sieht man, das es auch ganz schnell anders kommen kann. Also kauft Leute und fresst solange alles so billig ist.

  3. Tageslohn unter 1€ für chinesische Feldarbeiter welche Tiefkühlerdbeeren pflücken und hier bekanntlich auf dem Tische landen.

    Teils in Umverpackung mit Alpenidyll, teils als Markenartikel, teils als Hausmarke.

    Was verdient wohl ein Thaibauer so? Shrimps aus der Agrarfarm oder gar Enten aus Massentierhaltung.

    Neee, der Verbraucher hat keine Macht. Nicht nur getragen - auch gegessen wird auf dem Tisch kommt.

    Nur so am Rande, nebenbei

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    stellen noch einen Sonderfall der Intransparenz für den Kunden dar.

  4. Das Thema gab es letzte Woche schon mal bei Günter Jauch.
    Wenn den Unternehmern keine Ausreden mehr einfallen schieben
    sie es immer wieder gerne auf die Politik oder den Konsumenten.

    Das sehen wir doch schon hier in Deuschland welchen Einfluss
    das Souverän in politsch-ökonomischen Fragen hat.

    Die Arbeitnehmer in diesen Ländern haben doch gar keine
    andere Wahl, entweder Hungern und Sterben oder sich Erpressen lassen mit den Zuständen vor Ort.

    Unternehmen in diesen Ländern tun immer so als hätten sie
    keinen regionalen Einfluss und man könne ja nichts ändern.
    Wo ist der politische Wille und wo sind die Gewerkschaften
    oder anderweitige Organisationen?

    Wo es keinen Arbeitskampf gibt wird sich auch nichts ändern.
    Das wissen diese ausländischen Unternehmen, egal welcher
    Branche sie angehören. Profit bestimmt das Geschäft und nichts weiter.

    Sein Konsumverhalten änderern und hinterfragen ist richtig
    aber nicht alles.

    mfg h.bremer

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    • tja_ja
    • 08. Dezember 2012 16:42 Uhr

    Was glauben Sie was passieren würde, wenn ein Großteil auf die billig produzierte Ware verzichten würde. Würden Sie als Unternehmer dann immer so weiter produzieren??? Ich glaube nein, denn es wird sich wirtschaftlich nicht lohnen. Und darum geht es jedem Menschen und das ist wohl auch ein Grundsatz den man akzeptieren muss, nämlich, dass jeder wirtschaftlichen Erfolg haben will. Dies ist außerdem sehr nützlich, da die Menschheit schon längst ausgestorben wäre. Der Konsument hat letzten Endes die Wahl zu kaufen oder stehen zu lassen, und wer meint die Industrie würde einem ja alles vorschreiben und täuschen etc. der mag in gewisser Weise recht haben, schützt aber letzten Endes nicht vor der Verantwortung ein sogenannten mündigen Bürgers. Wenn man etwas ändern möchte, und das bezweifle ich (ist ja schließlich bequem andere Menschen für den eigenen Konsum schuften zu lassen und dann noch schön mieß bezahlen), dann muss man auch seine Möglichkeiten ausnutzen. Freiheit und Rechte, auch die des Konsums schützen nicht vor der Verantwortung die man indirekt dadurch übernimmt. Ansonsten wäre eine Diktatur wohl sinnvoller, da effektiver (man siehe sich lediglich den Infrastruktur- und Wirtschaftsboom in China an). Freiheit und Rechte sind eben unbequem und muss man sich ständig verdienen.

  5. es geht hier um die menschen die ausgebeutet werden und mit ihrem leben bezahlen also sollte man nicht vom thema ablenken. vielleicht sollte man die geschäfte mal boykottieren als "westliche moderne soziale" länder, um den menschen zu zeigen das wir für sie da sind. aber es ist ja leichter um das thema herum zu reden. ich sage nur ich kaufe nichts mehr aus banglandesh.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Verallgemeinerungen. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "Der Appell"
  6. "Fairtrade"- Produkte wirklich produziert werden. Auch da gibt es eine unerbittliche Konkurrenz. Zudem sie ein Produkt der Vorkrise sind um die Mittelschicht besser zu schröpfen. Glauben sie in Griechenland, Spanien und Italien denkt die Mittelschicht noch über solche Luxusprobleme nach?

  7. "Ein Teil unserer deutschen Sozialprobleme stützt sich auch darauf, dass unser Markt mit billigster Ware versorgt wird!

    Kapiert das doch bitte endlich!"

    ...und die Degradierung des arbeitenden Menschen zu bloßen "Humankapital".

  8. Schon mal von Trigema gehört?

    Antwort auf "Hört mal her"
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    • Flari
    • 08. Dezember 2012 16:29 Uhr

    "Schon mal von Trigema gehört?"

    Klar, da fangen die T-Shirts bei 20,-€ und die Polohemden bei 40,-€ an.
    Dafür ist man bei Aldi, Lidl + Co einmal kpl. eingekleidet.. :-)

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