Die Frage: Als Klaus und Felicitas nach ihrem Erstgeborenen noch eine Tochter bekamen, waren sie überglücklich. Beide sind selbstständige Architekten. Klaus beschloss, ein paar Jahre lang weniger zu arbeiten und sich um die Kinder zu kümmern.

Nach drei Jahren spricht die Tochter immer noch nicht, sie scheint in ihrer Entwicklung zurückzubleiben. Klaus ist mit der Kleinen zur Impfung beim Arzt, und dieser beruhigt ihn – es gebe eben Spätentwickler. Felicitas glaubt das nicht und bringt das Mädchen in eine Spezialambulanz.

Als Klaus davon hört, ist er zornig. »Du hättest mich fragen müssen!«, sagt er. »Du kannst das doch nicht einfach hinter meinem Rücken tun. Ich fühle mich verraten und verkauft.«

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Felicitas hat keinen Fehler gemacht – und doch wäre es klug von ihr, sich bei Klaus zu entschuldigen. Ein womöglich behindertes Kind macht beide Eltern sehr verwundbar. Ehen geraten angesichts der Aufgabe, die damit verbundenen Kränkungen zu verarbeiten, häufig in eine Krise. Auch selbstkritische Partner müssen damit ringen, sich nicht dadurch zu entlasten, dass sie ein Versagen des Partners konstruieren. Das ist Suche nach einem Sündenbock.

Klaus ist besonders verwundbar, weil er sich stark für die Kinder engagiert und Verantwortung übernehmen will. Er erlebt Felicitas’ Aktion als respektlose Einmischung, in der vielleicht etwas zutage kommt, wovon er nichts wissen will.