Martenstein"Gib der Maus einen Käfig, und sie wird uralt"

Harald Martenstein über die Lebenserwartung von Tieren und Menschen. von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Ich informiere mich auch regelmäßig über die wissenschaftlichen Studien zur menschlichen Lebenserwartung. Manche Versuchsreihen werden allerdings ersatzweise mit Fadenwürmern oder Mäusen durchgeführt. Mäuse, die in Käfigen gehalten werden, leben zum Beispiel deutlich länger als frei laufende Exemplare. Wenig Stress, viel Fürsorge. Gib der Maus wenig Spielraum für riskante eigene Entscheidungen, gib ihr einen Käfig, und die Maus wird uralt. Genau dieses Rezept wird inzwischen auch bei uns Menschen angewendet.

Was mich betrifft: Das National Cancer Institute hat in Amerika eine Langzeitstudie mit 650.000 Teilnehmern durchgeführt. Dabei ist herausgekommen, dass Menschen 4,5 Jahre länger leben als der Durchschnitt, wenn sie sich wöchentlich mindestens 7,5 Stunden bewegen. Es muss nicht Sport sein, Treppensteigen genügt. Wenn ich Fitnessstudio, Treppensteigen und Gassigehen mit dem Hund zusammenrechne, schaffe ich locker 7,5 Stunden. Da ein Deutscher meines Jahrgangs angeblich mit 83 Jahren rechnen kann, müsste ich also auf 87,5 Jahre kommen. Nun verdiene ich allerdings ein bisschen überdurchschnittlich. Laut Sozio-oekonomischem Panel bringt ein überdurchschnittliches Einkommen zehn Lebensjahre. Darf man die zehn Einkommensjahre einfach zu den 4,5 Bewegungsjahren hinzuzählen? Vermutlich schon. Ein armer Mensch, der Treppen steigt, lebt ja auch bestimmt länger als ein Armer, der immer vor dem Fernseher herumhängt. Demnach wäre ich schon bei 97,5 Jahren. Ebenfalls zehn Jahre bringen Glück und Zufriedenheit. Die Mortalität durch Suizid liegt bei zufriedenen Menschen schon mal nahe null. Mir geht es recht gut, damit bin ich bei 107,5 Jahren. Wegen des Rauchens muss ich mir sieben Jahre abziehen, aber das Endergebnis von 100,5 finde ich okay.

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Das kann man sich gar nicht oft genug klarmachen: Ein positives Lebensgefühl bringt an Jahren mehr, als Rauchen schadet. Ein Raucher, der sich pausenlos Vorwürfe macht und unter seiner Schwäche leidet wie ein Tier, stirbt 17 Jahre früher. Ein glücklicher Raucher dagegen lebt drei Jahre länger als ein unglücklicher Nichtraucher. Wenn demnächst auf den Zigarettenpackungen abschreckende Horrorbilder gezeigt werden, wird es mehr unglückliche Raucher geben, deshalb werden viele Menschen sterben. Daran ist nur die Regierung schuld.

Wenn die Regierung ihre Bürger zu langem Leben zwingen möchte, gibt es außerdem eine bessere Methode. Die größte und längste Studie zur Lebenszeit wurde in Korea durchgeführt, an den Bewohnern des Kaiserpalastes. Da gibt es alle Daten der Jahre von 1392 bis 1910. Die Palastbewohner lebten alle ähnlich und aßen genau das Gleiche. Die Eunuchen des Kaisers wurden 14 Jahre älter als alle anderen. Es klingt für manche vielleicht ein bisschen unangenehm, aber die Entfernung der Hoden ist wirklich die nachweislich beste und bewährteste Methode, um Männern zu einem langen Leben zu verhelfen. Testosteron ist ein Teufelszeug, schlimmer als Nikotin oder Zucker. Im Tierheim macht man es ja auch, unser Hund kommt gut damit klar. Ob Frauen ohne Östrogen auch älter werden, weiß ich leider nicht.

Uralte Eunuchen – da würde im Moment fast jeder sagen, es ist ein Eingriff in die Menschenrechte. Langes Leben, na gut, aber letztlich sollte ein Mensch selber entscheiden, ob er ein Dasein als 110-jähriger Eunuch erstrebenswert findet. Wir hängen deshalb auch keine Warnfotos mit goldkettchenbehängten Gangster-Rappern als Testosteronwarnung in den Geburtskliniken aus. Noch nicht!

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    • Serie Martenstein
    • Schlagworte Fitnessstudio | Nichtraucher | Nikotin | Stress | Studie | Testosteron
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