JournalismusDie Vernunftehe

Welcher Journalismus bleibt kostenlos? Welchen gibt es nur gegen Bares? Beim Spiegel-Verlag gehen die Chefredakteure neue Wege – und: Sie gehen diese gemeinsam. von  und

Das Spiegel-Verlagshaus in der Hamburger Speicherstadt

Das Spiegel-Verlagshaus in der Hamburger Speicherstadt  |  © dpa/Kay Nietfeld

Für die Medienbranche ist es ein Hammer-Ereignis: In den kommenden Monaten wird der Spiegel-Verlag neue kostenpflichtige Angebote innerhalb des Nachrichtenportals Spiegel Online entwickeln. Das gaben Mathias Müller von Blumencron, Digitalchef von Spiegel und Spiegel Online, und Georg Mascolo, der Chefredakteur des Blattes, vergangene Woche Montag in einer internen Redaktionskonferenz bekannt.

Auf die Schicksalsfrage deutscher Verlage – »Mit welcher Strategie überleben wir im digitalen Zeitalter?« – haben Mascolo und Müller von Blumencron an diesem Tag gleich mehrere neue und teils überraschende Antworten gegeben.

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Teilnehmer der Sitzung erzählen, wie einträchtig und friedlich die beiden nebeneinandergesessen und der Redaktion erläutert hätten, wie sie das Blatt und das Onlineportal stärker voneinander abgrenzen, wo sie beides enger zusammenrücken – und wo sie die beiden sogar verschmelzen wollen. »Wenn mir die Stimme versagt, mach du weiter...«, sagte Mascolo zu Müller von Blumencron, mit dem er lange über Kreuz gelegen hatte.

Im Frühjahr hatten sich die Chefjournalisten noch »heftig gestritten«, wie Mascolo freimütig bekennt. Print oder Online: Wer hat Vorrang? Wer bestimmt, wann Journalismus im Internet etwas kosten soll? Diese Auseinandersetzung findet in allen Verlagen statt, aber beim Spiegel wurde sie besonders derb geführt. »Wir haben um die Frage gerungen, wo es künftig langgehen soll. Das war so und musste so sein«, sagt Mascolo.

Trotzdem haben die beiden schon im Frühjahr eine geheime Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die aus sechs Redakteuren besteht, drei aus dem Blatt und drei Onlinern. Müller von Blumencron sagt heute: »Unser Ausgangspunkt war, weder der Spiegel noch Spiegel Online dürfen zugunsten des jeweils anderen geschwächt werden.«

Als die erste Arbeitsgruppe loslegte, bildeten Müller von Blumencron und Mascolo eine zweite, noch geheimere Arbeitsgruppe. Sie bestand aus zwei Leuten: ihnen selbst. Was im Spiegel-Verlag geschieht, steht sinnbildlich für die Pressebranche. Praktisch überall ist die Überzeugung gereift, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. In der ersten Phase der Digitalisierung wetteiferten die Verlage, grob gesagt, um Reichweite im Internet, und darüber entstanden die aktuellen Nachrichtenportale, die Leser so sehr schätzen, für die sie aber nicht zahlen. Gedruckte Blätter und Onlineauftritte machten sich derweil prächtig Konkurrenz, doch die Onlineerlöse wuchsen nicht im gleichen Tempo wie die Leserschaft, während die Anzeigenerlöse der gedruckten Blätter deutlich gesunken sind. Deshalb denken viele Journalisten und Verlagsmanager jetzt neu über die Frage nach, welches Geschäftsmodell das richtige für die Zukunft ist.

Die Insolvenz der Frankfurter Rundschau und das Aus für die Financial Times Deutschland verleihen diesen Bemühungen jetzt zusätzliche Nachdruck.

»Wir erleben eine Zeit großer Veränderung, und es gibt dafür keine fertigen Lösungen. Da muss jedes Medium seinen eigenen Weg finden«, sagt Mathias Müller von Blumencron. »Jeder Verlag muss schauen, welche Medien habe ich und welche Schlüsse ziehe ich daraus. Wir haben andere Aufgaben zu lösen als etwa eine Tageszeitung.« Die neue Eintracht setzten die beiden am Dienstag fort, in dem sie ihre Pläne in einem Gespräch gemeinsam erläuterten.

Als Erstes sollen die Hauptstadt-Redaktionen von Magazin und Nachrichtenportal enger zusammenarbeiten.

Müller von Blumencron: »Redakteure des Blattes sollen sich am Anfang der Woche, wenn das Magazin schon gedruckt ist, stärker bei Spiegel Online engagieren.«

Mascolo: »Und am Ende der Woche soll es umgekehrt sein.« Dann sollen die Onliner zugunsten des Magazins auf manchen konkurrierenden Beitrag verzichten und den Kollegen vom Blatt im Einzelfall zuarbeiten.

Leserkommentare
    • Uerige
    • 08. Dezember 2012 10:30 Uhr

    Die Berichterstattung von Montag bis Mittwoch über die Gewalt in den niederländischen Amateurfußballigen hat vielen Lesern wieder gereicht. Wie unmündige Leser wurden sie behandelt auch beim Spiegel, wo die Kommentarfunktion abgestellt wurde.

    Viele Leser haben bemerkt das viele Artikel abgeänderte Agenturmeldungen sind, ein bisschen umgeschrieben und wenn einmal ein Fehler drin ist, dann zieht sich das von Die Zeit, Die Welt, Spiegel, Focus bis zur FAZ (Beispiel tot des Beastie Boys / Fehler im Inhalt hat sich durchgezogen)

    Man unterhält sich jetzt in den Verlagen über die Finanzierung und nicht warum der Leser nicht mehr zur Zeitung greift. Es gab Diskussionen über den journalistischen Einheitsbrei, den es nicht geben soll, den es aber gefühlt sehr wohl gibt.

    Überall wird die "Qualität" hochgehalten, die es so nicht mehr gibt. Viele Zeitungen sind Parteizeitungen und neutral ist ein Fremdwort. Die Berichterstattung in die Die Zeit über die SPD / Grünen, als auch die Themen die so im Parteiprogramm der Grünen zu finden sind, sind für viele offensichtlich.

    Auch wenn man auf Bezahl-Account umstellt wird das nicht viel bringen.

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    denn wenn Bezahl-Accounts umgestellt wird, dürfte es eine Bereinigung des Marktes oder was eher wahrscheinlich ist einen Zusammenbruch bei den Großen geben, denn die Fianziers wie Augstein, werden auch irgendwann die Reissleine ziehen.
    Ist wie die Diskussion bei den Uni-Gebühren keiner will diese, denn wenn Leute für etwas bezahlen, wollen sie auch einen Gegenwert, im Falle Uni Dienstleistung und in diesem Fall kompetenten und investigativen Journalismus, etwas das vielen Journalisten der besten Presse der Welt (di Lorenzo) mangels Fachkenntnis in den einzelnen Gebieten schwerfallen dürfte. Auch dürfte es einen Einbruch bei den Anzeigenkunden geben, wenn diese ihre Propaganda nicht über ihre hauseigenen Journalisten ans Volk bringen können.

    Da die ZEIT ja so gut Verbindungen zur Haaretz hat (was mich immer verwundert, denn diese dürften den Kommentarbereich hier wohl nicht lesen), kann sie ja mal berichten, wie es da mit dem Bezahlmodell läuft.

    • deDude
    • 08. Dezember 2012 10:49 Uhr

    ... neben der Frankfurter Rundschau und der FTD Deutschland suchen, in das es dann demnächst verschwinden kann.

    Ich kann bzgl. der journalistischen Arbeit nur Kommentar #1 beipflichten. Auch wenn viele Redaktionen es noch so oft rausposaunen, die Qualität der gebotenen Beiträge wird dadurch nicht besser.

    Wenn man dann zu allem Überfluss die eigenen Leser noch behandelt als wären sie unmündige Dummköpfe darf man sich nicht wundern wenn die Abo- und Leserzahlen zurückgehen.

    Ich habe früher selbst gerne den Spiegel gekauft, zwar nicht im Abo aber jede Woche unmittelbar nach Erscheinen am lokalen Kiosk, aber von gut recherchierten Artikeln konnte man leider in den vergangenen Jahren immer weniger sehen. Stattdessen wie schon in #1 formuliert hauptsächlich umgeschriebene Agenturmeldungen und Artikel die ich eher in Zeitschriften wie "Bild der Frau" erwarten würde, nicht aber in einem eigentlich renommierten Magazin wie dem Spiegel.

  1. denn wenn Bezahl-Accounts umgestellt wird, dürfte es eine Bereinigung des Marktes oder was eher wahrscheinlich ist einen Zusammenbruch bei den Großen geben, denn die Fianziers wie Augstein, werden auch irgendwann die Reissleine ziehen.
    Ist wie die Diskussion bei den Uni-Gebühren keiner will diese, denn wenn Leute für etwas bezahlen, wollen sie auch einen Gegenwert, im Falle Uni Dienstleistung und in diesem Fall kompetenten und investigativen Journalismus, etwas das vielen Journalisten der besten Presse der Welt (di Lorenzo) mangels Fachkenntnis in den einzelnen Gebieten schwerfallen dürfte. Auch dürfte es einen Einbruch bei den Anzeigenkunden geben, wenn diese ihre Propaganda nicht über ihre hauseigenen Journalisten ans Volk bringen können.

    Da die ZEIT ja so gut Verbindungen zur Haaretz hat (was mich immer verwundert, denn diese dürften den Kommentarbereich hier wohl nicht lesen), kann sie ja mal berichten, wie es da mit dem Bezahlmodell läuft.

    • S0T86
    • 08. Dezember 2012 11:05 Uhr

    Ich finde es nicht angebracht, für reinen Fakten- und Tatsachenjournalismus Geld zu bezahlen. Wenn für die Berichterstattung von Ereignissen in der Welt trotz Internet Geld verlangt wird, werde ich auf Twitter und Blogs etc. ausweichen. Diese Tatsachenreproduktion ist keine journalistische Eigenleistung.

    Was am aktuellen "Journalismus" nervt, ist die Vorstellung mit vermehrt publizistischen und meinungsbildenden Methoden die Leser zu erreichen. Ich als erwachsener und sich für "aufgeklärt" haltender Mensch möchte mir meine eigene Meinung aufgrund von Fakten bilden, und nicht von - teilweise seltsamen oder auch konstruiert kontroversen - publizistischen Meinungsartikeln bevormundet werden. Meiner Meinung nach führt dieser "Journalismus" in eine Sackgasse und er nervt mich unendlich.

    Wofür ich aber Geld bezahlen würde, ist - wie es in der "Zeit" vornehmlich der Fall ist - für sorgfältig recherchierte Hintergrundartikel, Artikel die hinter aktuelle Phänomene blicken und die bloße Faktennachricht durch zusätzliches Wissen und zusätzliche Hintergründe erweitern. Auch der leider immer spärlicher stattfindende investigative Journalismus (der ganz deutlich von stimmungsmachender Suggestion zu unterscheiden ist) sollte finanziell unterstützt werden - die investigative Berichterstattung gehört zu den Grundaufgaben aufgeklärten Journalismus. Das ist Qualitätsjournalismus, der Geld wert ist. Alles andere kann man sich über das Internet einfach selbst aneignen.

  2. Der Deutsche ist ein Schnäppchen-Jäger, der nicht bezahlen will. Selbst bei Dingen, die ihn Tausende kosten können, wie z.B. Hausbau, Finanzprodukte, Autokauf etc., würde er nie für eine unabhängige Beratung bezahlen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Bei dieser Mentalität sehe ich schwarz für die Zeitungsbranche. Außerdem gibt es ja noch die öffentlich/rechtlichen Zwangsmonopolisten, die Gebührengelder nach Gutdünken verschleudern.

    • Dunham
    • 08. Dezember 2012 11:46 Uhr

    Alle sind online - nur die Zeitungen nicht. Warum sehe ich Spiegel, Zeit und Welt nicht auf meinem eBook-Reader? Alles ist bereitet...

    Dh

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    Lieber Dunham, DIE ZEIT können Sie wöchentlich auf Ihrem E-Reader lesen. Hier finden Sie eine Demoausgabe sowie weitere Infos https://premium.zeit.de/node/12369. Zudem bieten wir E-Books an www.zeit.de/ebooks und freuen uns immer über Kritik und Ideen an digitalabo@zeit.de. Mareike Birkhahn / Produktmanagement ZEIT ONLINE

  3. aber ich empfehle -nachdenken-

    Was gibt es ? Was passiert ?
    Es gibt Ballungsräume wie Schulhof und Campus und es wird gemeinsam (ist ja ganz wichtig) in eine (und hier meine ich auch nur die Anzahl) Zeitschrift gesehen.
    Nun sagt einem die Erfahrung das, hat man sich eine teure Zeitschrift gekauft, kann man Gemeinsamkeit schaffen, tut man das resoluter Weise nicht, hat sich's mit der Gemeinsamkeit auch schneller erldigt als man sich ein neus App ins Ohr drücken kann um die Einsamkeit der Ausgeschlossenheit zu lindern.
    Das ist doch virtuell nicht anders, nur unpersönlicher.
    Was macht wohl jemand der seine fb Freunde behalten möchte und eine 8 Megapixel-Kamera bedienen kann, die auch noch ein Telefon ist das kostenlos die Milliardenkonferenzschaltung ermöglicht <strong>und</strong> eine druckfrische Zeitschrift gekauft hat ?

  4. Und wie geht es bei Zeit Online weiter ?

    Was ist da geplant ?

    Über die Konkurenz zu berichten ist natürlich einfach. Aber über sich selbst ?

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