DIE ZEIT: Was war, was ist neu an dem jüngsten Krieg zwischen Israel und Gaza ?

Eva Illouz: Dieser Krieg löst bei mir ein beispielloses Déjà-vu-Gefühl aus. Er ist noch deprimierender als andere Kriege, weil er eine bloße Wiederholung der Vergangenheit und, schlimmer noch, der Zukunft zu sein scheint. Neunzig Prozent der Israelis waren für den Krieg. In der Tat kann es kein Land ertragen, angegriffen zu werden, ohne sich zu verteidigen. Und auch so viel ist wahr: Israel zog sich aus Gaza zurück, ohne dass anschließend Ruhe eingekehrt wäre. Hamas beschoss uns weiterhin, unterstützt und gedeckt vom Iran .

ZEIT: Deutet sich darin die Zukunft an?

Illouz: Dieser Krieg scheint ein kleines, leises Vorspiel zu einem möglichen größeren Konflikt mit dem Iran gewesen zu sein. Nur begann er nicht mit den Raketen, die auf Sderot niedergingen. Er wurzelt darin, dass die israelische Politik seit den 1980er Jahren konsequent Hamas ermutigt und die PLO schwächt, dem Gazastreifen harte Restriktionen auferlegt sowie das Völkerrecht und amerikanische Forderungen ignoriert, indem in den besetzten Gebieten immer weitere Siedlungen errichtet werden. Was, bitte schön, sollen die Palästinenser im Gegenzug denn tun? Ruhig dasitzen und höflich die israelische Herrschaft akzeptieren? Hamas ist eine unmögliche, vom Hass auf Israelis und Juden getriebene Organisation. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass sie auch eine Folge der törichten und oft kriegslustigen israelischen Politik ist.

ZEIT: Hat der Arabische Frühling die Rolle der israelischen Intellektuellen verändert?

Illouz: Wissen Sie, der Intellektuelle hat keine vorgeschriebene Rolle. Seine Aufgabe besteht darin, zu verstehen, was an einem Ereignis radikal neu ist. Ein Ereignis nötigt uns zunächst dazu, dass wir es überhaupt verstehen, und diese Nötigung ist stärker, als wenn wir nur ethisch Position beziehen. Unsere ethischen Positionen sind zwangsläufig durch unsere Überzeugungen und Werte bedingt, durch jene Prozession von Wörtern, die im Siegestaumel tanzen oder hinter einem Leichenwagen herlaufen, Wörtern wie »Demokratie« oder »Dschihad«, »Freiheit« oder »Muslimbrüder«.

ZEIT: Kommen einem eigene ethische Reflexe in die Quere, wenn man versucht, Neues zu verstehen?

Illouz: Ja, die Intellektuellen, ob israelisch oder nicht, mich eingeschlossen, haben sich bemerkenswert unfähig gezeigt, zu verstehen, was am Arabischen Frühling neu war; sie haben nicht verstanden, dass es sich um ein Ereignis handelte, das nicht mit der Französischen oder der amerikanischen Revolution zu vergleichen war.

ZEIT: Und was ist also neu?

Illouz: Der Arabische Frühling hat die Grundkategorien unseres Denkens zur Disposition gestellt, denen zufolge »sie«, die Araber, Antidemokraten, »wir« hingegen ein Ausbund an Demokratie sind. Mit der Radikalisierung der israelischen Rechten, mit dem Umstand, dass die Forderungen breiter Bevölkerungskreise von den Politikern ignoriert, ja verhöhnt wurden, mit der Etablierung eines mächtigen oligarchischen Regimes in Israel, in dem sehr wenige Familien einen sehr großen Teil der Wirtschaft kontrollieren, mit der Einschüchterung von Vertretern der Linken durch brutale rechte Gruppen ist es deutlich schwieriger geworden, einen solchen absoluten Gegensatz zwischen ihnen und uns zu behaupten. Der Arabische Frühling bezeichnet einen Moment, in dem alle bisherigen politischen Kategorien zusammenbrachen – obwohl sie rasch wiederhergestellt wurden, als die Muslimbruderschaft in Ägypten eine stark an der Scharia orientierte Verfassung anstrebte.

ZEIT: Sie sind eine kosmopolitische Soziologin und leben in Jerusalem – was bedeutet das für Sie in der aktuellen politischen Krise in Nahost ?

Illouz: Diogenes, der kynische Philosoph, soll auf die Frage, woher er stamme, geantwortet haben, er sei ein Weltbürger, ein kosmopolites . Der Kommentar dazu lautete, auf diese Weise habe sich Diogenes womöglich seinen Pflichten als Bürger Sinopes entziehen können. Wenn diese Anekdote stimmt, dann verdeutlicht sie sehr schön eines der Probleme des Kosmopolitismus. Er kann gerade für Angehörige der »reisenden Klasse« wie mich ein Vorwand sein, um sich ihrer Pflicht als Bürger zu entziehen, ihrer Pflicht, an ihrer Gemeinschaft teilzuhaben und sie mitzugestalten. Ich glaube, dass man am besten auf sein eigenes Umfeld einwirken kann und nicht auf die Welt als solche.