RothaarsteigAuf kurze Sicht

Nebelwandern, das klingt romantisch und absurd zugleich. Was man erlebt, wenn man die Hand vor Augen kaum erkennt: Ein Ausflug ins Rothaargebirge. von Sandra Danicke

Nebelwandern im Rothaargebirge: Bei dieser Vorstellung sah ich mich traumverloren durch verwunschene Landschaften streifen oder wie Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer in gravitätisch verschleierter Umgebung tiefschürfenden Gedanken nachhängen. Und dann kam der Busfahrer. Als ich in Bad Berleburg aussteige, einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen, bringt er meine Hoffnungen mit einer schlichten Bemerkung ins Wanken: »Bei dem Nebel sieht man doch gar nichts.«

Da ist was dran. Normalerweise wandert man wegen der Aussicht. Ist Wandern im Nebel nicht, als erlebe man die Schönheit der Natur durch beschlagene Brillengläser?

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Unser Ausgangspunkt liegt auf 700 Meter Höhe im südwestlichen Teil des Gebirges. Hier verläuft der 154 Kilometer lange Rothaarsteig, der im Sommer zu Deutschlands beliebtesten Wanderrouten gehört. Jetzt im Winter, wenn die Nebelwahrscheinlichkeit besonders hoch ist, trifft man kaum jemanden. Doch Heidi Dickel will das ändern. Auf dem Wanderparkplatz Kühhude steht die freiberufliche Wanderführerin und klatscht aufmunternd in ihre Handschuh-Hände. Jedes Wetter sei doch auf seine Weise schön, sagt sie. Deshalb habe sie verschiedene Themenwanderungen ins Leben gerufen, um die Leute ins Freie zu locken – zum Beispiel Wanderungen im Sturm oder bei Nebel.

Als wir losgehen, ist die Luft so weiß wie in der Dampfsauna. Mir wird auf einmal mulmig zumute. Ich muss an zahllose Gruselfilme denken, die alle im Nebel spielen. Und was, wenn wir die Orientierung verlieren? Heidi Dickel scheint das nicht zu kümmern. »Herrlich!«, ruft sie und marschiert beherzt drauflos Richtung Süden.

Sofort sind wir mittendrin. Doch es fühlt sich gar nicht so an. Jedenfalls nicht so, als stünde man in einer Suppe aus schweren Schwaden. Es wirkt eher, als habe ein riesiger Jemand in eine gigantische Puderdose geblasen. Der Nebel, der uns umgibt, ist ein kühler Hauch, so zart, dass man sein milchiges Leuchten immer erst in einigen Metern Entfernung wahrnimmt. Und im Grunde ist das weiche Wabern ringsum ja nichts weiter als eine Ansammlung schwebender Wassertröpfchen – nicht viel anders als eine harmlose Wolke mit Bodenkontakt.

»Wenn eine Gegend sich in Nebel hüllt, erscheint sie größer, erhabener und erhöht die Einbildungskraft (...); gleich einem verschleierten Mädchen...«, bemerkte Caspar David Friedrich vor knapp 200 Jahren. Und hatte recht: Ohne Farbenpracht und Horizont kommt mir jeder Zweig plötzlich staunenswert vor. Die Reduktion der Reize lenkt den Blick auf Details wie silbrig schimmerndes Moos oder gefrorene Spinnweben, die wie Lametta von den Nadelbäumen hängen.

Überall ist Raureif. Komplexe Strukturen aus Eiskristallen überziehen die Landschaft mit einer matt glitzernden Schicht, die selbst ein paar vertrocknete Stängel wie feinstes Zuckerwerk aussehen lässt. Immer wieder gehen wir am Wegesrand in die Hocke und starren entzückt auf ein Büschel Grashalme, das in Kunst verwandelt wurde. Nebel und Raureif sind eng verwandt: Wenn hohe Luftfeuchtigkeit auf eine Temperatur von minus acht Grad oder kälter trifft, gefriert der Nebel auf Boden und Bäumen zu Raureif.

Nicht nur Details, auch Geräusche nehmen wir heute viel stärker wahr. Wer weniger sieht, konzentriert sich stärker auf die Akustik: das leise Knistern, wenn der Wind ganz in der Nähe winzige Eiskrümel von den Pflanzen rieseln lässt; das Knirschen und Rascheln, wenn wir auf splitternde Eispfützen und steif gefrorenes Laub treten.

Man ist dann regelrecht erschrocken, als irgendwann eine riesige Skulptur aus dem Dunst auftaucht: Plötzlich steht da ein Felsquader, gerahmt von einer monumentalen Baumstamm-Architektur, die den doppeldeutigen Titel »Stein-Zeit-Mensch« trägt. »Hier verläuft ein Teil des WaldSkulpturenWegs Wittgenstein-Sauerland«, erklärt Heidi Dickel, doch meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Genauso bei den nächsten Skulpturen – ein tonnenschweres Stahlkunstwerk, das einen ehemaligen Grenzkonflikt zwischen den Regionen Sauerland und Wittgenstein symbolisieren soll, und der riesige Umriss eines Falken. Solche künstlich geschaffenen, wuchtigen Manifestationen von Erhabenheit kommen mir im Moment ziemlich überflüssig vor. Viel majestätischer wirken doch die gewaltigen Fichten, deren Konturen wie düster dräuende Schatten aus dem sphärisch leuchtenden Nebelweiß hervortreten.

Wir kommen näher und bemerken ein seltsames Phänomen: Sobald man den Kulminationsort des Nebels erreicht zu haben glaubt, ist er entschwunden wie eine Fata Morgana.

Information

Geführte Nebelwanderungen auf dem Rothaarsteig jeden Freitag 10–13 Uhr.

4 Euro pro Person, Anmeldung bei Heidi Dickel, Tel. 0171/8109731

Wäre jetzt Frühling, würden wir wohl auf den Kahlen Asten hinaufmarschieren, einen Berg, den man wegen seiner Messstation vornehmlich aus dem Wetterbericht kennt. Von dort aus könnten wir das Landschaftspanorama eines prächtigen Naturschutzgebietes genießen. So aber machen wir einen Abstecher zu einer Hängebrücke. Sie liegt im Quellgebiet des Hochgelmker Siepens, einem Bachtal, durch das jetzt nur ein spärliches Rinnsal plätschert. Zögerlich betrete ich die schwankenden Bretter. Das sanfte Schaukeln verstärkt den Effekt leichter Trunkenheit, der sich einstellt, wenn man längere Zeit stur nach vorne geschaut hat.

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