NiederlandeUrlaub unter Schafen

Auf der niederländischen Insel Texel kann man Schafskäse essen, auf Lämmertour gehen – und seit Neuestem in Wolle baden. von 

Abstehende Ohren, gedrungener Körper: 14.000 Schafe leben auf Texel.

Abstehende Ohren, gedrungener Körper: 14.000 Schafe leben auf Texel.  |  CC BY 2.0: rs-foto/Flickr

Die junge Mutter döste auf einer Wiese und ließ sich nicht stören. Nicht von den Halmen im Fell, nicht vom Regen, der ihr auf den Rücken nieselte, nicht vom Novemberwind. Nordsee muss schön sein, wenn man säckeweise Wolle am Körper trägt, dachte ich.

Ein paar Stunden später werde ich selbst zum Schaf. Zumindest optisch. Marianne Langeveld erwartet mich in einer Blockhütte neben ihrem Hotel in De Cocksdorp und schließt die Jalousien: Das Outfit, das sie mir anlegen will, ist nicht für fremde Augen gedacht. »Woolness«, Woll-Wellness, nennt sie ihr Angebot, das gut zur niederländischen Ferieninsel Texel passt: 14.000 Schafe leben hier, etwa ebenso viele wie Menschen – da wird auch das Vieh für den Tourismus eingespannt. Es gibt eine Themenroute, Hofläden mit Schafsprodukten. Und neuerdings eben Woolness.

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In Unterwäsche stehe ich jetzt vor Marianne Langeveld. Die holt etliche Lagen Wolle aus einem Schrank und wickelt sie mir um Arme, Beine und Hüften. Bald bin ich mollig wie ein Michelinmännchen, eingemummelt in die Rückenwolle zweier Schafe. »Die ist besonders weich«, sagt Langeveld. Sie ist außerdem ungewaschen, denn beim Reinigen verlöre sie das Wollfett, und das soll schließlich meine Haut pflegen. Doch beklagen kann ich mich nicht: Langeveld hat Zweige und Käfer aus den Lagen gezupft, und sie riechen nur schwach, ein wenig nach Butter, ein wenig nach Sofadecke. Allenfalls kratzen sie am Dekolleté.

Kullert ein Tier auf den Rücken, soll man es umdrehen

Langeveld bettet mich in eine der Holzliegen, die Futterkrippen nachempfunden sind, schmal und mit hohem Rand. Sie packt meine Füße und massiert sie zum Aufwärmen mit Wollfettcreme. Dann soll ich ruhen. Das trifft sich gut: Viel kann man eh nicht machen, wenn man das Rohmaterial etlicher Pullover am Körper trägt.

Von klein auf sei sie an Schafe gewöhnt, erzählt Marianne Langeveld mir unterdessen. »Mein Vater hat sie gezüchtet. Durch ihn bin ich auch auf die Woolness gekommen: Er hat jede Saison Hunderte Schafe geschoren, und seine Hände waren vom Wollfett immer so zart wie Säuglingswangen.« Sie selbst hat Tourismus studiert und eine Ausbildung zur Masseurin gemacht, doch so ganz kann auch sie von Schafen nicht lassen. Sie hält einen jungen Bock, der beim Nachbarn auf der Wiese wohnt. »Die Tiere sind toll, sie ruhen einfach in sich. Sie freuen sich, wenn man sie besucht, sind aber auch mit sich selbst zufrieden. Das musst du als Mensch erst mal hinkriegen.«

Nach der Behandlung fühlt sich meine Haut zart an und etwas fettig, aber nicht schmierig. Gut aufgewärmt, will ich schauen, was die Texeler Schafe noch zu bieten haben. Mit dem Fahrrad erkunde ich die »Lämmer-Route«, die durch das wichtigste Schafzuchtgebiet im Südosten der Insel führt. Ringsum erstreckt sich eine sattgrüne Weite. Wiesen und Felder bis zum Horizont. Viehweiden, von kleinen Wällen umrahmt. Nur da und dort ducken sich Bauernkaten unter herbstbunten Bäumen. Es riecht nach Meer und einer Prise Heu. Ich zuckle über den Deich, vorbei an Dünen, auf denen Gräsern zittern, und zartgelben Stränden. Rechts und links des Weges beäugt mich allerlei Publikum: Junge Schafe strecken die Köpfe übers Gatter. Ältere schauen von ihrem Grasmahl auf. Ihre Schnauzenspitzen sehen aus wie in schwarze Tinte getunkt, die Augen wie mit Kajal umrahmt. Ansonsten sind Texel-Schafe nicht gerade die Grazien unter den Paarhufern: Die Ohren stehen weit vom Kopf ab, der Körper ist gedrungen, der Hintern breit. Wenigstens wirken sie alle recht standfest, denke ich und bin erleichtert, dass ich wohl keine Erste-Hilfe-Maßnahmen ausprobieren muss: Kullert ein Schaf nämlich auf den Rücken, soll man ihm beim Umdrehen assistieren, bittet das Fremdenverkehrsamt auf seiner Homepage. Alleine kommen die Tiere oft nicht mehr hoch, wenn die Wolle schwer vom Regen ist.

Im Örtchen De Waal halte ich am Kulturhistorischen Museum. Ich will herausfinden, warum Texel zur Schafsinsel wurde. Die Antwort ist schlicht: Schafe waren lange Zeit die einzigen Tiere, die es hier aushielten. Das Gras war zu dürr für Kühe. Erst seit die Bauern ihre Weiden düngen, werden hier auch Rinder satt. Doch noch immer sind Schafe beliebter bei der Bevölkerung – weil sie das Deichgras kurz halten und nicht mal im Winter einen Stall brauchen.

Das Kulturhistorische Museum räumt dem Texel-Schaf daher auch mehr Platz ein als allen anderen Themen: Die Tiere stehen ausgestopft herum und blicken von verblichenen Fotos. Man erfährt, dass die Inselkinder sich früher statt eines Ponys gerne mal ein Schaf vor ihren Karren spannten. Dass auf den Marktplätzen riesige Wollwaagen standen. Und dass Schafe das Rückgrat der Inselwirtschaft bildeten. »An Schafen kann man sich ein Beispiel nehmen«, schwärmt auch die ältere Dame in Trachtenbluse, die im Museum arbeitet. »Sie sind sehr fürsorgliche Mütter. Sie nähren ihre Kinder, pflegen sie, lehren sie, sich in der Gruppe zu benehmen. Und das schaffen die alles ohne Männer!«

Anton Witte schätzt Schafe vor allem ihrer Milch wegen. Auf seinem Gehöft im Süden der Insel steht er an der Theke seines Hofladens. Hinter ihm stapeln sich dottergelbe Laibe. »Unser Käse ist mehr als nur ein Brotbelag. Er ist ein Stück Geschichte«, sagt er und rollt einen Texelse Schapenkaas vom Regal.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.

Bitte klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Vor 150 Jahren, erzählt Witte, sei dieser Käse in ganz Europa begehrt gewesen. Besonders die würzige grüne Variante, in die eine Prise Schafsdung gemischt war. Doch dann wandelten sich die Geschmäcker: »Die Leute kauften immer nur jungen Gouda, Schafskäse schmeckte ihnen zu streng.« Seit ein paar Jahren aber sind wieder Produkte mit Charakter gefragt – also auch der Schapenkaas: »Gerade deutsche Urlauber sind kulinarisch offen und probieren auch mal was Ungewöhnliches.« Der Kot im Kaas ist inzwischen allerdings aus Hygienegründen verboten. Statt des grünen Traditionsprodukts reicht mir Witte einen gelbrot schimmernden Hartkäse. Auf den ersten Biss bröckelt er, dann zerschmilzt er auf der Zunge, würzig und mit hauchfeiner Schafsmilchnote.

»Ein Schaf merkt sich Gesichter. Es erkennt Sie noch nach Wochen«

Ein paar Höfe weiter nördlich bietet Kasper van Zuilekom seinen Gästen ein anderes Schafsprodukt an: Lammfrikadellen. »Mit Wolle kann man heute als Züchter nicht mehr genug Geld verdienen«, sagt er, »die Zukunft ist das Fleisch.« Vor allem das Filet der Texel-Schafe sei weltberühmt. Die Königin lasse es auf Staatsbanketten servieren, Gourmetköche liebten es, genauso wie figurbewusste Büromenschen, denn es habe keinen Fettrand. »Das Fleisch ist für seine leicht salzige Note bekannt«, sagt van Zuilekom. »Das kommt von den würzigen Nordseekräutern auf den Weiden.«

Woolness

Das Wollbad ist buchbar für 49,90 bis 59,90 Euro über das Hotel Texel, Postweg 134, 1795 JS De Cocksdorp, Tel. 0031-222/311237

Schafskäse und -alltag

Kaasboerderij Wezenspyk, Hoornderweg 29, 1791 PM Den Burg, Tel. 0031-222/315090.

Die Arbeit mit Schafen zeigt die Familie van Zuilekom, Stuifweg 70, 1794 HC Oosterend, Tel. 0031-222/311628, www.kleinzeeland.nl

Schafshistorie und Lämmer-Radtour

Das Cultuurhistorisch Museum Texel, Hogereind 6, 1793 AG De Waal, Tel. 0031-222/312951, ist geöffnet Di–Sa 10–17 Uhr, So 13.30–17 Uhr.

Die Broschüre gibt es für 2,50 Euro beim VVV Texel, Emmalaan 66, 1791 AV Den Burg, Tel. 0031-222/314741

Sechs bis neun Monate dürfen die Lämmer dort grasen, bevor sie auf die Schlachtbank kommen. Das Hüten übernimmt van Zuilekoms Gehilfe: Ein Pfiff, und ein schwarz-weißer Bordercollie trabt mit flatternden Ohren herbei. Dieser Rasse liege das Hüten in den Genen, sagt van Zuilekom. Er habe den Hund von einer Familie geschenkt bekommen: »Dort hat er von früh bis spät die Kinder zusammengetrieben. Die konnten immer nur im Wohnzimmer sitzen – sobald eines den Raum verlassen wollte, hat er es an der Hose zurückgezerrt.« Auf dem Schäferhof dagegen ist der Hund ein nützlicher Mitarbeiter. »Der macht nie Ferien, will keinen Lohn, arbeitet für nicht mehr als ein Schulterklopfen.«

Auch jetzt sprintet der Bordercollie los, sobald wir auf der Weide angelangt sind. Er rast hin und her, umkreist dort ein Tier, zupft da am Fell. Normalerweise kämen die Schafe auch von alleine angetrottet, erzählt van Zuilekom – aber nie, wenn er etwas von ihnen wolle. Klauen schneiden zum Beispiel, so wie jetzt. »Die spüren das, die sind raffiniert.«

Als alle in einem winzigen Gatter vereint sind, zückt van Zuilekom die Klauenschere. Die Tiere wirken nicht gerade begeistert. Ich überlege, ob ich ihm bei der Schafspediküre assistieren soll. Doch ich will es mir nicht mit den Damen verderben: »Ein Schaf merkt sich Gesichter«, sagt der Schäfer: »Es erkennt Sie noch nach Wochen.«

Das fiele mir umgekehrt schwer. So gesehen ist »Du Schaf!« eigentlich ein Kompliment.

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