An einem Novembertag stiegen die ehrenwerten Richter Kaviri Kahindu, Lionel Ngondi und Guy Kidi in Shabunda aus einem Hubschrauber. Richter Kidi mit zitternden Knien, weil er nicht gern fliegt, schon gar nicht in den weißen Helikoptern der UN , "in denen es immer wackelt".

Shabunda ist eine Ansammlung von Hütten und kleinen Häusern mitten im Busch der kongolesischen Provinz Südkivu mit geschätzten 30.000 Einwohnern, einem Krankenhaus, zu vielen Kirchen, zu wenigen Schulen und einigen anonymen Massengräbern aus den Kriegen der neunziger Jahre. Die Menschen hier sind Flugzeuge und Hubschrauber gewöhnt. Die staubige Landepiste ist die wichtigste Verbindung zur Außenwelt, Shabundas Bewohner werden aus der Luft mit Reis, Medikamenten, Benzin, Bier und Weiterem versorgt, was sie nicht ernten, jagen oder fischen können. Aber ein Gericht, ein echtes vom Staat geschicktes Gericht, haben sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Zehn Tage will das Tribunal de Grande Instance bleiben und Recht sprechen. Ein Ereignis.

Also haben die Leute von Shabunda aus einer riesigen Zeltplane und Holzstangen ein Sonnendach gebaut, haben Tische und Stühle für Richter, Staatsanwalt und Schreiber sowie Bänke für die Zuschauer aufgestellt. Die Menschen strömen in Massen herbei. Ein kleiner Generator wummert ununterbrochen und spendet Strom für Lautsprecherboxen und ein Mikrofon, damit man selbst in den hintersten Reihen mitbekommt, was gerade verhandelt wird. An diesem Vormittag geht es um die Strafsache RP 019, Kakwa Anyassi, 20 Jahre alt, wohnhaft in Shabunda, wird beschuldigt, eine Neunjährige vergewaltigt zu haben. Anyassi bestreitet die Tat, doch das Mädchen hat ihn als Täter identifiziert, Ärzte von Médecins Sans Frontières haben eine Vergewaltigung attestiert. Es sieht schlecht aus für den Angeklagten.

Fünf bis zwanzig Jahre Haft sowie ein Bußgeld von umgerechnet mindestens 1.000 Dollar sieht das Strafgesetzbuch für Vergewaltigung vor. Einsitzen in einem kongolesischen Gefängnis, das kann einem Todesurteil gleichkommen, vollstreckt durch Malaria, Tuberkulose oder Unterernährung. Kakwa Anyassi steht regungslos und stumm vor dem Richtertisch, barfuß, in Jeans und T-Shirt. So bleibt er die nächsten drei Stunden stehen. Für die Angeklagten haben die Bewohner von Shabunda keinen Stuhl besorgt.

Les chambres foraines, die "fahrenden Gerichte", gab es schon zu Zeiten des Diktators Mobutu Sese Seko , als die Demokratische Republik Kongo noch Zaire hieß. Ende der neunziger Jahre brach das riesige Land nach Jahrzehnten der Misswirtschaft und zwei verheerenden Kriege völlig in sich zusammen – und mit ihm der Justizsektor. Seit drei Jahren gehen die chambres foraines wieder auf Tour. Ihre Arbeit finanziert nicht der kongolesische Staat, sondern das Open Society Institute des Milliardärs George Soros. Die American Bar Association (ABA), der Berufsverband amerikanischer Anwälte und Richter, leistet Ausbildungshilfe für die kongolesischen Kollegen. Soros’ Stiftung und die ABA stellen eine Bedingung: Die fahrenden Gerichte müssen vor allem Sexualverbrechen ahnden. Vergewaltigung ist im Kongo eine Kriegswaffe und längst auch eine alltägliche Straftat, begangen von Zivilisten. Polizei oder Gerichte hatten die Täter bislang nicht zu fürchten. Allenfalls das traditionelle Recht, wonach die Familie des Opfers mit einer Ziege oder etwas Geld zu entschädigen ist. "Das ändern wir jetzt", sagt Richter Kidi. Bloß läuft dem Gericht von Shabunda die Zeit davon.

Seit April ist im Osten Kongos ein neuer Aufstand im Gang. Vor wenigen Tagen haben die Rebellen Goma , die Hauptstadt der Provinz Nordkivu, eingenommen. Jetzt marschieren sie Richtung Südkivu. Der Staat, in dessen Namen die fahrenden Richter ein wenig Recht und Ordnung schaffen wollen, bricht einige Kilometer weiter wieder zusammen.

Der Fall RP 019 ist nach zwei Verfahren wegen schweren Diebstahls die dritte Strafsache an diesem Tag, doch zum Leidwesen der Richter macht Verteidiger Maître Serge Masika keine Anzeichen, sich kurz zu fassen. Kampflustig läuft er mit ausholenden Gesten im schwarzen Talar auf und ab. "Beweise, Herr Vorsitzender! Wo sind die Beweise?" Der medizinische Bericht, mit dem er sich in der schwülen Hitze Luft zufächert, sei auf einen Tag vor der Tatzeit datiert. Die Ärzte attestierten dem Mädchen darin ein zerrissenes Jungfernhäutchen, aber keine weiteren Spuren von Gewalteinwirkung. Das Opfer habe in seinen ersten Aussagen den Namen des Angeklagten nie erwähnt. "Wir haben es hier vermutlich mit einem Fall von Inzest mit Minderjährigen zu tun", ruft Maître Miseka. Nun schiebe man die Tat seinem Mandanten in die Schuhe, dessen Familie sich seit Langem im Landstreit mit den Angehörigen des Opfers befinde. Zustimmendes Murmeln im Publikum. "Die Mutter des Mädchens will doch nur abkassieren", sagt ein Zuschauer. Der Staatsanwalt, ein Mann, dessen dröhnende Bassstimme auch ohne Mikrofon weit trägt, erhebt Einspruch, die Anwälte der Klägerseite schnalzen protestierend mit der Zunge. Auf Einspruch folgt Erwiderung, auf Erwiderung folgt Einspruch, das Mikrofon wandert jetzt von einer Hand zur nächsten, die Stimmen werden lauter. Nur Richter Kidi liest ungerührt Textnachrichten auf seinem Smartphone. Einer muss sich ja über den Vormarsch der Rebellen informieren.

 "In diesem Land sind ein Haufen Leute nicht mehr bei Sinnen"

Die Schuld von Kakwa Anyassi scheint nach drei Stunden Anhörung nicht mehr ganz so klar nachweisbar zu sein. Er darf sich setzen, das Urteil wird erst am letzten Tag des fahrenden Gerichts in Shabunda gesprochen werden. Der Gerichtsschreiber notiert mit einem Kugelschreiber, tief über den Tisch gebeugt, die Aussagen auf losen Blättern – in winzig kleiner Schrift, um kein Papier zu verschwenden. "Kalehe?", raunt drei Stühle weiter Richter Ngondi. " Die Rebellen sind wirklich schon in Kalehe? " Kalehe ist nicht weit von Bukavu, der Provinzhauptstadt. Wenn die Aufständischen dort den Flughafen unter ihre Kontrolle bringen, sitzen Richter und Anwälte in Shabunda fest, wo die Sicherheitslage ebenfalls prekär ist. Eine andere bewaffnete Gruppe mit dem klangvollen Namen Raia Mutomboki attackiert im Umland die Armee. Richter Kidi ist kurz versucht, der Reporterin das verworrene Geflecht kongolesischer Milizen, Rebellen und Armeefraktionen zu erklären, bricht dann aber ab. "Sagen wir einfach so: In diesem Land sind ein Haufen Leute nicht mehr bei Sinnen." Der Vorsitzende tippt mit dem Zeigefinger auf die Uhr. Nächster Fall, bitte. Die Zeit läuft.

Die chambres foraines gibt es auch in Uniform. Drei Militärrichter brachten im Februar 2011 die fahrenden Gerichte erstmals über den Kongo hinaus in die Schlagzeilen mit einem Fall, den heute jeder in Südkivu unter dem Stichwort "Le dossier Kibibi" kennt.

Oberstleutnant Mutuare Daniel Kibibi war Befehlshaber einer Einheit der kongolesischen Armee in Fizi, im Südosten der Provinz. Nach einer Schlägerei mit Bewohnern, bei dem einer seiner Soldaten zu Tode kam, gab Kibibi seiner Truppe Order, der Zivilbevölkerung "eine Lehre zu erteilen" . Zwölf Stunden lang zogen die Soldaten von Haus zu Haus, plünderten, prügelten und vergewaltigten über 100 Frauen – oft vor den Augen derer Kinder und Ehemänner.

Niemand, weder die Opfer noch die Täter, rechnete damit, dass nur sieben Wochen später ein fahrendes Militärgericht in die Stadt kommen, dort wie in Shabunda ein Zelt aufbauen und den Oberstleutnant sowie zehn weitere Offiziere anklagen würde. 49 Frauen hatten den Mut, öffentlich auszusagen – wohl wissend, dass das Gericht bald wieder abreisen, Kibibis Einheit aber bleiben würde. Kibibi und drei seiner Offiziere wurden zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Mehr als 300 Strafprozesse haben die fahrenden Gerichte seit 2009 in den beiden Kivu-Provinzen durchgeführt, in über 200 Fällen verhängten die Richter Schuldspruch und Gefängnisstrafe. Für Mord, Diebstahl oder Körperverletzung, in den meisten Fällen aber für Vergewaltigung. Ob daraus schon eine abschreckende Wirkung entsteht, mag man bezweifeln. Aus den umkämpften Gebieten weiter nördlich kommen Meldungen von neuen Vergewaltigungen Aber Straflosigkeit ist den Tätern nicht mehr sicher.

Maître Misekas große Gegenspielerin vor Gericht ist eine Frau: Nadine Sayiba, 31, vierfache Mutter, kompakt gebaut, kräftig bei Stimme, ist Ermittlerin und Anwältin der Klägerinnen in einer Person. Lange vor den Prozessen filtert sie die Berichte lokaler Menschenrechtsgruppen, sondiert, wo Vergewaltigungsopfer zu einer Aussage bereit sind, fährt zu Tatorten und Zeugen. Bei kongolesischen Straßenverhältnissen kann das bedeuten, für 70 Kilometer zwei Tage auf der Hinterbank eines Geländewagens zu verbringen. Dass Angeklagte besonders in Militärprozessen sie manchmal anstarren und mit dem Daumen über die Kehle fahren, bremst ihren Elan ebenso wenig wie die offensichtlich wackelige Beweislage im Prozess gegen Kakwa Anyassi. "Was sollen wir denn machen? Es gibt halt keine Kriminallabore, keine DNA-Tests, keine Fingerabdrücke", sagt sie. "Und keine Polizisten, die wüssten, wie man so etwas macht. Schon gar nicht draußen auf dem Land."

Die Urteile werden im Akkord verkündet

Um kurz vor fünf Uhr beenden die Richter den Sitzungstag. Die Angeklagten werden zurück in eine winzige Arrestzelle geführt, die Klägerinnen der Vergewaltigungsprozesse, die den ganzen Tag außer Sichtweite in einem Nebengebäude untergebracht waren, zu einer Schlafunterkunft. Nachts sind drei Detonationen unweit von der Stadt zu hören. Die Leute in Shabunda rätseln, wer da Mörsergranaten oder Ähnliches abgefeuert haben könnte. Die Armee? Raia Mutomboki? Die Rebellen von M23 oder von der FDLR?

Nun steckt man doch mittendrin im Wirrwarr kongolesischer Kriegsparteien. Hinter der FDLR verbirgt sich die Nachfolgetruppe jener Hutu-Milizen, die 1994 den Völkermord an 800.000 Tutsi in Ruanda verübten, dann in den Ostkongo flohen, dort neue Stützpunkte errichteten, was jene beiden verheerenden Kriege in den neunziger Jahren nach sich zog. M23, Auslöser der jüngsten Rebellion , steht für Kombattanten kongolesischer Tutsi, die ihrer Bevölkerungsgruppe militärischen Schutz bieten und gleichzeitig mit mehr oder weniger offener Unterstützung Ruandas im Ostkongo eine Pufferzone halten. Zum Schutz des Nachbarlandes und um den Zugriff auf Rohstoffe zu garantieren. Kongos Armee wiederum ist auch zehn Jahre nach dem offiziellen Kriegsende kein funktionierendes Militär, sondern ein großes, immer noch erbärmlich unterversorgtes Auffanglager für demobilisierte Rebellen.

Bleibt noch Raia Mutomboki – zu Deutsch: "Das Volk erhebt sich" –, ein Zusammenschluss bewaffneter Gruppen in der Tradition kongolesischer Bürgerwehren nach dem Motto: Wenn der Staat uns nicht hilft, helfen wir uns selbst. Nur bleibt es eben nie bei der Selbstverteidigung. Wer Waffen hat, kann Zwangssteuern abpressen, Gold- oder Zinnminen kontrollieren und sich anderen als Koalitions- und Verhandlungspartner anbieten – oder ein paar Offiziersposten in der Armee einfordern.

Von ihrem Schmerzensgeld werden sie wohl nie einen Cent sehen

Das ist in sehr groben Zügen der kongolesische Teufelskreis, der am nächsten Morgen auch das fahrende Gericht nervös macht. Sayiba, Miseka und die Richter beschließen, ihr Gastspiel um zehn Uhr abzubrechen, die Urteile zu verkünden und sich samt den Verurteilten nach Bukavu abzusetzen.

"Wir werden ein Flugzeug chartern", sagt Maître Sayiba in der ihr eigenen Bestimmtheit, obwohl es im Kongo unmöglich ist, innerhalb weniger Stunden ein Flugzeug zu chartern. Mal abgesehen davon, dass in Shabunda gerade keines auf dem Flughafen steht.

Die meisten Urteile haben die Richter schon über Nacht geschrieben, jetzt werden sie im Akkord verkündet: Drei junge Kerle müssen wegen Diebstahls für zwei, beziehungsweise drei Jahre ins Gefängnis. Ein weiterer Angeklagter erhält zehn Jahre wegen Vergewaltigung, Kakwa Anyassi wird zu sieben Jahren und 2.000 Dollar verurteilt. Dem Pflichtverteidiger bleibt nichts weiter, als seinem Mandanten tröstend auf die Schulter zu klopfen. Maître Sayiba geht zu den Opfern und ihren Angehörigen, verkündet Erfolg auf ganzer Linie – und dass sie von dem Schmerzensgeld wohl nie einen Cent sehen werden. Die Verurteilten sind genauso bitterarm wie die Klägerinnen. Eine Stunde später ist alles gepackt und das fahrende Gericht marschiert zur Start- und Landepiste von Shabunda. Kein Flugzeug zu sehen. Maître Sayiba telefoniert zeitweise an zwei Telefonen, die Richter wischen sich in der Hitze den Schweiß von der Stirn, Polizisten halten die Gefangenen am Gürtel fest.

Dann taucht am Himmel ein Propellerflugzeug auf. Die Polizisten vertreiben mit Trillerpfeifen die Fußgänger von der Landepiste, bevor die Antonow aufsetzt. Mit einem Plopp geht die Ladeluke auf, Frachtstücke purzeln heraus, neue werden eingeladen, Polizisten schubsen die verdatterten Verurteilten unsanft zwischen Säcke und Kisten. Richter, Staatsanwalt und Anwälte quetschen sich auf kleine Sitze. Obwohl die Maschine bereits überladen ist, drängen weitere Passagiere nach. Der russische Pilot baut sich vor der Luke auf, eine kleine Schlägerei bricht aus. Der Russe gewinnt, die überzähligen Passagiere fallen heraus, die Luke schließt, aus dem Cockpit ertönt ein lautes "Dawai! Dawai!", und plötzlich ist der Vogel in der Luft. Richter Kidi bekreuzigt sich dreimal, dann bricht mit einem lauten Knirschen die Rückenlehne von Maître Nadine Sayiba ab. "Ich kündige diesen Job", brüllt sie. Um dann triumphierend zu verkünden: "Das ist heute schon der zweite Flug. Mit dem ersten haben wir die Klägerinnen und ihre Familien nach Bukavu in Sicherheit gebracht."

Die Verurteilten sitzen still auf der Fracht, Anyassi starrt gebannt aus dem Fenster. Er ist noch nie geflogen. Schließlich rumpelt die Antonow über die Landebahn von Bukavu. Die Häftlinge werden per Bus ins Zentralgefängnis verfrachtet. "Wenn er Glück hat", sagt Richter Kidi, "marschiert M23 in ein paar Tagen ein, und mitten im Chaos macht irgendeiner das Gefängnis auf." Aber M23 marschiert vorerst nicht bis Bukavu, die Rebellion setzt sich im Norden fest . Und die Verurteilten von Shabunda bleiben bis auf Weiteres in Haft.