Neues Techno-AlbumDer Facharbeiter

Techno ist tot, sagt Paul Kalkbrenner, es lebe Techno! Denn heute zählt die Musik – und nicht der Diskurs darüber. von 

Früher waren es 142 Gigs pro Jahr, heute sind es nur noch 50.

Früher waren es 142 Gigs pro Jahr, heute sind es nur noch 50.  |  © Paul Kalkbrenner Musik

Selbst aus großer Höhe wird der Alexanderplatz keine Schönheit mehr. Blickt man vom fünfzehnten Stock auf Berlins Mitte herunter, lösen sich die Unterschiede zwischen den Resten realsozialistischer Schaufensterarchitektur und neuesten Bausünden in Luft auf – wenn auch nicht in Wohlgefallen. Paul Kalkbrenner ist das einerlei, er hat Wichtigeres zu tun. »Techno ist tausend Mal totgesagt worden«, sagt er, »und doch weltweit populär.«

Der Mann weiß, wovon er spricht. Am Morgen desselben neblig verhangenen Novembertags, an dem wir uns in seinem Büro gegenübersitzen, ist er aus den USA zurückgekehrt, wo er acht Auftritte innerhalb von elf Tagen absolviert hat. Selbst dort, wo sonst Rock und R’n’B regieren, steht die elektronische Musik mittlerweile hoch im Kurs. Kalkbrenner ist müde, aber während er in einem grauen Sofa versinkt, muss er noch über sein neues Album Guten Tag sprechen, auf dem Techno tatsächlich sehr lebendig klingt.

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Der Ort passt wunderbar zu den Techno-Geschichten, die er erzählt, nicht nur weil Kalkbrenners Management hier einige schmerzhaft nüchtern eingerichtete Räume gemietet hat. Nur ein paar Meter weiter, auf der anderen Seite des Flurs, liegt der Eingang zu einem der angesagtesten Clubs der Hauptstadt, mit schicker Dachterrasse, von der aus man an helleren Tagen weit über Berlin blicken kann. Und dann hieß das Gebäude ja auch einmal Haus des Reisens. Genau hier, in der Zentrale der Reisebüros der Deutschen Demokratischen Republik, wurde der eine Traum verwaltet, den nahezu alle DDR-Bürger träumten. Die wenigen, für die er in Erfüllung ging, konnten sich am Alexanderplatz dann ihre Unterlagen abholen.

Der Ort passt aber auch so gut, weil all das, was damals so viele bewegte, graues Papier blieb im Vergleich zu dem, was tatsächlich passierte. Als die Menschen, die ihre Büros im Haus des Reisens hatten, sich nach neuen Jobs umsehen mussten und eine neue Zeit begann, war Kalkbrenner – geboren 1977 in Leipzig, aufgewachsen in Berlin – zu jung für chronisches Fernweh, hörte aber bereits die Musik der neuen Zeit. Mit 14 Jahren begann er selbst Platten aufzulegen, in Jugendclubs, mit 17 brach er die Schule ab, weil er wusste, dass er Musiker werden wollte. Heute spielt der kleine, drahtige Mann vor Zehntausenden, verkauft Hunderttausende von Platten und reist durch die ganze Welt.


Eben war er noch in Boston, Montreal und Los Angeles, demnächst geht es weiter nach Japan und Australien, ein Leben in ständiger Bewegung. Dabei ist er schon viel weniger unterwegs als früher, auf ungefähr 50 Auftritte, schätzt er, kommt er in diesem Jahr. Lieber nicht so viele Gigs, sagt Kalkbrenner, dafür größere. 2009 waren es noch 142 Termine, an die Zahl erinnert er sich genau, denn im Jahr zuvor war Berlin Calling in die Kinos gekommen. Der von Kalkbrenner komponierte Soundtrack verkaufte sich im sechsstelligen Bereich, für ein Techno-Album ein unerhörter Erfolg, die Single Sky and Sand, auf der sein Bruder Fritz, selbst erfolgreicher DJ und Produzent, als Vokalist gastierte, wurde zum Hit, an dem bis heute kaum ein Raver vorbeikommt.

»Man muss ja nich immer gleich so ’n Ding draus machen«

Dass der Film Kalkbrenner zum Star beförderte, lag vor allem an der Hauptrolle, die er selbst übernommen hatte: Für einen Laiendarsteller überraschend gekonnt spielte er einen DJ, der um die Welt jettet, also einerseits sich selbst; andererseits erleidet die Hauptfigur einen drogeninduzierten Nervenzusammenbruch und landet in der Psychiatrie, mit Corinna Harfouch als behandelnder Ärztin. Dieses Schicksal ist dem echten Kalkbrenner erspart geblieben, obwohl er offen zugibt, seinen Teil Drogen genommen zu haben, und sich auch nicht scheut, von Depression zu sprechen, wenn er das Loch meint, das im Hotelzimmer auf einen wartet, wenn man gerade eben noch die Massen beglückt hat. Kalkbrenners Kommentar fällt berlinisch trocken aus: »Man muss ja nich immer gleich so ’n Ding draus machen.«

Berlin Calling machte den Mann aus Leipzig aber nicht nur berühmt, der Film belebte auch den zwischenzeitlich etwas verblassten Mythos von der Techno-Welthauptstadt Berlin neu – zum Glück für das Citymarketing und zum Segen Brandenburgs. Kalkbrenner-Auftritte sind Megashows, sie ziehen Tausende an, die sich von seinen sphärischen Melodien umfangen lassen wie von einer Gebärmutter, während die Rhythmen freundliche Arschtritte austeilen. Und alle sind sie ein wenig wie Kalkbrenner selbst: Leute, die die Welt praktisch sehen und nicht so ’n Ding draus machen, die einfach nur hart arbeiten und sich am Wochenende mal amüsieren wollen, die aus dem Umland kommen und sich nur bedingt darum scheren, was in den Hipsterzirkeln von Berlin-Mitte gerade für in oder für out befunden wird. Ohnehin sind die Hipster längst weitergezogen, geblieben sind die Feiernden.

Leserkommentare
  1. Kalkbrenner ist nicht Techno. Dankeschön

    8 Leserempfehlungen
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    "Wie oft noch Kalkbrenner ist nicht Techno."
    -------------------------------
    "Techno ist tot, sagt Paul Kalkbrenner, es lebe Techno!"
    -------------------------------
    Na dann klären Sie Kalkbrenner mal auf über das was er macht. ;)

  2. Gefällt mir persönlich überhaupt nicht. Erinnert mich immer an All-Inclusive Reisen irgendwie.

    5 Leserempfehlungen
    • eklipz
    • 07. Dezember 2012 14:50 Uhr

    sehr sehr emotionsverstärkende Musik zu machen. Sicher, es ist "mainstream" geworden, aber die coolen Underground-Leute gehen mir auf den Sack. Dabei sind mir kleinen dunklen Clubs trotzdem wesentlich lieber, als große unpersönliche Hallen. Und auch die früher-war-alles-besser-fraktion nervt, die gibts aber überall. Ich liebe seine Musik genauso wie den Minimal der 2000er und den aktuellen House-Boom liebe.

    Letztlich ist es ganz einfach: Erlaubt ist, was gefällt. Würden die selbsternannten das-ist-techno-und-das-nicht-Besserwisser das verinnerlichen, hätten sie selbst weniger Stress und würden andere weniger stressen.

    6 Leserempfehlungen
    • Marobod
    • 07. Dezember 2012 14:51 Uhr

    noch immer Menschen die Elektro mit Techno verwechseln.

    Techno ist eine Unterart der elektronischen Musik

    http://en.wikipedia.org/w...

    hatte mal eine bessere Seite, aber die is unauffindbar ...

    Kalkbrenner ist mehr im Downbeat und trance sektor zu verorten. Aber wenn er selbst von sich sagt er macht techno-Musik, wird es wohl so sein, ich meide ihn seit einiger zeit weil er immer wenn man ihn auf nem Festival sieht seinen Berlin calling in seine Sets dort einbezeht, das ist lahm, vielleicht bin ich auch immer nur zum falschen zeitpunkt auf festivals wo er dabai ist ..:D

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Techno [ˈtɛknoʊ] ist eine Stilrichtung der elektronischen Musik. Der Begriff wird auch als Sammelbegriff für verschiedene, miteinander verwandte Stilrichtungen der elektronischen Musik verwendet."

    Quelle: http://de.wikipedia.org/w....

    Anstelle sich immer darüber Sorgen zu machen wem was zuzuordnen ist, lieber auf richtige Inhalte zurückbesinnen. Es spielt letztlich keine Rolle wie man etwas nennt, ob man es nun mag oder nicht. Und wie der Künstler seine eigene Musik einordnet sollte auch ihm oder ihr überlassen werden, solange das nicht völlig an der Realität vorbeigeht.

  3. Dance, das hat mit techno soviel am Hut, wie Wacken mit Volks Musik

    5 Leserempfehlungen
  4. "...Selbst dort (USA, Anm d. Verf), wo sonst Rock und R’n’B regieren, steht die elektronische Musik mittlerweile hoch im Kurs. ..."

    Hat ja auch lange genug gedauert, immerhin hat Techno (und House respektive Garage) ja mehr oder weniger amerikanische Wurzeln (Detroit, Chicago, NYC). Eher mehr.

    Aber da der Herr Kalkbrenner in meinen Ohren musikalisch eher den Massengeschmack trifft und weniger die richtigen Bretter spielt wundert mich das auch nicht.

    2 Leserempfehlungen
    • MWT
    • 07. Dezember 2012 15:43 Uhr

    Bitte lieber einen Artikel über Todd Terje schreiben, wäre interessanter. Es gibt viele gut Produzenten.
    Kalkbrenner schlachtet das ganze zu sehr aus.

  5. das RTL der elektronischen Tanzmusik,
    in der ZEIT verloren?
    höchstens in 'Gesellschaftskritik'

    2 Leserempfehlungen

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