Selbst aus großer Höhe wird der Alexanderplatz keine Schönheit mehr. Blickt man vom fünfzehnten Stock auf Berlins Mitte herunter, lösen sich die Unterschiede zwischen den Resten realsozialistischer Schaufensterarchitektur und neuesten Bausünden in Luft auf – wenn auch nicht in Wohlgefallen. Paul Kalkbrenner ist das einerlei, er hat Wichtigeres zu tun. »Techno ist tausend Mal totgesagt worden«, sagt er, »und doch weltweit populär.«

Der Mann weiß, wovon er spricht. Am Morgen desselben neblig verhangenen Novembertags, an dem wir uns in seinem Büro gegenübersitzen, ist er aus den USA zurückgekehrt, wo er acht Auftritte innerhalb von elf Tagen absolviert hat. Selbst dort, wo sonst Rock und R’n’B regieren, steht die elektronische Musik mittlerweile hoch im Kurs. Kalkbrenner ist müde, aber während er in einem grauen Sofa versinkt, muss er noch über sein neues Album Guten Tag sprechen, auf dem Techno tatsächlich sehr lebendig klingt.

Der Ort passt wunderbar zu den Techno-Geschichten, die er erzählt, nicht nur weil Kalkbrenners Management hier einige schmerzhaft nüchtern eingerichtete Räume gemietet hat. Nur ein paar Meter weiter, auf der anderen Seite des Flurs, liegt der Eingang zu einem der angesagtesten Clubs der Hauptstadt, mit schicker Dachterrasse, von der aus man an helleren Tagen weit über Berlin blicken kann. Und dann hieß das Gebäude ja auch einmal Haus des Reisens. Genau hier, in der Zentrale der Reisebüros der Deutschen Demokratischen Republik, wurde der eine Traum verwaltet, den nahezu alle DDR-Bürger träumten. Die wenigen, für die er in Erfüllung ging, konnten sich am Alexanderplatz dann ihre Unterlagen abholen.

Der Ort passt aber auch so gut, weil all das, was damals so viele bewegte, graues Papier blieb im Vergleich zu dem, was tatsächlich passierte. Als die Menschen, die ihre Büros im Haus des Reisens hatten, sich nach neuen Jobs umsehen mussten und eine neue Zeit begann, war Kalkbrenner – geboren 1977 in Leipzig, aufgewachsen in Berlin – zu jung für chronisches Fernweh, hörte aber bereits die Musik der neuen Zeit. Mit 14 Jahren begann er selbst Platten aufzulegen, in Jugendclubs, mit 17 brach er die Schule ab, weil er wusste, dass er Musiker werden wollte. Heute spielt der kleine, drahtige Mann vor Zehntausenden, verkauft Hunderttausende von Platten und reist durch die ganze Welt.


Eben war er noch in Boston, Montreal und Los Angeles, demnächst geht es weiter nach Japan und Australien, ein Leben in ständiger Bewegung. Dabei ist er schon viel weniger unterwegs als früher, auf ungefähr 50 Auftritte, schätzt er, kommt er in diesem Jahr. Lieber nicht so viele Gigs, sagt Kalkbrenner, dafür größere. 2009 waren es noch 142 Termine, an die Zahl erinnert er sich genau, denn im Jahr zuvor war Berlin Calling in die Kinos gekommen. Der von Kalkbrenner komponierte Soundtrack verkaufte sich im sechsstelligen Bereich, für ein Techno-Album ein unerhörter Erfolg, die Single Sky and Sand, auf der sein Bruder Fritz, selbst erfolgreicher DJ und Produzent, als Vokalist gastierte, wurde zum Hit, an dem bis heute kaum ein Raver vorbeikommt.

»Man muss ja nich immer gleich so ’n Ding draus machen«

Dass der Film Kalkbrenner zum Star beförderte, lag vor allem an der Hauptrolle, die er selbst übernommen hatte: Für einen Laiendarsteller überraschend gekonnt spielte er einen DJ, der um die Welt jettet, also einerseits sich selbst; andererseits erleidet die Hauptfigur einen drogeninduzierten Nervenzusammenbruch und landet in der Psychiatrie, mit Corinna Harfouch als behandelnder Ärztin. Dieses Schicksal ist dem echten Kalkbrenner erspart geblieben, obwohl er offen zugibt, seinen Teil Drogen genommen zu haben, und sich auch nicht scheut, von Depression zu sprechen, wenn er das Loch meint, das im Hotelzimmer auf einen wartet, wenn man gerade eben noch die Massen beglückt hat. Kalkbrenners Kommentar fällt berlinisch trocken aus: »Man muss ja nich immer gleich so ’n Ding draus machen.«

Berlin Calling machte den Mann aus Leipzig aber nicht nur berühmt, der Film belebte auch den zwischenzeitlich etwas verblassten Mythos von der Techno-Welthauptstadt Berlin neu – zum Glück für das Citymarketing und zum Segen Brandenburgs. Kalkbrenner-Auftritte sind Megashows, sie ziehen Tausende an, die sich von seinen sphärischen Melodien umfangen lassen wie von einer Gebärmutter, während die Rhythmen freundliche Arschtritte austeilen. Und alle sind sie ein wenig wie Kalkbrenner selbst: Leute, die die Welt praktisch sehen und nicht so ’n Ding draus machen, die einfach nur hart arbeiten und sich am Wochenende mal amüsieren wollen, die aus dem Umland kommen und sich nur bedingt darum scheren, was in den Hipsterzirkeln von Berlin-Mitte gerade für in oder für out befunden wird. Ohnehin sind die Hipster längst weitergezogen, geblieben sind die Feiernden.

Kalkbrenner ist kein Mann der großen Worte

Das war einmal anders, zu Beginn der neunziger Jahre, als Techno von der Nischenveranstaltung zum Mainstream-Phänomen wuchs. Die Rave-Generation wurde nicht nur von neuen synthetischen Drogen angetrieben, sie war von einem geradezu messianischen Eifer beseelt. Jahr für Jahr gab es zur Leistungsschau der Bewegung, der Love-Parade, Eröffnungsreden, in denen den groovenden Massen eine bessere Welt in Aussicht gestellt wurde: Friede, Freude, Eierkuchen. In ihrer luftigen Realitätsverkennung erinnerten diese nur halb ironischen Kanzelpredigten ein wenig an die Reden von Generalsekretären: Techno für Techno-Parteigänger. Schriftsteller wie Rainald Goetz trugen die Message vom herbeigetanzten Heil schließlich bis hinauf ins hehre Feuilleton. Kein Fall für Kalkbrenner.

Er war zwar mit von der Partie, als der Club zur Kathedrale der Dancefloor-Moderne erhoben wurde, das ganze Gewese um Beats und Bässe aber blieb ihm fremd: Wenn man im Arbeiterbezirk Friedrichshain aufgewachsen ist, tut man sich schwer, zu Theorien zu tanzen, in denen Wörter wie »Körperpolitik« vorkommen. Dafür hat man im Zweifelsfall den längeren Atem: Während die Wortführer verschwunden sind, ist Kalkbrenner noch da, etwas älter vielleicht und nüchterner als damals, aber noch immer gut in der Lage, sich zwischen den unzähligen Zigaretten, die er beim Reden raucht, mal eben kurz zu echauffieren. »Es hat sich herausgestellt«, sagt er und wühlt sich aus den Polstern seines Sofas heraus, »dass nicht die vielen Exegeten der Musik das Entscheidende waren, sondern dass die Musik selbst offensichtlich nicht ganz schlecht ist. Die Intellektualisierung hat sich erschöpft.«

Seine Songs heißen »Fochleise- Kassette« oder »Speiseberndchen«

Plötzlich ist ihm der lange Flug nicht mehr anzumerken, es kommt Stimmung auf. Kalkbrenner spricht von seinem Selbstverständnis, dem »sehr großen Handwerkerstolz«, den er der Intellektuellenfraktion schon immer entgegengesetzt habe. Er erzählt, dass er als Kind der DDR Trompete gelernt hat und sich auch heute nicht als DJ im gängigen Sinn sieht, sprich: als bloßer Musikaufleger, der aus der Plattenkiste oder von der Festplatte ein Set aus Stücken zusammenstellt, die zumeist von anderen stammen. Der »Kalkbrenner-Sound«, wie er ihn selbstbewusst nennt, entsteht in Echtzeit auf der Bühne, indem er seine elektronischen Klangerzeuger bedient wie ein Musiker sein Instrument. Das Ganze wird »quasi manufakturmäßig herstellt«. Außerdem spielt Kalkbrenner ausschließlich Eigenkompositionen, die er nicht, wie in der Techno-Produzenten-Branche sonst üblich, Tracks nennt, sondern Songs.

Zur Unterstreichung seines Facharbeiter-Zugangs gibt er diesen Songs schon seit Jahren Titel, die viel Lokalkolorit atmen, aber garantiert nicht als Interpretationshilfe taugen. Auch auf Guten Tag heißen die Stücke wieder Das Gezabel, Des Bieres Meuse oder Speiseberndchen. Der Künstler nennt das »Dada und Buchstabensuppe« und freut sich, wenn Radiomoderatoren ganz ernst solchen Unsinn ansagen müssen: Und jetzt hören Sie den Titel Fochleise-Kassette! Ganz generell ist Kalkbrenner kein Mann der großen Worte und vor allem: kein Angeber. Deshalb lehnt er auch alle Anfragen »von irgendwelchen Rappern, die über einen meiner Songs was drübersülzen wollen«, rigoros ab. Texte, sagt er, brauchen seine Songs nicht. »Wenn ich was zu sagen habe, dann sage ich das. Wenn ich Musik mache, dann mache ich Musik.«

Gleich müssen wir Schluss machen, Kalkbrenner will weiter, was bleibt, ist eine seltsame Momentaufnahme vom Himmel über Berlin. Ganz oben, im fünfzehnten Stock, unter sich die Stadt, die im Takt der Beats irgendwie zusammengewachsen ist, sitzt der herausragende Vertreter dieses zurückgebauten, entphilosophierten Techno und hat nur eine Botschaft: Musik ist Musik. Noch immer pulsiert die Bassdrum, aber sie fordert nicht. Sie lässt den Tänzer glauben, es wäre sein eigener Rhythmus, dem er sich hingibt. Statt die Welt besser machen zu wollen, verspricht sie nur eins: Die Reise ist noch nicht zu Ende.