Schulabbrecher, überzeugter Praktiker, Trompeter: Paul Kalkbrenner © Paul Kalkbrenner Musik

Das war einmal anders, zu Beginn der neunziger Jahre, als Techno von der Nischenveranstaltung zum Mainstream-Phänomen wuchs. Die Rave-Generation wurde nicht nur von neuen synthetischen Drogen angetrieben, sie war von einem geradezu messianischen Eifer beseelt. Jahr für Jahr gab es zur Leistungsschau der Bewegung, der Love-Parade, Eröffnungsreden, in denen den groovenden Massen eine bessere Welt in Aussicht gestellt wurde: Friede, Freude, Eierkuchen. In ihrer luftigen Realitätsverkennung erinnerten diese nur halb ironischen Kanzelpredigten ein wenig an die Reden von Generalsekretären: Techno für Techno-Parteigänger. Schriftsteller wie Rainald Goetz trugen die Message vom herbeigetanzten Heil schließlich bis hinauf ins hehre Feuilleton. Kein Fall für Kalkbrenner.

Er war zwar mit von der Partie, als der Club zur Kathedrale der Dancefloor-Moderne erhoben wurde, das ganze Gewese um Beats und Bässe aber blieb ihm fremd: Wenn man im Arbeiterbezirk Friedrichshain aufgewachsen ist, tut man sich schwer, zu Theorien zu tanzen, in denen Wörter wie »Körperpolitik« vorkommen. Dafür hat man im Zweifelsfall den längeren Atem: Während die Wortführer verschwunden sind, ist Kalkbrenner noch da, etwas älter vielleicht und nüchterner als damals, aber noch immer gut in der Lage, sich zwischen den unzähligen Zigaretten, die er beim Reden raucht, mal eben kurz zu echauffieren. »Es hat sich herausgestellt«, sagt er und wühlt sich aus den Polstern seines Sofas heraus, »dass nicht die vielen Exegeten der Musik das Entscheidende waren, sondern dass die Musik selbst offensichtlich nicht ganz schlecht ist. Die Intellektualisierung hat sich erschöpft.«

Seine Songs heißen »Fochleise- Kassette« oder »Speiseberndchen«

Plötzlich ist ihm der lange Flug nicht mehr anzumerken, es kommt Stimmung auf. Kalkbrenner spricht von seinem Selbstverständnis, dem »sehr großen Handwerkerstolz«, den er der Intellektuellenfraktion schon immer entgegengesetzt habe. Er erzählt, dass er als Kind der DDR Trompete gelernt hat und sich auch heute nicht als DJ im gängigen Sinn sieht, sprich: als bloßer Musikaufleger, der aus der Plattenkiste oder von der Festplatte ein Set aus Stücken zusammenstellt, die zumeist von anderen stammen. Der »Kalkbrenner-Sound«, wie er ihn selbstbewusst nennt, entsteht in Echtzeit auf der Bühne, indem er seine elektronischen Klangerzeuger bedient wie ein Musiker sein Instrument. Das Ganze wird »quasi manufakturmäßig herstellt«. Außerdem spielt Kalkbrenner ausschließlich Eigenkompositionen, die er nicht, wie in der Techno-Produzenten-Branche sonst üblich, Tracks nennt, sondern Songs.

Zur Unterstreichung seines Facharbeiter-Zugangs gibt er diesen Songs schon seit Jahren Titel, die viel Lokalkolorit atmen, aber garantiert nicht als Interpretationshilfe taugen. Auch auf Guten Tag heißen die Stücke wieder Das Gezabel, Des Bieres Meuse oder Speiseberndchen. Der Künstler nennt das »Dada und Buchstabensuppe« und freut sich, wenn Radiomoderatoren ganz ernst solchen Unsinn ansagen müssen: Und jetzt hören Sie den Titel Fochleise-Kassette! Ganz generell ist Kalkbrenner kein Mann der großen Worte und vor allem: kein Angeber. Deshalb lehnt er auch alle Anfragen »von irgendwelchen Rappern, die über einen meiner Songs was drübersülzen wollen«, rigoros ab. Texte, sagt er, brauchen seine Songs nicht. »Wenn ich was zu sagen habe, dann sage ich das. Wenn ich Musik mache, dann mache ich Musik.«

Gleich müssen wir Schluss machen, Kalkbrenner will weiter, was bleibt, ist eine seltsame Momentaufnahme vom Himmel über Berlin. Ganz oben, im fünfzehnten Stock, unter sich die Stadt, die im Takt der Beats irgendwie zusammengewachsen ist, sitzt der herausragende Vertreter dieses zurückgebauten, entphilosophierten Techno und hat nur eine Botschaft: Musik ist Musik. Noch immer pulsiert die Bassdrum, aber sie fordert nicht. Sie lässt den Tänzer glauben, es wäre sein eigener Rhythmus, dem er sich hingibt. Statt die Welt besser machen zu wollen, verspricht sie nur eins: Die Reise ist noch nicht zu Ende.