Wo Joachim Gauck in offizieller Mission auftaucht, teilen sich vor ihm die Massen wie die Wogen einst vor Moses. Gauck schreitet dann huldvoll die Reihen entlang, nickt freundlich lächelnd mal hierhin, mal dorthin und scheint ansonsten ganz ergriffen zu sein, von sich und seiner eigenen Bedeutung. Ich, Gauck, Pfarrer und Präsident.

Wenn er, sei es bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises , sei es beim Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung, mal wieder eine geschliffene Rede gehalten hat, eine Rede also, die rhetorisch so gar nicht an das Geschwurbel von Horst Köhler, an das Langatmige von Christian Wulff erinnert, eine Rede, in der viel Freiheit und wenig Alltagskram vorkommt, sind alle ganz begeistert davon, wie toll dieser Bundespräsident ist. Alle – bis auf jene, die ihn dazu gemacht haben.

In der FDP herrscht Frust. Und massive Verärgerung . Die Liberalen haben sich einst gegen die Kanzlerin gestellt, um Gauck den Einzug ins Schloss Bellevue zu ermöglichen – und zum Dank dafür besetzt der Präsident die Schlüsselstellen in seinem Amt mit Sozialdemokraten und Grünen. Sie haben die Koalition mit der Union aufs Spiel gesetzt – und zum Dank dafür lässt Gauck sie links liegen. Sie haben für ihren Coup gleich doppelt bezahlt: mit der Selbstdemontage ihres Vorsitzenden vor laufender Kamera sowie mit Rachegelüsten bei der Union – und zum Dank dafür kommt vom Freiheitspräsidenten nichts, was der Freiheitspartei helfen könnte. Noch nicht einmal Inhalte. So sehen sie das in der FDP .

Zur Erinnerung: Als Wulff im Februar dieses Jahres als Bundespräsident zurücktrat, schwor Angela Merkel die Unionsspitze auf zwei Optionen für die Nachfolge ein: auf den Umwelt-Politiker Klaus Töpfer oder den evangelischen Bischof Wolfgang Huber. Den Grünsten der CDU oder einen SPD-Mann – beide empfand die FDP als Provokation, als unbotmäßiges Signal anderer Farbenlehren. Sie konterte, indem sie den Kandidaten von Rot-Grün, Gauck, zu ihrem machte und dies aus den laufenden Gesprächen mit Merkel heraus an die Presse durchsickern ließ. Es wurde laut im Kanzleramt, die Union drohte mit Koalitionsbruch, die Kanzlerin rettete ihre Regierung schließlich dadurch, dass sie einknickte. Zwei Tage später plauderte FDP-Chef Philipp Rösler beim ZDF-Lanz alles aus und verglich die Kanzlerin mit einem Frosch . Seitdem glaubt nur noch er selbst, dass Merkel ihn mag.

So viel Stress für gar keinen Ertrag. Als selbstverständlich betrachteten es die Liberalen zunächst noch, dass der frisch gekürte Präsident seinen engen Vertrauten David Gill, einen SPD-Mann, den Gauck seit seiner Zeit als Beauftragter für die Stasiunterlagen kennt, zum Chef seines Amtes machte. Dass Andreas Schulze, ein Mitarbeiter der Grünen-Fraktionschefin Renate Künast , Pressesprecher wurde und dafür die frühere Parlamentskorrespondentin des Bayerischen Rundfunks, Petra Diroll, gehen musste, gefiel zwar nicht allen, man nahm es jedoch hin, da Schulze den Job nur kommissarisch ausfüllen sollte, bis, so hieß es, eine Frau, katholisch, mit konservativem Profil und Nähe zu Schwarz-Gelb, gefunden sei.