Religion und Demokratie : Das elfte Gebot

Du sollst mit Gott nicht Politik machen! – Warum die Religion in der Demokratie immer neuen Streit auslöst.

Manchmal passen Religion und Politik perfekt zusammen. Manchmal sind Kirche und Staat ein schönes Paar. Nächste Woche zum Beispiel, wenn der deutsche Bundespräsident den deutschen Papst in Rom besucht und die Oberhäupter zweier gegensätzlicher Welten in derselben Sprache miteinander reden, dann wird es den Deutschen vorkommen, als sei nie etwas Trennendes zwischen diesen Welten gewesen. Der Katholik Joseph Ratzinger hat zuletzt ein Buch über Jesus geschrieben. Der Protestant Joachim Gauck hat zuletzt ein Buch über die Freiheit geschrieben. Aber in beider Heimat gehört das ja zusammen. Da sind Gott und Freiheit kein Gegensatz. Da haben Pastoren wie Gauck eine Diktatur gestürzt. Man könnte wirklich denken, Glauben und Demokratie – das passt.

Doch weit gefehlt. Der Glaube fügt sich nicht so ohne Weiteres in die moderne Welt. Unter Benedikt XVI. hat der Vatikan eine Doktrin verabschiedet, die besagt: Demokratie muss auf den Zehn Geboten fußen. Das heißt, der demokratische Staat soll sich zum Gott der Christen bekennen. Erst kommt Gott, dann der Staat. Nicht umgekehrt.

Meint der Papst das ernst? Dann trennt ihn von dem Pastor und Freiheitsprediger Gauck ein Abgrund. Es ist der Abgrund zwischen einem Glauben, der sich in den Rechtsstaat einfügt, und einem Glauben, der Sonderrechte beansprucht und Staat machen will. Jetzt werden die politischen Ansprüche von Religion wieder lauter – und wir streiten ständig über Gott. Erstaunlich! Da stehen viele Kirchen leer, und viele Kirchenmitglieder glauben auch nicht mehr so recht an Gott. Doch in der Öffentlichkeit ist Gott das große Thema.

Warum regt uns jede Woche eine neue Glaubensfrage auf: Ist das Ritual der Beschneidung eine Körperverletzung? Müssen wir die religiösen Gefühle unserer sensibleren Mitbürger gegen Karikaturen schützen? Brauchen wir vielleicht ein Gesetz gegen Blasphemie? Wer darf Kopftuch tragen in der Schule? Wohin hängen wir das Kruzifix? Und ist es nun okay, dass die Kirchensteuer vom Staat eingezogen wird und steuerlich abgesetzt werden darf, was den Staat jährlich drei Milliarden Euro kostet? – Spannende Debatte, aber man kann sie bald nicht mehr hören. Denn es geht ja jedes Mal um die im Grundgesetz längst beantwortete Frage: Wie viel Glauben verträgt die Demokratie?

An der Spitze der Bundesrepublik wissen sie das genau. Dort steht nicht nur als Präsident ein ehemaliger Pastor, sondern auch als Kanzlerin eine Pfarrerstochter, und nächstes Jahr könnte die Kirchentagspräsidentin a. D. Katrin Göring-Eckardt im Bundestagswahlkampf eine entscheidende Rolle spielen. Christliche Politiker genießen in unserer zunehmend entkirchlichten Gesellschaft hohes Ansehen. Und das ist kein Wunder, denn sie verkörpern einen aufgeklärten Glauben, der religiöse Gewissheit und staatsbürgerliche Freiheit versöhnt.

Leider ist die Selbstaufklärung der Religion noch am Anfang. Nicht nur die gewalttätigen Islamisten und die verbotswütigen Evangelikalen führen uns das vor. Wenn der Vatikan sich durchsetzen könnte und die Zehn Gebote würden wirklich für alle Bürger gelten, dann wäre die Demokratie nicht mehr weltanschaulich neutral, und Religionsfreiheit gäbe es auch nicht. Dann hätten wir einen Gottesstaat. Wer aber im Gottesstaat Gott leugnet, ist ein Staatsfeind. So war das im christlichen Absolutismus Europas, so ist das heute im Iran.

Hat der Vatikan das übersehen? Natürlich nicht. Er überträgt einfach den Wahrheitsanspruch der Religion auf die Politik. So gerät er aus dem Rechtsstaat unversehens in die Glaubensdiktatur. Um das zu verhindern, gibt es im Westen heute eine mehr oder minder strikte Trennung zwischen Kirche und Staat. Diese Trennung erlaubt es den deutschen Katholiken, in ihrer Eigenschaft als Bürger religiöse Weisungen aus Rom zu ignorieren. Trotzdem bleibt da ein Konflikt.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Wozu mehr "nerven" als nötig?

Danke für den engagierten Beitrag. Aber würde ein "elftes Gebot" nicht die Anerkennung der vorausgegangenen "Zehn Geboten" bedeuten, was dann wieder der Vatikan-Doktrin entspräche? Und wie kann ein Taufverbot mit einem Beschneidungsverbot begründet werden, wenn ersterem keine grundgesetzlich verweigerte Körperverletzung bei fehlender Zustimmungsfähigkeit zugrunde liegt?

Eine Frage der Überinterpretation

Alles kann so interpretiert werden, dass etwas eigentlich Gutes plötzlich hochproblematisch erscheint. Unserer Kultur ist es gelungen, selbst die 10 Gebote so falsch zu interpretieren, dass Aktionen wie eben die Zerstörung der Buddhastatuen das Ergebnis ist.
"Du sollst keine anderen Götter neben mir haben" ist der Entwicklungsschritt vom Polytheismus zum Monotheismus. Aus diesem menschheitsgeschichtlich bedeutsamen Schritt wurde plötzlich Intoleranz.
Viele Gebote des Alten Testaments gehören in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext wahrgenommen und als Startpunkt einer ethischen Entwicklung. Es war ein Fortschritt, dass der Mensch aus dem eigenen Volk nicht getötet werden durfte, siehe als schlechtes Beispiel Rom. Aus diesem Startpunkt ging die Entwicklung glücklicherweise so weit, dass im 20. Jahrhundert auch das Töten des Soldaten mit einbezogen wurde.
Ethische Entwicklung heißt das Stichwort. Man darf einem Apfel im Frühjahr nicht vorwerfen, dass er noch nicht reif ist. Schön wäre es, unsere Kultur würde ethisch auch etwas weiter reifen. In 200 Jahren werden wir die Vorwürfe bekommen, die wir heute unserer Vergangenheit machen.

Die Einzelfallgerechtigkeit kommt übrigens im Alten Testament vor, sie nennt sich die "kasuistische Ethik".