"Märkte für Menschen"Männer, die sehr einsam sind

Gibt es ein Finanzsystem, das sich mit dem guten Leben in einer freien Gesellschaft verträgt? Der Verhaltensökonom Robert J. Shiller macht einen bemerkenswerten Vorschlag. von Lisa Herzog

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale Universität.

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale Universität.  |  © Michael Marsland

Wer sich mit der Kritik am Finanzsystem befasst, bewegt sich automatisch auf politischem Terrain, denn weniges wäre gegenwärtig politisch bedeutsamer als eine Reform des Finanzsystems. Unter dessen Kritikern gibt es verschiedene Typen: Da sind visionäre Utopisten einerseits und pragmatische Reformer andererseits. Da gibt es die einen, die sich mit technischen Details auseinandersetzen, und die anderen, die die großen Fragen nach Werten und Prinzipien stellen. Einen renommierten Ökonomie-Professor aus Yale, der nebenbei seine eigene Investmentfirma gegründet hat, würde man auf den ersten Blick im Lager der Pragmatiker und Techniker vermuten. Doch Robert J. Shiller ist nicht irgendein Ökonom. Schon in den achtziger Jahren weckte er mit empirischen Arbeiten Zweifel daran, dass Finanzmärkte immer effizient arbeiten. Als einer von ganz wenigen sah er die Blase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt voraus. Shillers Vorteil: Er ist Verhaltensökonom, er nimmt die Gefühle und Leidenschaften der Menschen, ihre Neigung zu sozialer Konformität, aber auch ihre aggressiven Triebe, ernst. Gründe genug, sich auf die Lektüre seines neuen Buches Märkte für Menschen zu freuen – und man wird nicht enttäuscht.

Shillers Ziel ist, ein Finanzsystem für eine »Gesellschaft freier Menschen« zu entwerfen. In der ersten Hälfte des Buches untersucht er die Funktionen verschiedener Akteure des Finanzsystems, von Managern über Regulierungsbehörden bis hin zu Notenbankern und Stiftern. Er erinnert daran, dass viele derjenigen, die sich in den letzten Jahren öffentlicher Kritik ausgesetzt sahen, letztlich eine sinnvolle Rolle spielen könnten. Eine Gesellschaft ohne ein entwickeltes Finanzsystem wäre keine wünschenswerte Alternative – deswegen muss es nach vorne gehen, zu einem besseren Finanzsystem, das vor allem demokratischer ist. Dieser erste Teil des Buches ist ein solider Überblick über den Ist-Zustand. Auch wenn Shiller dabei manchmal eine Spur zu technokratisch und apologetisch klingen mag, verliert er nie aus dem Blick, dass das Finanzsystem kein Selbstzweck ist, sondern im Dienst des guten Lebens einer Gesellschaft stehen soll. Immer wieder flicht Shiller historische Beispiele ein; er schreibt einen flüssigen und gut lesbaren Stil, wie nur wenige Ökonomen es vermögen.

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Richtig spannend wird die Lektüre in der zweiten Hälfte des Buches, in der Shiller konkrete Verbesserungsvorschläge für das Finanzsystem entwickelt, die die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie nutzen. Er setzt sich dafür ein, Finanzberatung durch öffentliche Subventionen zu demokratisieren und alles zu tun, um die Risikoliebe und Geltungssucht der Menschen in produktive Bahnen zu lenken. Er will das Finanzsystem weniger anfällig für die Fehler Einzelner machen und die starke Konzentration wirtschaftlicher Macht korrigieren, zum Beispiel durch höhere Steuersätze für große Finanzfirmen. Er plädiert für ein Steuersystem, dessen Progressionsgrad an das Maß an Ungleichheit in der Gesellschaft gekoppelt ist und so der immer größeren Divergenz zwischen Arm und Reich entgegenwirkt. Er will die Menschen – alle Menschen! – durch ein besseres Versicherungssystem gegen bislang unversicherte Risiken, wie zum Beispiel den Wertverlust des eigenen Hauses, absichern.

Es ist erfrischend, mit welcher Offenheit und Ehrlichkeit Shiller diese Vorschläge zur Diskussion stellt, immer bemüht, die dunklen Seiten der menschlichen Natur im Blick zu haben und trotzdem am Ideal einer gerechteren Gesellschaft festzuhalten. Es sind ganz konkrete Vorhaben, aber ihnen wohnt durchaus ein visionärer Zug inne, vor allem, wenn man sie in ihrer Gesamtheit betrachtet. Sie machen klar, dass, wer nach einer besseren Realisierung von Werten wie Gleichheit und Freiheit fragt, um finanztechnische Sachkenntnis und die Auseinandersetzung mit institutionellen Details nicht herumkommt. Shillers Fähigkeit, seinen reichen Erfahrungsschatz und die Ergebnisse jahrelanger Forschung in allgemeinverständliche – und damit politisch vermittelbare – Vorschläge zu gießen, ist bewundernswert und inspirierend.

Allerdings beschleicht einen bei der Lektüre manchmal ein beklemmendes Gefühl. Was sind das für Menschen, für die Shiller die Finanzmärkte besser machen will? Fast immer scheinen es einzelne Individuen zu sein – vermutlich Männer, da Frauen in der Finanzwelt bekanntlich rar sind; die einzige Ausnahme bildet ein seltsam technisch anmutender Exkurs über Partnerbörsen. Shillers Menschen sind Männer, die ihr Leben lang hart arbeiten, mit ihrem finanziellen Erfolg als einzigem Kompass. Eine seltsame Einsamkeit weht einen aus den Seiten des Buches heraus an, auf denen Shiller dies diskutiert. Man fühlt sich an die Gemälde Edward Hoppers erinnert oder an die traurigen Helden John Updikes. Und wie ein Gespenst aus der Vergangenheit blickt die Urangst des protestantischen Menschen vor Misserfolg, die Max Weber so eindrucksvoll geschildert hat, dem Autor über die Schulter. Halb bewusst scheint Shiller dies selbst zu spüren und schlägt als Therapie gegen das »Risiko der Bedeutungslosigkeit« vor, Geld zu spenden oder Stiftungen zu gründen, wenn man denn einmal reich geworden ist – die Anreize dafür, so Shiller, sollten dringend verbessert werden. Aber die Sinnstiftung durch Philanthropie steht nur einer kleinen Elite offen und widerspricht damit den egalitären Prinzipien, auf die er sich beruft.

Leserkommentare
  1. Der Artikel kritisiert, dass Robert Shiller nicht den homo oeconomicus überwindet: "... er [Robert Shiller] bleibt dessen Individualismus und der Ausrichtung am Gewinnstreben verhaftet. Dass Menschen auch Sinn darin finden können, durch ihre Arbeit einen Beitrag zum Gemeinwesen zu leisten, ..."

    Die Überwindung des homo oeconomicus ist im Bereich der Hochfinanz kaum sinnvoll. Es hat Systeme gegeben, in dem man die Allokation des Kapitals nach Gemeinwohlüberlegungen getroffen hat, nämlich den real existierenden Sozialismus, und es hat nicht funktioniert (um es milde auszudrücken). Angeblich gemeinwohlorientierte Institute wie die heutigen Landesbanken wiederum haben mitgeholfen, die US-Finanzblase aufzupumpen und dem Steuerzahler Milliarden-Verluste beschert. Die kapitalistischen Regelungen mit den gewinnorientieren Banken und Finanzinstitutionen haben hingegen die industrielle Revolution ermöglicht: Eisenbahnen, Aktiengesellschaften, internationalen Handel usw. usf., mit einer Wohlstandsexplosion, wie die Menschheit sie noch nie gesehen hat.

    Die jüngsten Krisen lassen mit Recht darüber nachdenken, ob am Finanzsystem nicht etwas verbessert werden muss. Aber die Hoffnung auf eine Gemeinwohlorientierung der Akteure zu setzen, ist verfehlt. Besser ist es, die Gewinnorientierung des Menschen so zu kanalisieren, dass das Gemeinwohl und sein eigenes Wohl in Übereinstimmung sind und nicht gegeneinander arbeiten.

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