Salvador-Dalí-Ausstellung : Vom Stopfen voller Bäuche

Eine Heldenschau in Paris will den Kitschtitanen Salvador Dalí rehabilitieren. Kann das gelingen?

Es klappt also noch immer. Im Jahr 1979 zeigte das Centre Pompidou in Paris eine Dalí-Schau, die zur erfolgreichsten Ausstellung des Museums bis zum heutigen Tag werden sollte. Und nun, im Jahr 2012, am ersten Wochenende nach der Eröffnung der neuen Dalí-Retrospektive, stehen die Besucher wieder Schlange. Harren ein, zwei Stunden in der Kälte aus, dann noch mal eine Stunde im Museum. Es sind Szenen, wie man sie sonst nur von Boygroup-Konzerten oder iPhone-Erstverkaufstagen kennt. Aber irgendwie passt das ja. Schließlich war es Salvador Dalí, der den Surrealismus am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in ein Lifestyle-Accessoire zu verwandeln begann, der in der Nachkriegszeit die Avantgarde auf Massenkompatibilität trimmte und sein Leben als schrilles Theaterstück inszenierte.

Weite Teile der Kunstkritik stuften den katalanischen Exzentriker als Karzinom im edlen Körper der Avantgarden ein. Dennoch eroberte er mit hyperrealistischen Darstellungen schmelzender Uhren und nackter Psycho-Pin-ups das breite Publikum wie kein moderner Künstler vor ihm. Lange bevor man über die Postmoderne zu debattieren begann, beherrschte Dalí deren Kür, paradoxe Positionen wie selbstverständlich zu kombinieren. Er unterzog den antiakademischen Stil der Avantgarden einer altmeisterlichen Rosskur, konvertierte vom atheistischen Surrealismus zum autoritären Katholizismus, arbeitete für Hollywood und das Vogue- Magazin, designte Kitsch-Schmuck, war mit dem Nazibildhauer Arno Breker befreundet und führte sein Sexualleben auf wie eine Seifenoper für Freud-Fans. Durch solche Metamorphosen blieb er seltsam amorph, wie Dracula. Und häufte ähnlich fantastische Reichtümer an.

Dalí gebührt das Verdienst, früh alle Charakteristika der spätkapitalistischen Ökonomie im Narrenkostüm verkörpert zu haben: Provokation als Anbiederung, Individualismus als Ignoranz, Renegatentum als Branding, Mystik als Steigbügelhalterin des knallharten Geschäfts. Wie die Kulturindustriellen Madonna und Arnold Schwarzenegger erreichte er eine Zielgruppenmaximierung par excellence, wobei er sich erbitterten Hass wie auch ergebene Bewunderung zuzog. Während Madonna und Schwarzenegger die Kulturindustrie der Kunst annäherten, ging Dalí genau andersherum vor.

Der Autor

Jörg Scheller lehrt Kunstgeschichte in Zürich. Jüngst von ihm erschienen: »Arnold Schwarzenegger oder Die Kunst, ein Leben zu stemmen« (Franz Steiner Verlag). Die Dalí-Ausstellung im Centre Pompidou läuft bis zum 25. März

Mehr als zwei Dekaden nach seinem Tod wäre die Zeit reif, vor allem diese Faszination seines Œuvres vertieft zu thematisieren. Gleich einem halluzinogenen Gasgemisch ist Dalís Ödipus-Folklore durch alle Ritzen des Lebens gewabert, von den Galerien in die Museen in die Theater in die Wohnzimmer in die Zahnarztpraxen in die Kindergärten. Doch das Centre Pompidou hat anderes im Sinn, als sein Werk von den Rändern her zu denken. Hier möchte man ihn im Gegenteil wieder im Kreis der Kunstgenies begrüßen. Der Versuch einer Rückführung in den Schoß der Avantgarde geht so weit, dass man im Katalog auf nachgerade kindische Weise die alte Fehde zwischen Dalí und Picasso wiederbelebt – und Dalí gewinnen lässt: »Heute wird Dalí stärker nachgeahmt und bietet einen stimulierenderen Ideenquell für junge Künstler als Picasso.« So richten die Kuratoren ihm denn eine Heldenschau aus, häufen 200 Werke an, arrangieren sie brav in chronologischer Folge und sehen von einer breiten kultur- und bildwissenschaftlichen Betrachtung ab, die Dalís Hybridität gerecht würde.

Dass es bei diesem Dalíkatessen-Bankett um das Stopfen voller Bäuche geht, legt der Schwerpunkt auf den ohnehin schon inflationär reproduzierten Gemälden des narzisstischen Brummkreisels nahe. Kein Dalí in der Schokoladenwerbung. Kein Dalí als Designer für Chupa Chups. Nein, diese Ausstellung huldigt vor allem der kanonisierten Flachware. Die Beständigkeit der Erinnerung, Der Große Masturbator, Die Metamorphose des Narziss – die Greatest Hits sind alle da, ergänzt um Zeichnungen, Bühnenbilder, Assemblagen, Filme, Fotografien. Und leider zeigt sich, dass die Kopien der Gemälde oft besser sind als die Originale. Dalís Strategie, seine küchenpsychologisch vernebelten Ratespiele mit streberhafter, klinischer Präzision auf die Leinwand zu bringen, kommt erst durch die Reproduktion vollendet zur Geltung. Je airbrushiger, desto gelungener.

Vor den Originalen wird zudem gerade beim Spätwerk klar, dass es mit der viel beschworenen technischen Meisterschaft Dalís vielleicht doch nicht so weit her ist. Ausflüge in die gestische Malerei geraten zur lustlosen Farce, und wenn der alternde Guru mit der Pop-Art flirtet, kollidiert Psychologismus mit Oberflächenkult.

Wer nun behauptet, die Geschichte habe Dalí recht gegeben, weil Jeff Koons, Takashi Murakami und Damien Hirst seine Strategien erfolgreich adaptieren, der erweist sich als Apologet des Status quo. Im Ruhm dieses Künstlers sonnen sich jene, die uns weismachen wollen, dass alle Gegensätze miteinander versöhnt werden können – die Korruption mit der Ethik, der Biomarkt mit dem SUV, die Selbstverwirklichung mit der Standardisierung. In Wahrheit recycelte Dalí seine Ideen der 1930er Jahre wie ein übereifriger Grafikdesigner mit Zusatzzertifikaten in Metaphysik und Parawissenschaft. Er zollte der Macht als solcher Tribut und hängte seinen Zwirbelbart in alle Winde. In die Geschichte eingehen wird er als L. Ron Hubbard des Surrealismus, als Silvio Berlusconi der Avantgarde, als Paulo Coelho des Kunstbetriebs.

Anzeige

Kultur-Newsletter

Was die Musik-, Kunst- und Literaturszene bewegt. Jede Woche kostenlos per E-Mail.

Hier anmelden

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Chagall Dalí Vasarely

waren einfach zu geldgierig und haben sich breitest möglich vermarktet/mit dem Ergebnis jetzt nicht anders als als Ramsch angesehen zu werden/einfach zu airbrushig
Es müssen wohl ein paar Jahrhunderte vergehen bis die wieder in höheren Gefilden vorsprechen dürfen.Die Kunstwelt kennt kein Pardon

Kunstkritiker

Auch dieser Artikel zeigt wieder einmal, daß die neuere Kunst in allererster Linie daran krankt, daß sich die Kunstkritiker zu eigentlichen Hohepriestern aufgeschwungen haben; zu Richtern über Gut und Schlecht.
Man muß Dalí nicht mögen, und es läßt sich auch nicht verleugnen, daß sein Werk etwas an der inflationären Fülle an Elaboraten mit vornehmlichem Repro-Charakter krankt, doch sollte man sich als über Kunst Schreibender vor quasi-prophetischen Verortungen seiner zukünftigen Relevanz hüten.
Wie die Zukunft Dalí sehen wird, das soll bitte nicht von den prophetischen Einschätzungen eines Autors abhängen; das sollen die zukünftig Lebenden selber entscheiden.