Das Licht an diesem Novembernachmittag verschwimmt schon, und im nassen Asphalt spiegeln sich die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos. Hier, in der Herzbergstraße in Berlin-Lichtenberg, steht er noch, der alte Osten. Ein DDR-Bürogebäude zwischen grauen Plattenbauten, Musiker können sich ein Zimmer mieten, 20 Quadratmeter für 110 Euro.

Eines gehört dem jungen Schlagzeuger Christian Lillinger. Auch ein Klavier steht hier; er teilt sich den Proberaum. Ideal sei es hier nicht, sagt er, die Wände kalt, keine Heizung. Im Winter trage er Schal und Handschuhe. Und von seiner Wohnung am Prenzlauer Berg brauche er eine Stunde hierher. »Wenn ich eine Idee habe und probieren möchte, wie sie klingt, ist das eine lange Zeit.«

Er träumt von Musikerhäusern: oben wohnen, unten proben.

Lillinger, 28 Jahre alt, fährt sich durch das blonde Haar, trommelt auf seinen Beinen, hat die Hände immer in Bewegung. Bei seinen Auftritten wird er so schnell, dass die Blicke kaum nachkommen. Während er in einer Sekunde noch ein Becken festhält, um es in kurzen Intervallen zu traktieren, reibt er in der nächsten Sekunde schon mit einer Plastikflasche über die Snare-Drum. Sein Spiel explodiert im Augenblick, es öffnet den Raum und fasziniert das Publikum, wie zuletzt beim Berliner Jazzfest, wo er zusammen mit dem 83-jährigen Klarinettisten Rolf Kühn auf der großen Bühne stand.

Auch da hat Lillinger sein rotes Megafon geschwenkt, mit dem er jede Vibration verstärken kann. Ist das jetzt sein Markenzeichen?

Er benutze es immer weniger, sagt er. »Die Leute fingen an, mich darüber zu definieren, dabei geht es mir nicht um Selbstdarstellung, sondern um Klang.« Auf der Bühne wirkt das manchmal anders. Da ist er der Berliner Hipster mit Rock-’n’-Roll-Tolle und exaltierter Gestik.

Neuerdings schwärmt er für eine Metallfeder, die in einer Metallkugel steckt. Wenn er sie auf ein Trommelfell legt und draufschlägt, klingt es geradezu elektronisch. »Ich habe Ideen, mit denen ich spielen will, die ich ausfeilen will, an denen ich so lange üben will, bis sie zu mir gehören, bis ich komplett frei bin«, sagt er. »Das ist ja das, was die Improvisation am Ende ausmacht: dass es fließt.«

Angefangen hat er mit 13, bei seinen Eltern in Lübben im Spreewald. »Ich stand damals auf Streetstyle und Hip-Hop. Auf dem Schlagzeug ging ein halbes Jahr erst mal gar nichts, nicht einmal die einfachen Rhythmen, die jeder hinbekommt. Aber ich habe wie besessen geübt, acht Stunden täglich.«

Als 15-Jähriger spielte er beim Tag der offenen Tür an der Musikhochschule in Dresden vor. Ihm gegenüber saß Günter »Baby« Sommer, der Schlagzeuger, der den freien Jazz in der DDR unters Volk gebracht hat. Sommer war beeindruckt, das Wunderkind durfte kommen, auch wenn es noch kein Abitur hatte.